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Prignitz: Opferhilfe für jedermann

Weisser Ring setzt auf Prävention Prignitz: Opferhilfe für jedermann

Viele Menschen in der Prignitz haben Gewalt oder Betrug bereits am eigenen Leibe – oder im unmittelbaren Familienkreis erlebt. Oft sind die Opfer traumatisiert und leiden noch lange danach unter Ängsten. Die Prignitzer Opferhilfe setzt deshalb verstärkt auf Prävention. Aber nicht nur.

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Opferberater Henk van Essen.

Quelle: Bernd Atzenroth

Pritzwalk. Die Arbeit für die Opferhilfe ist nicht einfacher geworden in diesen Tagen. Viele, vor allem ältere Menschen haben ihre Ängste, ein – wenn auch nicht großer – Teil von ihnen hat tatsächlich schon Gewalt und Kriminalität am eigenen Leibe erlebt. Für sie wollen die ehrenamtlichen Helfer des Weissen Rings da sein, zunehmend auch schon, bevor etwas passiert.

Prävention heißt das Zauberwort, und im Grunde ist sie der beste Weg, um die Arbeit des Weissen Rings zu reduzieren: nämlich für die Menschen da zu sein, wenn sie erst einmal Opfer geworden sind. Das wird umso wichtiger, je mehr bei der Polizei an der Präventionsarbeit gespart werden muss. „Prävention soll helfen, Ängste von Menschen wegzunehmen“, sagt Henk van Essen, Außenstellenleiter des Weissen Rings in der Prignitz.

Opferhilfe schon im Krankenhaus Perleberg

Auch bei der Einbindung anderer Akteure geht man neue Wege. So plant der Prignitzer Weisse Ring jetzt, die Notaufnahme des Perleberger Krankenhauses mit Informationsmaterial auszustatten – damit Opfer sofort wissen, an wen sie sich im Falle eines Falles wenden können. Am 25. Februar soll das Projekt im Krankenhaus gestartet und vorgestellt werden. Van Essen hat sich zum Ziel gesetzt, diese Art von Information landesweit zu verbreiten. „Alle können Opfer sein, und allen helfen wir“, betont van Essen.

Dabei ist Brandenburgs Nordwesten sicher kein Hort der Kriminalität. Die Palette der Straftaten, mit deren Folgen auch die Vertreter des Weissen Rings in der Prignitz konfrontiert werden, ist dennoch eindrucksvoll, wie es der Prignitzer Außenstelleiter des Weissen Rings im Gespräch mit der MAZ offenbart. „Außer Mord war hier schon alles dabei“, sagt er, „die ganze Palette, die man auch in Hamburg oder Berlin hat: häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch, aber auch ein eskalierter Nachbarschaftsstreit.“

Besonders dreisten Betrügern aufgesessen

Van Essen und seine Kollegin Annette Hochhardt sind die ersten Ansprechpartner für alle Opfer von Gewalt und Straftaten, die Hilfe brauchen. Vor allem sie sei als Sozialarbeiterin „die richtige Person für das erste Gespräch“. Danach teilen sich die beiden die Betreuung der Menschen mit weiteren Ehrenamtlern auf.

Auch wenn mittlerweile die Bereitschaft wächst, sich als Opfer einer Straftat zu offenbaren, ist es in vielerlei Hinsicht immer noch ein Tabuthema, zum Opfer geworden zu sein. Das gilt zum einen für diejenigen, die besonders dreisten Betrügern aufgesessen sind. Oft sind dies ältere Menschen, für die dies einschneidende Folgen haben kann und die sich den Tätern nicht mehr gewachsen fühlen. Ein fast noch größeres Tabu sind Fälle von häuslicher Gewalt und sexuelle Übergriffe. Mitunter werden die Ehrenamtler vom Weissen Ring mit Frauen konfrontiert, deren Mütter und Großmütter bereits Opfer sexueller Gewalt geworden sind, oft innerhalb der eigenen Familie. „Dann müssen wir oft den Kindern erklären, dass das nicht normal ist“, erzählt Henk van Essen.

Opfer brauchen Fürsprache

Henk van Essen weiß, dass Opfer Fürsprache brauchen, die sie nur allzu oft nicht erhalten. Oft ist es daher für die Menschen wichtig, zunächst einfach loszuwerden, was ihnen auf der Seele liegt. „Wenn sie weinen müssen, dann können sie bei uns auch weinen“, sagt der Niederländer, der seit sechs Jahren in der Prignitz lebt. „Man sollte das nicht unterschätzen“, fährt er fort, „für das Opfer ist das so, dass er jetzt jemanden bei sich hat und Hilfe bekommt.“

Beim zweiten Gespräch geht es dann ans Planen und die Opfer an die Hand zu nehmen. Die Ehrenamtler vom Weissen Ring können sie auf ihrem Weg durch den Behördendschungel, bei den ungewohnten Gesprächen mit Anwälten oder der Polizei oder auch zum Traumatologen begleiten, können sich auch mehr Zeit für die Betroffenen nehmen, als dies im Termingeschäft der Behörden möglich wäre. Allerdings können sie bei aller Schulung, die ihre Mitarbeiter auch auf allen anhängigen Fachgebieten erhalten, die Fachauskunft nicht ersetzen. Van Essen: „Wir sind keine Konkurrenz für die Behörden, wir sind ja keine Fachleute.“

Van Essen: Sparkurs bei der Polizei ist ein „struktureller Denkfehler“

Vor allem die Arbeit der Polizei schätzt van Essen sehr, zumal das Zusammenwirken in der Prignitz sehr gut ist. Aber den Sparkurs der vergangenen Jahre bei der Polizei hält er für „absolut falsch“. „Die Polizei kann man nicht behandeln wie eine Firma, das ist ein struktureller Denkfehler.“

Wer den persönlichen Kontakt mit einem Mitarbeiter des Weissen Rings sucht, kann montags von 12.30 Uhr bis 16 Uhr das Servicebüro des Weissen Rings am Foyer der Perleberger Polizeiinspektion aufsuchen oder die  0162/9 61 21 86 wählen.

Von Bernd Atzenroth

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