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Lipödem-Patientin fasst neuen Lebensmut

Pritzwalk/Kuhbier Lipödem-Patientin fasst neuen Lebensmut

Die 6. Operation war für die Lipödem-Patientin Carina Schulz aus Kuhbier keine leichte Entscheidung: Zum einen ist jede OP ein Risiko, zum anderen wird diese Behandlung nicht von den Krankenkassen bezahlt. Für die 37-Jährige bedeutet die Fettabsaugung aber eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensqualität.

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Kann wieder lachen: Carina Schulz und Facharzt Christian Rössing im KMG-Klinikum.

Quelle: Beate Vogel

Pritzwalk/Kuhbier. Carina Schulz kann wieder aufatmen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Seit Jahren musste sich die Kuhbiererin (Gemeinde Groß Pankow) in Kompressionswäsche zwängen, jeden Tag, auch in heißen Sommern mit 34 Grad Celsius. „Jetzt konnte ich acht Tage ohne gehen. Sie glauben gar nicht, wie schön das ist“, erzählt die 37-Jährige und lächelt glücklich. Carina Schulz leidet seit vielen Jahren unter einem Lipödem.

Im Mai hat sich die Patientin erneut einer Operation unterzogen, diesmal bei Christian Rössing, Facharzt für Plastische Chirurgie am KMG-Klinikum in Pritzwalk. Er nahm bei der 37-Jährigen eine Fettabsaugung vor, eine Liposuktion. Leichtfertig ist Carina Schulz nicht in ihre sechste OP gegangen: „Freiwillig würde ich das nicht machen.“

Beine und Arme durchbehandelt

Jede Narkose ist ein Risiko, sagt auch Rössing. Fünf Tage lag die Kuhbiererin im Krankenhaus; bis zu einem Jahr wird es dauern, bis der Körper die OP verarbeitet hat. Doch bei Lipödem-Patientinnen hat diese Operation keinen ästhetischen Hintergrund. Sie dient laut Rössing dazu, Symptome zu lindern: „Wir haben die Beine und auch die Arme von oben bis unten durchbehandelt.“

Lipödem, erklärt der Facharzt, der schon viele Patientinnen mit diesem Krankheitsbild behandelt hat, ist eine krankhafte, symmetrische Fettzunahme an den Extremitäten. „Das wird auch Säulenbeine genannt.“ Betroffen sind davon fast nur Frauen. Die Vermehrung der Fettzellen gehe einher mit erhöhter Lymphflüssigkeit und später Ödemen, auch bilden sich vermehrt Blutgefäße. Bei geringem Druck platzen diese auf – blaue Flecken sind die Folge. Die Betroffenen leiden nicht nur unter ihrem Aussehen. Sie haben starke Schmerzen und sind extrem berührungsempfindlich. Die Krankheit verläuft schubweise, Beschwerden treten oft schlagartig auf. „Die meisten werden irgendwann arbeitsunfähig“, so Rössing.

Die Krankenkassen zahlen nicht

Das Lipödem ist eine fortschreitende Erkrankung. Dabei bildet sich Fettgewebe an Hüften und Oberschenkeln, später an Oberarmen, Unterschenkeln, Unterarmen und sogar im Nacken. Sie tritt fast nur bei Frauen auf. 4 bis 5 Millionen Fälle sind in Deutschland bekannt, die Dunkelziffer liegt weit höher.

Die Schwellungen können durch die Einlagerung von Flüssigkeit Schmerzen und Druckempfindlichkeit sowie eine Neigung zu blauen Flecken auslösen. Das Lipödem ist immer schmerzhaft.

Behandelt werden kann die Krankheit durch konsequentes Tragen von Kompressionsstrümpfen, manuelle Lymphdrainage und in schweren Fällen durch Fettabsaugung (Liposuktion). Die Kosten für die Liposuktion werden nach aktuellem Stand in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Geheilt werden kann die Krankheit nicht.

Der Gemeinsame Bundesausschuss, in dem Vertreter von Ärzten, Krankenkassen, Krankenhäusern sowie Patientenvertreter zusammenarbeiten, prüft seit gut zwei Jahren, ob die Liposuktion in den Leistungskatalog aufgenommen werden kann.

