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Nancy Baswari und ihre 3D-Kunst

Wittenberge Nancy Baswari und ihre 3D-Kunst

Aus Herzensdingen werden manchmal unwichtige Dinge. Landen in Ecken. Halb vergessen. Dann bekommen diese Dinge plötzlich wieder eine Bedeutung. Und werden unter den Händen von Nancy Basrawi zu Assemblagen – dreidimensionalen Collagen.

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Nancy Basrawi ist in ihrem Leben schon viel herumgekommen.

Quelle: Jens Wegner

Wittenberge. Nancy Basrawi „verräumt” Dinge, gibt ihnen neue Plätze. So entstehen in ihrem Atelier in der Wittenberger Bahnstraße Assemblagen – dreidimensionale Collagen. Auf ihrem Arbeitsplatz liegen Dinge, die kleine Räume füllen sollen.

In Schubläden wartet ein weiteres Sammelsurium auf eine Verwertung. Als Räume dienen Zigarrenkisten, Hutschachteln, Suppenschüsseln oder undefinierbare Dinge, die sie irgendwo findet. Perlen, kleine Bilder, Puppenköpfe oder Figuren finden darin Platz. Ein Schneckenhaus steht sinnbildlich für eine Spirale. Im Schneckenhaus kann man gefangen sein und es kann befreien.

„Manchmal liegen die Dinge lange bei mir rum, weil ich keine Idee habe. Manchmal geht es ganz schnell. Dann sehe ich Dinge, die in einer Beziehung zueinander stehen. Es passt einfach”, sagte die Künstlerin. Sie habe kein Konzept. Das Entstehen der Werke sei ein Prozess, bei dem der Weg das Ziel ist.

Dinge wie dieses alte Notizbuch machen die Künstlerin neugierig

Dinge wie dieses alte Notizbuch machen die Künstlerin neugierig.

Quelle: Jens Wegner

Oft nutzt sie eine Glasscheibe als Fläche, um die Werke zu schließen. „Dinge, die wichtig waren, verlieren ihre Wichtigkeit. Und dann packen mich Dinge wieder”, sagte sie, „wie etwa ein Puppenkopf, eine Glocke oder das Merkheft für Anneliese Janitz und der Notizblock einer Schneiderin.”

Dabei blättert sie durch die Seiten. In dem Notizblock stehen mit Bleistift geschriebene Maße und unter dem Namen Otto Winterberg, Demerthin und das Datum: 22. August 1950. „Sowas beschäftigt mich. Die Nachfahren leben wahrscheinlich hier irgendwo in der Gegend”, meint sie nachdenklich.

Ihre erste Assemblage entstand vor etwa sechs Jahren. Die Dinge dazu fand sie im Garten. In einem Drahtgeflecht sind eine alte Porzellan-Puppe und eine fragil wirkende Glaskugel auf Moos gebettet. „Das Moos war mal grün”, betonte sie.

Aus Haushaltsauflösungen ihres Vermieters bekommt sie frisches „Futter” für ihre Werke. Vieles findet sie – einfach überall. Die Leute finden es gut, dass der kleine Laden nicht mehr leer steht. Die meisten spähen von draußen zaghaft hinein. Ab und zu kommt jemand in die Werkstatt. Es gibt Begegnungen im Atelier, Interpretationen und Deutungen der Arbeiten. „Das gefällt mir und inspiriert mich, denn die Arbeiten sind teilweise symbolisch zu deuten. Ich finde es gut, wenn ein Gedankenaustausch stattfindet. Es ist ganz interessant zu hören, wie andere das sehen”, sagte sie. Montags, dienstags und mittwochs ist sie dort zu finden.

Eine Wand voller 3D-Collagen, angefertigt aus scheinbar nutzlosen Dingen

Eine Wand voller 3D-Collagen, angefertigt aus scheinbar nutzlosen Dingen.

