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Prignitzer nahmen 1000 Salzburger auf

Exulanten fanden 1732 herzliche Aufnahme in Perleberg und Pritzwalk Prignitzer nahmen 1000 Salzburger auf

In der Überlieferung werden die Prignitzer als wohltätige Gastgeber gepriesen. Auf ihrem Weg nach Königsberg beherbergten und beköstigten 1732 Perleberg und Pritzwalk mehr als 1000 lutherische Emigraten, die aus dem katholischen Salzburg vertrieben wurden.

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Wandbild im Friedrich-Gymnasium Gussew: Der Soldatenkönig begrüßt die Salzburger Exulanten.

Quelle: Foto: Stadtmuseum Perleberg

Perleberg. Bei der Ankunft der Flüchtlinge ging eine Welle der Begeisterung durch das Land. Diese Worte könnten sich gut auf die Septembertage 2015 beziehen, doch sie treffen auf ein Ereignis zu, von dem vor fast 300 Jahren auch die Prignitz tief berührt wurde.

Am 27. September 1732 hielt vor dem Wittenberger Tor in Perleberg ein Treck mit 1070 Menschen und über 70 Fuhrwerken. Magistrat, Geistlichkeit, Schüler und Lehrer begrüßten die aus Salzburg vertriebenen Emigranten. Wie Norbert Stein in einem Vortrag im Perleberger Stadt- und Regionalmuseum berichtete, wurden die Ankömmlinge reichlich versorgt. Die Bürger erwiesen ihnen „viele Guttaten“, wozu auch die geistliche Erbauung durch Reden zählte. Ein Kommissar von Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, war dem Tross vorausgeeilt. Und hatte die Bürger aufgefordert, ihre Stuben für die Aufnahme der Flüchtlinge zu heißen. Die Schlächter sollten reichlich gutes Fleisch vorhalten. Bald nach der Begrüßung wurden die „Exulanten“ von den Bürgern in ihre geheizten Stuben geführt und beköstigt. Daran, dass eine Salzburgerin in der Nacht, starb, erinnert heute eine Tafel in der Perleberger Jacobikirche. Unter einem „Großgeläut“ wurde sie tags darauf beigesetzt.

Nach zwei Tagen, am 29. September, setzte sich der Zug um 9 Uhr wieder in Bewegung, gegen 15 Uhr hielt er auf freiem Feld vor dem Perleberger Tor in Pritz­walk. Auch hier eine große Begrüßung durch Magistrat und Geistlichkeit. Auf dem Markt nahmen die Pritzwalkker ihre Gäste in Empfang und nahmen sie mit in ihre Häuser. In der Nikolaikirche gab es einen Gottesdienst. Die Kollekte brachte 16 Taler ein, dazu kamen 144 Taler aus einer Hauskollekte. Landrat von Platen und der Herr von Quitzow spendeten ebenfalls reichlich. Nach damaligen Maßstäben kamen erhebliche Beträge zusammen. Schulrektor Johann Christoph Hey verfasste über das Ereignis die Schrift „Das Liebthätige Pritzwalk“, der wir die Einzelheiten über die Beherbergung der Flüchtlinge in der Stadt verdanken.

Mehr als 20 000 Lutheraner mussten 1731 und 1732 das Erzbistum Salzburg verlassen, da der Erzbischof in seinem Land nur noch den katholischen Glauben duldete. Friedrich Wilhelm I. erließ daraufhin ein Einladungs-Edikt an die Salzburger Exulanten. Wie Norbert Stein ausführte, schickte der König Emissäre aus, die Transporte organisierten und an die Flüchtlinge ein Tagesgeld auszahlten. Etwa 17 000 Salzburger folgten der Einladung des Preußenkönigs, dessen Großvater, der Große Kurfürst, bereits die heute weitaus bekannteren Hugenotten ins Land geholt hatte.

Zunächst wollte der König die Flüchtlinge im Land verteilen. Doch die Städte schrieben ihm, dass sie keinen Bedarf an Handwerkern hätten. Auch stellte sich heraus, dass die Salzburger gar keine Handwerker waren, sondern vor allem Bauern aus Bergdörfern. Der König schickte sie schließlich ins äußerste Ostpreußen, in einem von der Pest entvölkerten Landstrich, wie er meinte. Später stellte sich allerdings heraus, dass die Pest lange zurücklag und die Dörfer wieder bewohnt wurden. In 25 Zügen verließen die Salzburger Emigranten ihre Heimat zu Fuß und in Fuhrwerken. Norbert Stein erklärte: „Die Durchleitung dieser vielen Züge bis nach Königsberg war eine logistische Meisterleistung.“ Um einzelne Orte mit der Beherbergung und der Stellung von Fuhrwerken, die Flüchtlinge bis zum nächsten Halt brachten, nicht zu überfordern, entstand ein weit verzweigtes Liniennetz über das ganze Land.

Gumbinnen – heute das russische Gussew – wurde zum Hauptort der Salzburger. Der König unterstützte ihre Ansiedlung durch die Überlassung von Hofstellen und gewährte ihnen besondere Rechte. Die Exulanten erhielten eine eigene Kirche, ein eigenes Krankenhaus und einen eigenen Friedhof. Die Salzburger Kirche in Gusses besteht heute noch und auch das Friedrich-Gymnasium, in dessen Aula ein großes Wandbild in den 1990er wieder freigelegt wurde. Es zeigt die Begrüßung der Salzburger durch den König, der auf die Frage nach dem starken Zuzug erklärt hatte. „Ich würde auch noch weitere 30 000 Exulanten aufnehmen.“

Von Michael Beeskow

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