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Pest, Überschwemmung und üble Nachrede

Vehlin Pest, Überschwemmung und üble Nachrede

Pest, Überschwemmungen und üble Nachrede: Gründe, weshalb Frauen der Hexerei verdächtigt wurden, gab es viele. Noch heute findet sich in Sagen aus der Region der Glaube an Magie und Zauberei der mittelalterlichen Bevölkerung. 1714 verbot Friedrich Wilhelm I. die Hexenprozesse in der Mark, die aber in der Prignitz bereits vorher beendet waren.

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Nach den Hexenprozessen wandelte sich das Hexenbild vom buckligen Weib zur verführerischen Frau: Gemälde von Luis Ricardo Falero (1880).

Vehlin. Sagen über Hexen gibt es in der Prignitz und in Ostprignitz-Ruppin zahlreiche. Da ist die beispielsweise die Hexe von Boltenmühle, die einen Müllergesellen vollständig zerkratzt haben soll. Der war von seinem Pferdefuhrwerk abgestiegen, um eine Heugabel aufzuheben, worauf ihm die Hexe auf den Rücken gesprungen sei. In Kyritz soll es eine Hexe gegeben haben, bei Bergen wie an anderen Orten weisen Ortsbezeichnungen wie „Hexenberg“ auf vergangene Mythen und Geschichten hin. Folkloristische Figuren sind bis heute sowohl die Hexe von Boltenmühle wie die tatsächliche wegen Hexerei verbrannte Anna Doßmanns in Wittstock: Bei Festen dürfen die beiden weiterhin ihr „Unwesen“ treiben.

Magie – gute wie schlechte – gehörte zum Alltagsleben der Menschen im 16. und 17. Jahrhundert, sowohl beim Adel wie beim einfachen Volk. Auch die Reformation konnte den Volksglauben an Hexen, Geister und erscheinende Teufelsgestalten nicht ausrotten – im Gegenteil. Auf das Ende des 16. und bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts fällt der Höhepunkt der Hexenverfolgungen in der Region.

Spurensuche in Vehlin

In Vehlin haben sich die Autoren der Internetseite des Dorfes auf Spurensuche gemacht, um herauszufinden, wie Frauen, aber auch vereinzelte männliche Hexenmeister überhaupt in den Ruf kommen konnten, Hexerei zu betreiben. Vor allem Witwen hätten sich diesen Ruf leicht erworben. Etwa diese: Nachdem ein Mann gestorben sei, wäre dessen Witwe verzweifelt und wütend auf das Glück der restlichen Welt zurückgeblieben. Hätte die Witwe des Bauern Clemens zunächst andere nur angestichelt, seien mit der Zeit aus diesen Sticheleien Flüche und verächtliche Zaubersprüche geworden. Jahrelang habe die Witwe im Ruf der Hexerei gestanden. Als dann tatsächlich einige Tiere im Dorf starben, nachdem sie über das Vieh eines Bauern einen Fluch gesprochen hatte, war die Witwe angeklagt und wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Freilich: Das Viehsterben hörte auch nach ihrem Tod nicht auf, so dass das Dorf eine weitere Frau als Verantwortliche ausmachte: Sandra Kriele.

Entschädigung blieb aus

Auf Betreiben des Dorfes wurde ihr der Prozess gemacht. Die Historikerin Lieselott Enders gibt in ihrem Buch „Die Prignitz“ an, dass in Vehlin 1601 sogar mehrere Frauen unter der Tortur Kriele der Hexerei bezichtigt wurden. Den Frauen hatte dies nicht mehr geholfen, sie wurden dennoch verbrannt. Sandra Kriele hatte zunächst unter Folter die an sie gerichteten Vorwürfe eingeräumt, ihr Geständnis allerdings später widerrufen. Das Urteil lautete deshalb auf Urfehde (Fehdeverzicht), Sandra Kriele wurde so auf freien Fuß gesetzt. Zwölf Jahre später verstarb Sandra Kriele. Ihre Kinder verlangten von der Gemeinde Entschädigung und zogen erneut vor Gericht, wurden aber sowohl vom Gerichtsherrn von Saldern wie auch vom Brandenburger Schöffenstuhl abgewiesen: Die Gemeinde hätte den Fall damals im Rahmen geltenden Rechts behandelt.