Quelle: Wegner

Geboren wurde Nancy Basrawi in Kanada. Ihre Eltern arbeiteten dort. Zwei Jahre nach ihrer Geburt zog die Familie zurück nach Deutschland, in den Ruhrpott, wo sie aufwuchs. Sie erlernte den Beruf der Druckvorlagenherstellerin und arbeitete in einem klassischen Werbestudio. „Das war etwa 1990. Es war gerade der Umbruch in Gange, dass diese Arbeit weniger mit Zeichnen und Kleben zu tun hatte sondern eher am Computer erledigt wurde“, erzählt sie. „Ich habe gemerkt, dass das Arbeiten am Computer nicht mein Ding ist. Ich finde es öde am Computer zu sitzen und den Punkt oder die Linie noch ein bisschen weiter nach links oder rechts zu rücken”, sagte sie.

Dann arbeitete sie in einem Buchverlag. Dort erstellte sie Texte und Layouts für einen kleinen Schulbuchverlag. 1993 zog sie nach Hamburg, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. „Als ich meinen Mann noch nicht kannte, bin ich viel allein gereist. Ich war ein Jahr lang Au Pair in den USA. Dann ging es nach Südamerika, wo ich Kolumbien bereist haben”, berichtete sie. „In Spanien auf Ibiza kam unsere erste Tochter zu Welt. Später zogen wir zurück nach Hamburg.”

Während ihres Auslandsaufenthalts in den USA besuchte sie den Kurs „Color at design” an der „Southern Connecticut State University”. „Da habe ich gemalt, aber das Dreidimensionale noch nicht für mich entdeckt. Aber ich habe schon viel gesammelt. Puppenteile, vergessene Dinge, alles mögliche. Dann kam mir der Gedanke: Das ist es doch! Diese Sachen müssen verbaut werden, die müssen in kleine Räume.” Sie wohnten in Hamburg. Dort arbeitete sie zunächst in einem Bootshaus. Darin knarzte es oft, was ihr unheimlich war.

Als das zweite und dann das dritte Kind kamen, brauchte die Familie mehr Platz. Also ging es aufs Land. „Wir fanden ein Haus in Dallmin, das wir an den Wochenenden und in den Ferien nutzten. Die Kinder fühlten sich da so wohl, dass sie am Sonntag nicht nach Hause fahren wollten”, sagte sie. Dann kam Kind Nummer vier und sie entschlossen sich, nun endgültig aufs Land zu ziehen.

3D-Collagen aus Puppenköpfen

3D-Collagen aus Puppenköpfen.

Quelle: Wegner

Vor neun Jahren kam sie mit ihrem Mann und den vier Kindern in die Prignitz. Sie fanden ein Haus in Tiefental, zwischen Strehlen und Dallmin. Zum Wohnen fand sie es ganz schön, aber zum Arbeiten zu einsam. In Perleberg fand sie im ehemaligen „Hoffmanns Hotel” eine Wirkungsstätte.

Vor zwei Jahren entdeckte sie in der Wittenberger Bahnstraße ihr heutiges Atelier mit Fenster zur Straße. Die Glaserei um die Ecke schneidet ihr die Gläser zu, die sie braucht. In einem Papierladen findet sie Kleber und Pinsel. „Man hat in Wittenberge eine kleine Infrastruktur, die funktioniert. Ich bin eine Großstadtpflanze. Wittenberge ist ein bisschen wie Mühlheim im Ruhrpott, wo ich aufgewachsen bin, nur kleiner. Die Elbe erinnert mich an Hamburg. Und Möwen gibt es hier auch”, stellte sie fest.

In einer Großstadt möchte sie heute nicht mehr wohnen. Berlin geht gar nicht, sagt sie. Zu viel Lärm und Hektik. Wittenberge ist ein guter Kompromiss. Wittenberge liegt genau zwischen Dorf und Großstadt. In Hannover, Hamburg, Rostock, Perleberg und im Rahmen der Offenen Ateliers in Wittenberge stellte sie ihre Arbeiten aus. „Das viele Umherziehen hat vielleicht unbewusst auch etwas mit den Räumen zu tun, die ich fülle”, mutmaßte sie. Beim Arbeiten läuft immer Musik. „Das brauche ich dazu”, sagte sie.

Hinweis: Nancy Basrawi hat ihre Werkstatt in der Wittenberger Bahnstraße 12. Dort ist sie montags, dienstags und mittwochs zu finden.

Von Jens Wegner

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