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Perleberg Marianne Birthler erzählte aus ihrem Leben
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01:16 16.09.2018
Marianne Birthler las in Perleberg und erzählte Anekdoten aus ihrem Leben. Quelle: Bernd Atzenroth
Perleberg

„Merken Sie sich eins: Wenn viele Leute einer Meinung sind, dann ist daran immer etwas faul.“ Diesen Satz merkte sich die junge Marianne Birthler, damals noch Radtke, wirklich, wenngleich es dauerte, bis sei seine Dimension in der DDR-Wirklichkeit verstand.

Marianne Birthler, die als DDR-Bürgerrechtlerin, brandenburgische Bildungsministerin, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und schließlich als Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde bekannt wurde, war nach Perleberg für eine Lesung gekommen. Sie hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben in ihrer Autobiographie „Halbes Land, ganzes Land, ganzes Leben“. Im alten Fernmeldeamt las die 70-Jährige daraus Passagen, erzählte Anekdoten und ließ ihr Publikum zu Wort kommen. Das war zahlreich erschienen.

Marianne Birthler las in Perleberg und erzählte Anekdoten aus ihrem Leben. Quelle: Bernd Atzenroth

Es ist ein spannendes Leben, aus dem Marianne Birthler erzählen kann. Es reicht zurück in die Zeit der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Wende- und Nachwendezeit, als die DDR-Bürgerrechtlerin zwei Jahre lang Ministerin in Brandenburg war und später zur Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde wurde.

Es war ein weiter Weg von der Kinderzeit rund um den Berliner Alexanderplatz bis zu Besprechungen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder über die Freigabe der Kohl-Akten, bei denen dieser klassisch Rotwein und Zigarre auspackte und Marianne Birthler in Sachen Herausgabe der Kohl-Akten einschüchtern wollte – was ihm, wie Birthler erzählt, nicht gelang.

„Ich war raus aus der FDJ, und es ist nichts passiert“

Von Anfang ging sie ihren eigenen Weg. Als junges Mädchen war sie sowohl bei Jungen Pionieren und dann FDJ als auch in der jungen Gemeinde. Als sie dann vor die Wahl gestellt wurde, sich zwischen beidem zu entscheiden, sei sie aufgestanden und habe mitgeteilt, dass sie aus der FDJ austrete.

Selbst Schulkonferenzen konnten sie von diesem Vorhaben nicht abbringen. Befürchtete Schikanen erlitt sie aber nicht: „Ich war raus aus der FDJ, und interessanterweise ist nichts passiert“, erzählt sie.

Ihre Anti-Haltung gegen das DDR-System vertiefte sich. Als sie nach gescheiterter erster Ehe in den 1980er Jahren wieder nach Berlin zurückkehrte, begann sie eine neue Lebensetappe mit ihrer Arbeit bei der evangelischen Kirche – und war damit genau an dem Ort, von dem aus ein entscheidender Anstoß zur Wende kommen sollte.

Eine mit Hoffnung vermischte Unsicherheit

Gefragt, warum gerade die Kirche geeignet schien, Anlaufstelle für viele Unzufriedene zu werden, antwortete sie: „Kirche ist immer dorthin gegangen, wo es Defizite gab.“ Damals habe der freie politische Austausch gefehlt, für den die Kirche dann eine Plattform geboten habe. „Nennen wir es mal politische Diakonie“, so Marianne Birthler.

„1987 lag eine mit Hoffnung vermischte Unsicherheit in der Luft“, fuhr sie fort, „das war in Berlin besonders zu spüren.“ Was weiter kommen sollte, ist bekannt und war dennoch weder planbar noch so erwartet: Birthler beschreibt in ihrem Buch ausführlich die Gründung der vielen Initiativen und Gruppen; sie selbst schloss sich der Initiative für Frieden und Menschenrechte an.

Wiedervereinigung „war außerhalb unserer Vorstellungswelt“

Selbst bei der berühmten großen Demo am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Mauerfall, seien alle möglichen Themen angeschnitten worden, nur die Wiedervereinigung nicht: „Das war außerhalb unserer Vorstellungswelt.“ Sie erinnert sich, für einen langsamen Annäherungsprozess beider deutscher Staaten gewesen zu sein, doch bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 habe die Mehrheit für eine schnelle Einheit votiert. Dieser Volkskammer gehörte Marianne Birthler für Bündnis 90 an.

Gefragt, warum und ob sie sich bewusst für den Einstieg in die Politik entschieden habe, antwortet sie: „Eigentlich bin ich da mehr oder weniger reingerutscht.“ Dass sie dann in Brandenburg aktiv wurde, hatte mit Matthias Platzeck und Günter Nooke zu tun. „Sie fragten mich, ob ich bereit wäre, für den Landtag Brandenburg zu kandidieren. Das fand ich spannend. Es gab ja nichts, das musste alles erst aufgebaut werden.“ Und so kam sie nicht nur in den Landtag, sondern wurde für zwei Jahre Bildungsministerin.

„Ich lebe jetzt in einem freien Land, einem Rechtsstaat“

Es wurden arbeitsreiche Zeiten: „Was haben wir für Chaos vorgefunden, was haben wir gearbeitet. Wie müde waren wir und wie glücklich“, umschreibt sie die Stimmung jener Zeit. Das Schwierigste aber sei es gewesen, in die ihr übertragene Rolle hineinzuwachsen.

Bei aller Freude über die dann vollzogene Einheit war es für sie dennoch ein seltsames Gefühl, das Ende des ihr vertrauten Landes DDR zu erleben, in dem sie aufgewachsen ist und in dem sie ihre Kinder geboren hat. Der DDR trauert sie aber nicht nach: „Wir kamen aus einer sehr übersichtlichen Welt. Es hieß ja: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Sie sagt heute: „Ich glaube, dass Fehler gemacht worden sind bei der Deutschen Einheit.“

Im Großen und Ganzen sei aber alles gut gegangen. Zu viel hatte sie vom Westsystem auch nicht erwartet: „Ich wusste ja, dass ich nicht im Paradies lande. Aber ich lebe jetzt in einem freien Land, einem Rechtsstaat.“ Einem Land also, in dem vielleicht nicht alle immer einer Meinung sind, ohne gleich mit Konsequenzen dafür rechnen zu müssen.

Von Bernd Atzenroth

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