Unterstützung finden betroffene Frauen unter anderem auf der Homepage des Vereins Lipödem Hilfe Deutschland (www.lipoedem-hilfe-ev.de).

Das Problem: Vielen Allgemeinmedizinern ist die Krankheit nicht geläufig. Mitunter wird sie jahrelang nicht erkannt und die Patientinnen werden in die Dicken-Schublade gesteckt. Dabei gibt es laut Rössing ein Sammelsurium an Anhaltspunkten, anhand derer sich ein Lipödem nachweisen lasse. „Man kann es zweifelsfrei diagnostizieren“, sagt der Leitende Arzt der Klinik für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie am KMG-Klinikum Pritzwalk.

Facharzt Rössing behandelt seit 1999 Patientinnen mit Lipödem. „Es wurden über die Jahre immer mehr.“ Auch die Techniken zur Behandlung wurden immer besser, sagt er. Mit neuen Geräten könne man schonender mehr Fett absaugen. In Berlin hat Rössing einmal wöchentlich eine Sprechstunde nur für Menschen mit Lipödem. In der Prignitz sei das wohl noch nicht so bekannt.

Zu den Beschwerden kommen Selbstzweifel

Auch der Leidensweg von Carina Schulz war lang. Bis vor drei, vier Jahren konnte sie ihren damals noch kleinen Sohn nicht einfach auf den Schoß nehmen oder mit ihm spielen, so stark waren die Schmerzen. Durchschlafen war Glückssache, weil sie von den Schmerzen häufig wach wurde. „Wenn ich mit ihm ein Eis essen war, hatte ich ständig das Gefühl, dass die Leute denken: ,Guck mal, die Dicke, reicht da nicht eine Kugel?’“

Zu den heftigen Beschwerden kamen Selbstzweifel. Wer nicht behandelt werde, könne ruckzuck in eine Essstörung rutschen, glaubt die 37-Jährige. „Manche bekommen schwere Depressionen“, weiß die ausgebildete Krankenschwester, die sich intensiv mit ihrer Krankheit beschäftigt und auf vielen Portalen mit anderen Betroffenen austauscht. Die Kuhbiererin hatte großes Glück, sagt sie: Ihre Hausärztin und ihre Gynäkologin befassten sich intensiv mit dem Krankheitsbild und konnten ihr – so gut es geht – helfen.

Dass es Carina Schulz heute so viel besser geht, hat sie nicht zuletzt ihrer Familie zu verdanken: Sie haben ihre Operationen finanziert. Denn die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nicht für die Liposuktion, weil sie nicht im Leistungskatalog steht. Die manuelle Lymphdrainage und die Kompressionsbehandlung werden von den Kassen bezahlt. Die Liposuktion als Behandlungsmethode befindet sich noch in der wissenschaftlichen Erprobung. Über den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA). Seit 2014 wird im GBA auf Antrag der Patientenvertretung über die Aufnahme der Liposuktion zur Behandlung von Lipödemen beraten. Mit einem Ergebnis rechnet Carina Schulz nicht vor dem Frühjahr 2017.

Klage am Sozialgericht scheiterte

Wie viele andere Betroffene hatte auch Carina Schulz dagegen geklagt, dass ihre Kasse die Kostenübernahme ablehnte. Ohne Erfolg: Am Sozialgericht in Neuruppin unterlag sie. Als sie vor dem Landessozialgericht in die Revision gehen wollte, stieß sie erneut auf Vorurteile: „’Entweder Sie ziehen die Klage zurück, oder ich lasse Sie verlieren’, hat der Richter gesagt.“

Jetzt jedenfalls geht es der Krankenschwester erst einmal gut, nicht zuletzt, weil sie mit ihrer Familie einen schönen Urlaub an der Ostsee verbringen konnte. Und Gedanken darüber, was die anderen in der Eisdiele sagen könnten, macht sie sich auch nicht mehr. „Jetzt fehlt nur noch der richtige Mann“, so Carina Schulz.

Von Beate Vogel

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