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Prignitz Mit der Kutsche durch die Prignitz
Lokales Prignitz Mit der Kutsche durch die Prignitz
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00:18 06.12.2017
Cordula Hecht ist mit Pony, Hund und Kutsche unterwegs durch die Prignitz. Quelle: Fariba Nilchian
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Perleberg

Es ist ein kalter Herbsttag in der Westprignitz. Ein Pony zieht fleißig eine zweirädrige Kutsche über holpriges Geläuf am Feldrand. Neben dem Gefährt trippelt ein kleiner Hund und auf dem Kutschbock hält eine dick eingemummelte Frau entspannt die Leinen in der Hand. „Meine neue Kutsche ist doppelt gefedert, die ist für solche Wege gut geeignet“, erklärt die Fahrerin und der Wind weht ihr die schwarzen Locken ums Gesicht. Selbst tiefe Bodenwellen kommen sehr sanft auf dem Kutschbock an. „Früher hatte ich ein ganz einfaches Modell und mein Rücken hat sich bei langen Fahrten ziemlich beschwert.“

Wenn Cordula Hecht von langen Fahrten spricht, dann meint sie wirklich lang. Neben ihren Spritztouren in die Umgebung, unternimmt die zierliche Frau auch mehrtägige Wanderfahrten. Mit ihren Mädels, der Arravani-Stute Tammy und ihrer Hündin Maggie, legt sie dann täglich etwa 20 bis 25 Kilometer zurück und bezieht jeden Abend an einem anderen Ort Quartier.

Cordula Hecht ist passiionierte Reiterin Quelle: Fariba Nilchian

Vor sechs Jahren kam die Pferdefrau aus der Stuttgarter Gegend in ein kleines Dorf in der Prignitz. Die Weite und Ruhe dieser Region haben sie angezogen. „Bei uns im Süddeutschen steht Haus an Haus, hier fährt man an den See und ist allein“, schwärmt sie, „und außerdem hatte ich schon immer ein Faible für den Norden und die flachen Landschaften.“ Was viele Menschen als abschreckend und öd empfinden, macht für sie den Reiz dieser Gegend aus. Heute lebt sie auf einem Dreiseithof, der ausreichend Platz für Pferdehaltung bietet. Sie hat ihren Ort gefunden: „Hier will ich nicht mehr weg.“

Zum Kutschefahren fand die passionierte Reiterin durch eine Rückenerkrankung ihrer achtzehnjährigen Stute. Das Pony konnte plötzlich keinen Sattel mehr tragen. Kurz vor einem sommerlichen Wanderritt mit einer Freundin fiel ihr einzig reitbares Pony aus – zumindest zum Reiten. Eine geländegängige Kutsche war die einzige Möglichkeit, mit dem rückenkranken Pony doch noch an der Reise teilzunehmen. Und so kam die erfahrene Pferdefrau zur Kutsche. Sie machte sich an die Arbeit, und Stute Tammy wurde innerhalb von zwei Wochen an die neue Aufgabe gewöhnt. „Zur Not wäre ich unterwegs einfach abgestiegen und hätte geführt“, erinnert sich Cordula Hecht an die Sorge, dass sie und ihr Pony im Straßenverkehr an ihre Grenzen gekommen wären. Doch die Stute war zuverlässig und die zehntägige Wanderfahrt ein voller Erfolg.

So sieht die Welt vom Kutschbock aus betrachtet aus. Quelle: Fariba Nilchian

Mit der Nervenstärke eines Kutschpferdes steht und fällt das Vergnügen an diesem Hobby. Die meisten Unfälle mit Kutschen werden durch scheuende Pferde verursacht. Besonders im Straßenverkehr müssen sich Kutscher ununterbrochen in die Lage ihrer Pferde versetzen; sie müssen vorausahnen, welche Situationen Fluchtreaktionen auslösen könnten und gefährlich sind. In den vergangenen Jahren wurde die Forderung nach einer generellen Führerscheinpflicht für Kutschen im Straßenverkehr laut. Bislang ist diese nicht umgesetzt worden. Cordula Hecht hat ihren Kutschenschein schon vor vielen Jahren aus freien Stücken abgelegt.

„Eine wahre Schinderei für die Pferde“ sieht die Tierschutzorganisation Peta generell im Kutschefahren. Die „Schwerstarbeit für die Pferde“ sei gesundheitsschädlich und führe „durch die Abgase im Straßenverkehr zu Gesundheitsschäden“.

Ganz neue Betrachtungsweisen

Diese Betrachtungsweise wirft allerdings neue Fragen auf. Ist wirklich die Nutzung des Pferdes problematisch oder sind es die Abgase und die Schwerstarbeit, die für Mensch und Tier gleichermaßen gesundheitsschädlich sind?

Die Stute Tammy können die Peta-Aktivisten mit ihrer fundamentalen Kritik nicht meinen, sie findet sichtlich Gefallen an ihrer neuen Aufgabe. Cordula Hecht muss ihre Lauffreude eher bremsen: „Langsam, meine Hübsche!“ Beim Kutschefahren geht es meist im Schritt oder im Trab voran. Vom Kutschbock aus zieht die Landschaft langsam vorüber, Geräusche und Gerüche werden wahrnehmbar.

Details geraten plötzlich ins Sichtfeld

Am Wegesrand eröffnen sich Details, Verborgenes tritt plötzlich ins Sichtfeld. „Die Dinge rauschen nicht einfach vorbei, wenn man mit der Kutsche fährt. Man hat die Zeit, ganz genau hinzuschauen“, schildert die Pferdefreundin das andere Erleben der Umwelt. Die Intensität der Eindrücke ist beim Fahren ganz besonders.

Seit den Achtzigern macht Cordula Hecht bereits Wanderritte und nun schon seit einigen Jahren auch Wanderfahrten. Als junge Frau hat sie ihr Pferd einfach gesattelt und los ging’s – ohne große Vorbereitung. Nachmittags hat sie begonnen sich nach einer Unterkunft für die Nacht umzuschauen. Zur Not war aber auch ein Schlafsack im Gepäck, nichts war vorher wirklich festgelegt.

Heute bereitet sie ihre Reisen mit Pferd gründlicher vor und bucht die Unterkünfte schon im Vorfeld. Die Faszination ist aber immer noch die gleiche, verrät sie, denn „das Beste daran ist einfach das Abenteuer“.

Von Fariba Nilchian

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