Während die Betroffenen unter der Folter litten oder getötet wurden, waren Hexereivorwürfe auch für die Familienbeziehungen eine Katastrophe. In Kyritz, Havelberg, Bresch oder Stepenitz konnten einige Angehörige erfolgreichen Widerstand gegen den Hexereiverdacht leisten. Dagegen verlor Trine Scheffers in Dallmin 1613 zunächst ihren Mann, der die hohen Kosten des Prozesses gescheut hatte. Scheffers war von einer anderen Frau der Hexerei bezichtigt worden, auch diese war gefoltert und später verbrannt worden. Der Gerichtsherr Philipp von Quitzow ließ die schwangere Trine Scheffers vier Mal foltern. Wegen ihres fehlenden Geständnisses wurde sie jedoch freigelassen. Trine Schaffers verklagte später von Quitzow vor dem Kammergericht und bekam auch eine Wiedergutmachung für ihre Inhaftierung, die Folter, für Schimpf und Schaden zugesprochen. Ob die Schäden mit der Abfindungssumme abzugelten waren, bleibt zumindest zweifelhaft.

Krisen mit Hexerei erklärt

Vor allem kleine und große Krisen wurden häufig mit Hexerei erklärt: Hochwasser an der Elbe und damit zusammenhängende Überschwemmungen beispielsweise hat Lieselott Enders als eine der Krisen für die Elbgebiete ausgemacht, die auch statistisch gesehen die Verfolgungen beförderten. Aber auch eine allgemeine Wirtschaftskrise in der Mark Brandenburg sorgte für soziale Verwerfungen und Hexereivorwürfe. Pestepedemien erklärte sich die Gesellschaft ebenfalls mit dem Einfluss schwarzer Magie. Der Dreißigjährige Krieg unterbrach zumindest die anhand von Prozessakten nachweisbaren gerichtlichen Hexenverfolgungen im Norden Brandenburgs. Den Gerichten fehlte offenbar die Zeit für aufwendige Hexereiprozesse – zumindest aber fehlen Akten, die solche nachweisen können.

Üble Nachrede in Legde

Spätere Prozesse entpuppten sich häufig als Fälle übler Nachrede. Für Legde etwa hat der Historiker Jan Peters herausgefunden, dass ein zugezogener Kossäte im Jahr 1669 diverse ortsansässige Bauern der Hexerei und deren Frauen der Zauberei bezichtigte – und dies auch bereitwillig bei seinen Nachbarn herum tratschte. Die Verdächtigten erhoben Klage gegen ihn. Der Kossäte Lüderitz musste eine Strafe zahlen und Abbitte leisten, eine Anklage wegen Hexerei hat es nicht gegeben.

Die letzten Prozesse in der Prignitz aus den Jahren 1676 bis 1686 haben sich allesamt als Verleumdungsklagen erwiesen. Im vergleich zu anderen Regionen begannen die Gerichte in der Prignitz vergleichsweise früh damit, die streitenden Parteien auszusöhnen und die mitunter gegenseitigen Bezichtigungen und Streitereien zu beschwichtigen.

Die Brandpfähle wurden abgerissen

Bei den letzten Prozessen im Zeitraum von 1676 bis 1686 handelte es sich nur noch um Verleumdungsklagen. 1714 schließlich verbietet König Friedrich Wilhelm I. weitere Hexen-Prozesse in Preußen. Die Brandpfähle wurden abgerissen, der Begriff „Hexe“ wandelte sich mit der Zeit. Das letzte Opfer der Hexenprozesse in Brandenburg stammt aus der Uckermark: Dort wurde Dorothee Elisabeth Tretschlaff, eine Magd von gerade mal 15 Jahren hingerichtet: Sie hatte bekannt, den Teufel gesehen zu haben: Unter anderem sei er ihr brummend wie eine Fliege erschienen und habe ihr Geld geschenkt.

Von Claudia Bihler

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