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Prignitz Vom Todesstreifen zum Naturparadies
Lokales Prignitz Vom Todesstreifen zum Naturparadies
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00:19 15.08.2018
Der Weltreisende Mario Goldstein mit seinem Kanu am Lütkenwischer Fähranleger. Quelle: Kerstin Beck
Lütkenwisch

Nach der innerdeutschen Grenzschließung am 13. August 1961, Montag vor 57 Jahren, gab es nach und nach auch in der Prignitz Grenzanlagen, die das Leben der Menschen völlig veränderten. Die Lütkenwischer kamen nicht mehr an „ihre“ Elbe heran (siehe unten stehender Artikel). Und wie ging es mit der Natur weiter?

Lütkenwisch war zu DDR-Zeiten ein Dorf im Sperrgebiet. Stacheldraht Schussanlagen durften damals nur heimlich fotografiert werden. Gleich nach der Grenzöffnung eroberten die Lükenwischer das Gebiet zurück – vor allem die Elbe. Und auch die Natur holt sich ihren Lebensraum wieder.

Ein zweischneidiges Schwert: Denn einerseits gab es das von der Landwirtschaft fast unberührte Elbvorgelände, in dem sich lediglich Rindvieh und Schafe ungestört tummeln durften, dazu Totarme der Elbe voller Fische und eine unvergleichbare Vogelwelt.

Dann gab es jenseits des Deiches, „freundwärts“ lautete die polizeiinterne Bezeichnung, Äcker, auf denen von den jeweiligen LPG’n lediglich Hackfrüchte, aber keine Halmfrüchte angebaut werden durften. Der Grund: „Grenzverletzer“ könnten sich in einem Weizenfeld verstecken, inmitten Runkeln oder Kartoffeln jedoch nicht.

Im Todesstreifen durfte nicht mal Weizen wachsen

Und dann gab es auch noch den Streifen zwischen diesen Gebieten, allgemein „Todesstreifen“ genannt. Hier waren alljährlich – vorher von der Stasi bis auf Herz und Nieren überprüfte – Flieger aus dem Agrarflugplatz Kyritz-Heinrichsfelde unterwegs, um von oben besagten Streifen mit Chemikalien zu besprühen. Hier gedieh lediglich Gras.

Der beste Kenner der Vogel- und Tierwelt in diesem Bereich ist Falk Schulz aus Cumlosen, der seit über 30 Jahren als ehrenamtlicher Vogelbetreuer und Storchenberinger tätig ist. Er erzählt: „Früher gab es hier noch wiesenbrütende Semikolen wie Uferschnepfe, den Großen Brachvogel, Rotschenkel und Bekassine, die sind heute weg. Das liegt an der Melioration, die erst an der Löcknitz und noch in den 1980er Jahren an der Karthane durchgeführt wurde“.

Auch die Pflanzenwelt hat sich stark verändert

Und: „Auch in der Pflanzenwelt hat sich dadurch viel verändert, und man kann davon ausgehen, wenn eine Art nicht mehr da ist, dass das Auswirkungen auf 70 Insektenarten hat. So gibt es etliche Schmetterlinge hier auch nicht mehr“, berichtet der 46-Jährige.

Doch Falk Schulz ist optimistisch: „Die Veränderung betrifft vor allem Kleinvögel; der Bestand an Großvögeln hat sich stabilisiert und sogar verbessert. Die Störche haben momentan einen guten Bestand und drei Schwarzstorch-Paare nisten in der Prignitz.

Im Bereich Cumlosen – Jagel gibt es Seeadler, deren Bestand sich deutlich erhöht hat, und im Bereich WustrowSeedorf sind regelmäßig Kraniche zu finden.“ Doch auch die Tierwelt zeigt Veränderungen an: „1970 wurde hier eine große Seltenheit gesichtet – ein Biber.

Der Biber war vor 40 Jahren an der Elbe noch eine Seltenheit

Heute ist er an der Elbe etwas Alltägliches. 1979 kam erstmals bei Jagel ein Waschbär einem Jäger vor die Flinte, inzwischen sind diese Tiere überall zu finden. Und am Cumlosener See brüten Trauerseeschwalben und es gibt dort sogar Lachmöwen – das hatten wir früher nicht. Man muss eben alles langfristig sehen.“

1995 wurde im Auftrag der damaligen Naturparkverwaltung Rühstädt erstmals eine Bestandsaufnahme der Flora und Fauna im Bereich der Karthaneniederung bei Bad Wilsnack, die man laut Falk Schulz „durchaus mit der Löcknitz vergleichen kann“ durchgeführt.

Die Gutachter fanden hier 14 auf der brandenburgischen Roten Liste stehende Arten, darunter Bach- und Malermuschel, Gebänderte Prachtlibelle, Eisvogel und Fischotter. Letzterer ist dabei, seinen Lebensraum wieder zurückzugewinnen.

Immer mehr Naturliebhaber erkunden die Elbe-Flusslandschaft

Und es passiert noch mehr. Immer mehr passionierte Naturliebhaber erkunden die Elbe als einen Fluss, der im Bereich Prignitz zum „Grünen Band“ gehört.

So erst vor wenigen Tagen der Weltreisende Mario Goldstein aus dem vogtländischen Plauen. Der Abenteurer, der es bereits zu einem Besuch beim Dalai Lama geschafft hat, machte auf seiner Paddeltour entlang der Elbe auch kurz Station am Lütkenwischer Fähranleger.

Einst DDR-Flüchtling, jetzt Weltreisender

Während seine Begleiterin, die weiße Schäferhündin „Sunny“, erst einmal in den erlösenden Schatten schlüpfte, freute sich der ehemalige DDR-Flüchtling: „Ich bin hier im Auftrag der Stiftung Umwelt-, Natur- und Klimaschutz Sachsen-Anhalt entlang des „Grünen Bandes“ unterwegs.

Was mich am meisten fasziniert, sind einerseits die Geschichten, die ich über die vielen Vögel und Tiere höre. Hier sitzt wirklich an jeder Ecke ein Lebewesen. Andererseits bin ich davon begeistert – denn da gibt es die vielen Kolonnenwege und Niemandsland-Streifen – wie sich die Natur ihren Lebensraum wieder zurückholt.“

Von Kerstin Beck

Am Montag vor 57 Jahren riegelte die DDR die Grenze zu Westdeutschland und Westberlin ab. Auch in der Prignitz gab es Sperrgebiete – und auch hier wurde ein Grenzzaun gebaut, und es gab Schussanlagen – die knallten allerdings nur und waren nicht tödlich.

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