Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
König ohne Land

Farik aus Pakistan gewann die Kürbiskrone von Bölzke König ohne Land

Erst fünf Tage waren vier junge pakistanische Flüchtlinge in Pritzwalk, als sie die Einladung zum Bölzker Kürbisfest erhielten. Der 23-jährige Farik wurde dabei auf Anhieb Kürbiskönig. Das Quartett war jüngst über Ungarn, München und Eisenhüttenstadt in die Prignitz gekommen.

Voriger Artikel
Sieben Schüler geben Drogenkonsum zu
Nächster Artikel
Das war’s mit 1,60 Meter Fahrrinnentiefe

Über zehn Länder nach Deutschland (v.l.): Malik, Ahmed, Farik und Assif hatte in Bölzke viel Spaß.

Quelle: : Förderverein

Pritzwalk. Farik muss sich mit Kürbissen auskennen. Beim Schätzen war er einfach der Beste, etwa bei der Zahl der Kürbiskerne in einem Glas. Es waren 1387, Farik tippte auf 1300 und war damit erstaunlich nah dran. Auch das Gewicht eines Kürbis konnte er ziemlich exakt taxieren. Bei den Geschicklichkeitsspielen schnitt er so gut ab, dass er in der Addition auf Platz 1 lag und sich nun Kürbiskönig von Bölzke nennen darf, weil er beim dortigen Kürbisfest den Sechskampf um die Kürbiskrone gewonnen hatte.

Dabei ist Farik fernab von seiner Heimat, ein König ohne Land sozusagen. Zusammen mit Assif, Ahmed und Malik, wie Farik allesamt aus Pakistan, ist er erst fünf Tage vor dem Kürbisfest in Bölzke nach Deutschland gekommen und jetzt in Pritzwalk-Nord untergekommen. Eingeladen wurde das Quartett vom Förderverein zum Erhalt der Bölzker Kirche (FEBK). Über die unerwartete Ehrung war der 23-jährige Farik sehr glücklich, aber er war auch sehr überrascht. Jedenfalls gab es genug Grund für die vier Flüchtlinge, nach dem Fest in ihrer Unterkunft noch ein wenig zu feiern. Via Facebook haben sie Bölzke bereits in aller Welt bekannt gemacht – Videos und Fotos von der Krönung des Kürbiskönigs kursieren jetzt im weltweiten Netz.

Farik mit Kürbis-Krone

Farik mit Kürbis-Krone.

Quelle: Atzenroth

In Bölzke mochten manche kaum glauben, dass ausgerechnet einer der Gäste den Wettbewerb gewonnen hatte. „Das war ja zu erwarten“, unterstellte ein Bewohner des Ortes. Die Jury aber verwahrte sich dagegen – man hatte den Gast nicht einfach gewinnen lassen. Denn das Ergebnis war eindeutig. In fünf Wettbewerben wurden die Platzierungen der Teilnehmer zusammengezählt, Sieger war der Teilnehmer mit der niedrigsten Zahl. Und das war eben Farik mit 21 Punkten. Der Nächstbeste brachte es auf 24 Punkte. Die sechste Disziplin, das Verfassen und Vortragen eines Gedichtes mit den Begriffen Bölzke, Kirche, Kürbis und König ging ohnehin nicht in die Wertung ein. Das wäre für Farik sicher auch ein unmögliches Unterfangen gewesen.

Es gab also schon bei dem ein oder anderen Bewohner des 60-Seelen-Dorfs eine Portion Skepsis gegenüber den Fremden. Das will auch Jean Boué, der sich für den FEBK um das Quartett gekümmert hatte, nicht verschweigen. Am Ende des Festes blieb davon jedoch nicht mehr viel übrig, als die ersten Hemmschwellen abgebaut waren.

Die vier Pakistani hatten eine abenteuerliche Fahrt durch zehn Länder hinter sich, bevor sie nach Deutschland gekommen sind. Von Pakistan über den Iran und die Türkei schafften sie es zunächst nach Griechenland, bevor sie über die berüchtigte Westbalkanroute Richtung Mitteleuropa kamen. Sie gehören zu den Flüchtlingen, die von Ungarn aus in München angekommen und dann nach Eisenhüttenstadt weitergefahren worden sind. Von dort kamen sie dann in die Prignitz und leben jetzt in einer Wohnung mit einfacher Ausstattung, sind aber damit für den Moment höchst zufrieden. Es fühle sich sehr gut an, sagt Malik, einzig, dass sie kein Cricket spielen könnten, fehle ihnen. Volleyball täte es aber wohl auch.

Warum nimmt jemand die weite und beschwerliche Reise nach Deutschland auf sich? Die Verständigung in dieser Frage gestaltet sich etwas schwierig, denn die vier jungen Männer, die aus kleinen Dörfern kommen und deren Heimatsprache Urdu ist, können allenfalls ein wenig Englisch sprechen. „Taliban in every village“, also „Taliban in jedem Dorf“, sagt Malik, der neben Assif am besten Englisch spricht und als Übersetzer für Farik fungiert. Viele junge Leute helfen den Taliban, erzählt er weiter, wer das nicht tut, läuft Gefahr, erschossen zu werden. Farik und seine drei Mitstreiter sind keine Taliban, also gefährdet. Es hilft da übrigens auch nicht, gläubiger Muslim zu sein, wie es die vier sind. Dabei ist das Leben in Pakistan auch ohne diese Bedrohung nicht sicher und geprägt von einem Alltag voller Gewalt und Korruption. Kaum jemand weiß, dass Pakistan weltweit das Land ist, aus dem die meisten Menschen fliehen. Zwei der acht Brüder von Farik haben dies auch getan und leben jetzt im Iran.

Nun haben die vier Pakistani Asylanträge gestellt und warten darauf, dass über diese entschieden wird. „Das dauert im Moment alles etwas länger“, sagt Ines Franke von der Awo Prignitz, die im Landkreis Prignitz die Flüchtlinge betreut. Danach erst können sie sich frei im Land bewegen. Und: Erst dann haben sie auch einen Rechtsanspruch auf einen Integrations-Deutschkurs. Im Moment aber können sie die Sprache des Landes, in dem sie sich jetzt befinden, noch nicht beigebracht bekommen. „First language, then work“, also „Erst Sprache, dann Arbeit“, ist Maliks Wunsch. Aber schon die erste Hürde scheint dabei sehr hoch. Im Moment leben die vier daher etwas isoliert – das größte Problem ist die Sprachbarriere. Daher würde sich Ines Franke mit ihren Mitstreitern über weitere Ehrenamtler freuen, die wie zum Beispiel auch in Meyenburg sich bereiterklären, Deutschunterricht für Flüchtlinge zu geben.

Wenn sich für die vier Pakistani jemand findet, könnte Farik bei der Titelverteidigung im kommenden Jahr in Bölzke vielleicht auch unter die Dichter gehen.

Hilfe benötigt: Wer helfen möchte und Deutschunterricht geben kann, melde sich bei Ines Franke unter

Von Bernd Atzenroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg