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Luthers „dunkle Seite“ wird im Judenhof erhellt

Perleberg Luthers „dunkle Seite“ wird im Judenhof erhellt

Das Projekt „Judenhof“ des Perleberger Bürgervereins widmet sich im Lutherjahr der „dunklen Seite“ des Reformators. Die Hassschriften und -predigten werden mit Hilfe von Theaterstücken, Vorträgen, Filmen und Ausstellungen in ihren zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet und erklärt. Ein begehbares Wörterbuch erklärt jüdische Wörter.

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Rainer Meißle (r.) und Hartmut Schneider ( 2. v. l.) erklären Marcus Pfeiffer (l.), Johann Becker und Phil Haverbeck (v. l.) das begehbare Wörterbuch.

Quelle: Andreas König

Perleberg. Fast wäre das begehbare Lexikon im Inneren des Besucherzentrums Judenhof in Perleberg nicht rechtzeitig fertig geworden. Doch mit viel Beharrlichkeit und Fürsprache unter anderem des brandenburgischen Ministerpräsidenten wurde der bedruckte Spezialbelag doch noch rechtzeitig verlegt. Seit Donnerstag ist das künstlerisch gestaltete Wörterbuch mit Erklärungen häufig benutzter hebräischer uns jiddischer Ausdrücke wie „Chuzpe“, „koscher“, „Ghetto“ oder „Schalom“ zu sehen und stimmt die Gäste des Besucherzentrums darauf ein, wie vielfältig die Sprache der Juden das Deutsche bis heute beeinflusst hat.

Luthers Verhältnis zu den Juden ist das Hauptthema

Doch bildet das Wörterbuch sozusagen nur einen Teil des Rahmens, in dem sich der Bürgerverein Perleberg mit seinem Projekt Judenhof in den nächsten Wochen bewegt. „Für uns ist das Verhältnis Luthers zu den Juden im Lutherjahr das Hauptthema“, sagt Rainer Meißle, der das Judenhof-Projekt gemeinsam mit Hartmut Schneider vom Bürgerverein betreut. Die Hasspredigten und -schriften des Reformators haben eine wichtige Rolle in der Judenverfolgung gespielt, bis hin zu den Nazis und antisemtischen Tendenzen von heute. Die Betreiber des Judenhofs widmen diesem Thema insgesamt acht Veranstaltungen vom Improvisationstheaterstück „Lob des Unterschieds“ über Ausstellungen bis hin zu Vorträgen bekannter Wissenschaftler.

Wie „Nathan der Weise“, in dem ein Atheist zu Wort kommt

Den Auftakt bildet das Theaterstück mit Jalda Rebling, Farhad Payar, Dietrich Petzold und Zeha Schmidtke (MAZ berichtete). „Es geht um den Streit zwischen den abra­hamitischen Weltreligionen“, sagt Rainer Meißle, und Hartmut Schneider ergänzt: „Es erinnert ein wenig an ’Nathan der Weise’, in dem auch ein Atheist zu Wort kommt, aber sehr unterhaltsam und erhellend gespielt.“

Perleberg ist brandenburgweit einziger Ausstellungsort

Die Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht.’ – Martin Luther und die Juden“ wurde vom Referat für Christlich-Jüdischen Dialog der Nordkirche und der Arbeitsstelle Reformationsjubiläum 2017 der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland gestaltet. „Perleberg ist damit brandenburgweit der einzige Ort, in dem die antijudaistische und damit die dunkle Seite Luthers im Prozess in der Reformation beleuchtet wird“, sagt Rainer Meißle. Luther habe vor allem im Alter übel gegen die Juden gehetzt und dazu aufgerufen sie zu modern und zu brennen.

Vortrag schlägt die Brücke zu Gottfried Arnold

„Wir wollen aber auch die Brücke zu Gottfried Arnold schlagen“, sagt Hartmut Schneider. Der Pietist und Pädagoge, der lange in Perleberg wirkte, hat die Juden als „unsere Brüder“ bezeichnet und sich damit gegen Luthers Sicht der Dinge gestellt. Die Ausstellung beleuchtet das Wirken des Reformators speziell im Verhältnis zu den Juden auf 22 Tafeln. Das Begleitheft zur Ausstellung, das gleichzeitig als Eintrittskarte dient, stellt die Ereignisse anschaulich dar und ordnet sie in ihre Zeit ein.

In der „Tafelrunde“ soll das offene Wort gepflegt werden

Ein Lutherfilm am 19. Mai vertieft das Verständnis für den Protagonisten und für die damalige Zeit. Vorträge ergänzen die Beschäftigung mit dem Thema. Hartmut Kühne berichtet am 1. Juni über „Frömmigkeit und Judenhass im Mittelalter“, Dieter Hoffmann-Axthelm beleuchtet „Luthers historisches Umfeld“ am 7. Juni. Dirk Pilz erklärt das Verhältnis von „Gottfried Arnold und den Juden. Wie sich Verleumdung, Verfolgung und Hass aus Sicht der Betroffenen darstellen, schildert Jürgen Rennert am 20. Juni in seiner Lesung „Vom Unverträglichen“. Alle Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr. Speziell an Schulkinder wendet sich eine Lesung von Hartmut Schneider aus dem Buch „Beni, Oma und ihr Geheminis“, das sich mit dem Holocaust und den Folgen für jüdische Familien befasst. Schließlich werden die Aktivitäten des Bürgervereins um eine Diskussionsreihe mit Matthias Görnandt ergänzt. „Es soll das offene Wort gepflegt werden“ sagt Rainer Meißle, „das heißt, was in dem Raum gesprochen wird, bleibt auch dort.“ Auftakt ist am 29. Juni

Von Andreas König

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