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Prignitz Literarisches Potpourri unter freiem Himmel
Lokales Prignitz Literarisches Potpourri unter freiem Himmel
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00:20 15.08.2018
Typisch „The English Mumming Plays“: eine Szene, in der zwei maskierte Komödianten in einen fürchterlichen Kampf geraten. Quelle: Kerstin Beck
Lenzen/Putlitz

Ein altbekanntes Schauspiel am Freitagabend im Lenzener Burggarten: Das Wandertheater „Ton und Kirschen“ ist angereist, und wie immer reichen die Plätze nicht aus. Denn gekommen sind Zuschauer nicht nur aus Lenzen und der Prignitz, sondern sogar aus Berlin und Niedersachsen. Am Sonnabend gastierte das Theater dann in Putlitz.

Was war das für eine Show! Das Wandertheater „Ton und Kirschen“ begeisterte das Publikum in Lenzen und Putlitz. Am Ende hielt es die Zuschauer nicht mehr auf Plätzen.

Auf dem Programm steht an beiden Tagen ein literarisches Potpourri, welches das Glindower Wandertheater aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens im vergangenen Jahr erarbeitet hat, und welches die Augenblicke, oder besser gesagt, die aus der Weltliteratur herausgepickten Metamorphosen menschlicher Gefühle, aufzeigt.

Zwei maskierte Komödianten

Und Verwandlungen gibt es bereits zum Anfang: Aus „The English Mumming Plays“ wird eine Szene gezeigt, in der zwei maskierte Komödianten, schaurig-schöne und kunterbunt stelzende Gesellen, in einen fürchterlichen Kampf geraten. Der Verlierer wird von einem Doktor wiederbelebt und erlebt seine Auferstehung.

Ganz ruhig dagegen geht es in Samuel Becketts Drama „Spiel“ zu. Hier sitzen drei ältere „Damen“ einträchtig auf einer Bank und erinnern sich dunkel an ihre Dreiecksbeziehung, „Hand in Hand wie damals, träumend von der Liebe“. „Wann waren wir drei zuletzt zusammen?“ – „Nicht sprechen!“

Liebe zum Göttlichen offenbart

Und es geht ins legendäre Hindustan. „Befiehl dem Wind, o Seelenhort, dass er von hier nach Indien mich bringe – vielleicht entgeh ich dort des Todes Schlinge!“ heißt es in dem Gedicht „Der Todesengel“ von Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Der 1207 im damals afghanischen Balch geborene Mystiker hat über 55 000 Verse verfasst – und damit seine Liebe zum Göttlichen offenbart.

David Johnston sorgte mit seinem Spiel für eine gehörige Portion Komik Quelle: Jens Wegner

Natürlich werden die Zuschauer damit in den fernen Orient entführt. Da sind erst einmal zwei possierliche Äffchen, die zu Schuhplattlermusik tänzeln, danach ein ebenso possierliches Elefäntchen mit einem beweglichen Rüssel. Und dann kommt ein in einem Käfig eingesperrtes Etwas angerollt, aus dessen handlichen Löchern ein ohrenbetäubendes Tröten erschallt – ein ausgewachsener Elefant?

„Da brauchen wir Experten!“, hatte dazu ein spitzbübisch grinsender Schalk erklärt und den eilends hinzugeeilten Professores und Doktores befohlen: „Stick your hands inside!“

Das Ende vom Lied: wütend um sich schlagende besserwisserische Akademiker – eine Szene übrigens, die von „Ton und Kirschen“ selbst kreiert wurde, wie auch die folgende:

Ein Mini-Theater mit vier Puppen. Vater, zwei Kinder, Mutter. Vater: „Was machen wir heute Abend?“, Mutter: „Essen und etwas Tanzen – wie jeden Abend!“ Kind: „Merkt ihr denn nicht, wie die Welt sich verändert?“ Vater: „Das ist doch alles so weit weg!“ Kind: „Es könnte auch uns treffen. Nehmt euch in Acht!“

Eine von Ton und Kirschen selbst kreierte Puppenszene: „Merkt Ihr denn nicht, wie die Welt sich verändert?" Szene mit Victor Cuevos, Rob Wyn Jones und Nelson Leon (v. l.) Quelle: Kerstin Beck

Das Chaos kommt, aber nur, um einen Szenenwechsel einzuleiten. Es gibt von Inés Bacán ein Lullaby, und dazu wird eine weiße Puppe unendlich behutsam von Daisy Watkiss durch das Himmelsgewölbe – oder ist es das Sternenzelt? – geführt.

Und nun taucht Ovids babylonisches Liebespaar „Pyramus und Thisbe“ auf, welches sich aufgrund seiner zerstritten Eltern nicht sehen darf – lediglich durch einen Spalt. Doch ein nächtliches Treffen wird beiden aufgrund eines dummen Zufalls zum Verhängnis. Überwältigt von Schmerz und Liebe, kommen beide mit demselben Schwert um.

Früchte des Maulbeerbaums färbten sich schwarz

Ihre Bitte, der Baum möge zur Erinnerung an ihrer beider Tod die dunkle Farbe seiner Früchte behalten, wird von den Göttern erhört, und ebenso erfüllen ihr die Eltern den Wunsch, die Asche des unglücklichen Paares in derselben Urne zu bestatten, damit sie beide für immer vereint seien. Und auch die weißen Früchte des Maulbeerbaums in der Szenerie haben sich für alle Zuschauer sichtbar schwarz gefärbt.

Zuletzt stehen alle Mitwirkenden auf der imaginären Bühne und musizieren verhalten. „Seht jene Kraniche in großem Bogen!“, rezitiert dazu Ton-und-Kirschen-Chefin Margarethe Biereye aus Brechts „Die Liebenden“. „Die Wolken, welche ihnen beigegeben, zogen mit ihnen schon, als sie entflogen, aus einem Leben in ein anderes Leben. Die jetzt im Fluge beieinander liegen: So mag der Wind sie in das Nichts entführen. Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben, so lange kann sie beide nichts berühren“.

Spiel vor traumhafter Kulisse in Putlitz

Danach gibt es von den Zuschauern stehende Ovationen. „Das war zauberhaft, geheimnisvoll und traumhaft“, schwärmt ein Lenzener. „Ich bin sprachlos. Was sind das für begnadete Schauspieler? Wie konnte ich jahrelang leben, ohne diese Gruppe kennenzulernen?“, fragt eine 80-jährige Besucherin aus Berlin.

In Putlitz spielte das Wandertheater in traumhafter Kulisse vor der Burgruine. Rund 150 Zuschauer verfolgten mit Spannung die Aufführung. Auch dort gab es wie am Vorabend in Lenzen stehende Ovationen und Bravo-Rufe für die Schauspieler.

Von Kerstin Beck und Jens Wegner

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