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„Ohne Wolle leben? Nicht einen Tag!“

Lanz „Ohne Wolle leben? Nicht einen Tag!“

Manuela Walther ist Fadenkünstlerin. Im Prignitz-Dörfchen Lanz stellt sie an einem 200 Jahre alten Webstuhl individuelle Gardinen, Quilts und andere Zierdecken her. Als Material dienen auch mal abgelegte Krawatten und Herrenhemden, vor allem aber ihr Lieblingswerkstoff: Wolle.

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Manuela Walther mit einem luftig-leicht gewebten Fensterhänger. Quelle: Kerstin Beck

Lanz. Das Gebäude Am Ring 4 in Lanz besteht eigentlich aus zweien: einem Fachwerkhaus, das laut Spruchbalken 1774 errichtet wurde, und daneben einem gelben Eckhaus aus der Art-déco-Zeit. Ältere Leute können sich noch gut daran erinnern, dass hier einmal eine Klempnerei war.

Seit 21 Jahren wohnen dort Manuela und Thomes Walter. Während der Ehemann seinem Beruf als Tischler nachgeht, hat Manuela Walther – die ebenfalls gelernte Tischlerin ist – eine Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht, die sie schon als Kind gepackt hat: Die 45-jährige ist eine Fadenkünstlerin.

Die gebürtige Pirowerin lernte schon als Kind stricken und war vom Umgang mit der Wolle gefesselt. Beruflich kam dann die Beschäftigung mit dem Holz dazwischen, doch die Leidenschaft blieb.

„Damit war ich mehr als zehn Jahre beschäftigt, doch dann wurde unsere Tochter geboren, und ich war erst einmal ein paar Jahre aus dem Beruf raus. Dann habe ich noch eine Weile Erwachsenenbildung gemacht, und dann war damit auch Schluss!“, erzählt die zierliche Frau, die man gut und gern zehn Jahre jünger einschätzt.

„Doch dann webte ich mal eine Decke, und ich sagte mir: Dabei bleibst du jetzt, denn überhaupt hat mich die Verarbeitung von Wolle schon immer fasziniert. Und dann kam ich darauf, dass es eigentlich langweilig ist, streng nach Muster zu arbeiten und dass das freie Weben eine ganz andere Herausforderung ist, bei der man kreativ gestalten kann!“ erzählt die Lanzerin weiter. Inzwischen arbeitet sie schon seit 13 Jahren als freischaffende Künstlerin.

Bei zahlreichen Spinnmeisterschaften heimste Manuela Walther erste Preise ein, und ihre Kenntnisse in der Wollverarbeitung gibt sie auch gern weiter: So gibt es Spinn- und Webkurse auf verschiedenen Modellen, zu Hause, aber auch in Kitas, Schulklassen und Jugendclubs. Dabei werden Garne in verschiedenen Dicken gemischt, kardiert, gesponnen und gezwirnt; und dann gibt es Kurse, die sich mit der Einrichtung eines Webstuhles befassen und bei denen es mit Ketteschären, Bäumen, Blattstich und Anbinden der Verschnürung bis zum Fachrichten zur Sache geht. Ein Aufbaukurs zeigt dann, wie beim Weben Muster entstehen.

Vorhanden ist in der Werkstatt im „alten Haus“ dafür alles: Kardiermaschinen und Spinnräder, die sowieso von ihrem Ehemann Thomas mit jedem Zubehör produziert und in alle Welt geschickt werden. Nicht ganz so alt wie das 242 Jahre alte Zimmer, „in dem ich alles so gelassen habe, wie es war“, ist der prächtige Webstuhl darin: Er ist „nur“ 200 Jahre alt.

Selbst „zur Schule gegangen“ ist die Kunsthandwerkerin bei Astrid Voigt in Mankmuß. „Das ist eine ausgebildete Handweberin, die mir viel gezeigt hat und der ich sehr viel verdanke, aber letztlich mache ich ganz andere Sachen als sie!“

Das sind in erster Linie „Fensterhänger“ – so nennt die Künstlerin ihre luftig-leicht gewebten Textilien, die man am ehesten mit „handwerklich individuell gestaltete Fenstergardinen“ übersetzen könnte. Fünf dieser einzigartigen Exemplare verschönern die Waltherschen Fenster, von innen den Blick nach außen gewährend, von außen jedoch ein „Blickstopper“ und zugleich aber ein „Hingucker“.

An den Wänden und überhaupt tauchen neben Spinnrädern im Puppenstubenformat auch mitnichten gewebte Textilien auf: Stoffe aus Patchwork. „Da wurde ich, als ich 2014 beim „Quadrium“ in Cumlosen meine Teile präsentiert habe, von der Uelzener Quilt-Künstlerin Ragnhild Graßhoff inspiriert, die ganz tolle Sachen macht“, sagt Manuela Walther. Und da zeigt sich insbesondere Manuela Walthers Kreativität: eine große Decke mit einem dreidimensionalen Muster, „die mein Mann sicher zu Weihnachten bekommen wird“, ein Mix aus Stoffen und Knöpfen und ein kleiner Quilt, der mal eine Tasche werden soll und aus – man glaube es kaum – ausrangierten Krawatten gefertigt wurde.

„Krawatten sind dafür ganz toll, und ich sage es auch immer in meinen Kursen: Kaufen Sie bloß keine teuren Stoffe, sondern nehmen Sie Kleidung, die Sie nicht mehr tragen – insbesondere Herrenhemden ergeben ganz hervorragende Quilts!“

Aber das ist noch längst nicht alles, was die Künstlerin ausprobiert hat. Dazu gehören Leinen, Baumwolle, Seide, Hundehaare - „da habe ich einmal für eine Kundin einen Pullover gestrickt, der war besonders kuschelig warm“ – aus Pflanzen selbst gefärbte Wolle, Hanfstengel, „und natürlich auch Schwemmholz von der Elbe, wenn es mal eine Überschwemmung gegeben hat!“ Eine Lieblingsfarbe hat Manuela Walther nicht, „aber ich trage momentan meinen türkisen Pullover sehr gern!“ – der übrigens aus einem Seide-Wolle-Gemisch selbst gestaltet worden ist.

Ob sie sich vorstellen könne, mal ohne Wolle zu leben, ergeht die letzte Frage an die Fadenkünstlerin. „Nein“ kommt darauf energisch, „ohne Essen, das ginge schon mehrere Tage, aber ohne Wolle – nicht einen Tag!“

Von Kerstin Beck

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