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Prignitzer sucht im Tschad nach Wasser

Entwicklungshilfe in der Gefahrenzone Prignitzer sucht im Tschad nach Wasser

In einer Gegend, vor dem das Auswärtige Amt seit Jahren warnt, bloß nicht hinzureisen, zieht es den Prignitzer Urban Britzius immer wieder hin. Der Agrartechniker und Tief- und Brunnenbauer engagiert sich dort für eine Wasserversorgung.

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Urban Britzius mit dem Nilpferd, Ehefrau Jeannette hält den Solarpreis ihres Mannes in der Hand.

Quelle: Kerstin Beck

Eldenburg. Im kleinen Wohnzimmer der Eheleute Britzius in Eldenburg steht ein merkwürdig aussehendes Deko-Objekt. Es sieht aus wie eine kleine gläserne, in Messing eingefasste Weltkugel. Es ist ein Solarpreis, den Urban Britzius bekommen hat. Und dann gibt es ein aus Sapelo-Holz geschnitztes Nilpferd. Ein Talismann. Urban Britzius klappt seinen Laptop auf und deutet auf eine Karte: „Dort werde ich in wenigen Tagen wieder sein - in Am Nabak im Tschad!“ Dort engagiert er sich seit zehn Jahren für die Wasserversorgung in einer der gefährlichsten Regionen der Welt.

In wenigen Tagen wird der gebürtige Pfälzer Rentner sein, aber davon will er nichts wissen. „Ich kann doch meine Leute dort im Tschad nicht allein lassen“, sagt er. Seine „Leute“ – das sind 30 Einheimische in Am Nabak, die sich im nahe gelegenen Flüchtlingscamp um etwa 12 000 Flüchtlinge kümmern. Dorthin zieht es ihn zurück.

Noch immer brodelt es in der Region. Nachdem 2003 regierungsgestützte Reitermilizen die Dörfer der westsudanesischen Darfur-Region überfallen hatten, wurden infolge der Plünderungen und Gräueltaten mehr als 300 000 Menschen ermordet. Die nun im Lager campierenden sudanesischen Flüchtlinge – 80 Prozent sind Frauen und Kinder – haben Angst, in ihre Heimat zurückzukehren. Zwar gibt es einen auf dem Papier bestehenden Friedensvertrag zwischen dem Tschad und dem Sudan, doch die Furcht, erneut Opfer von Gewalt und Plünderungen zu werden, ist zu groß.

„Es gibt dort auch Minen in der Erde, und manchmal werde ich nachts von M-Pi-Donner wach oder von aufgeregten Eselsschreien“ berichtet Britzius, der zudem von brutal hingerichteten Menschen berichtet. „Ich weiß wirklich, was es bedeutet, Flüchtling zu sein“, sagt er. Doch: Über zehn Jahre gibt es dort das von der Selbsthilfeorganisation „Help“ initiierte Hilfsprojekt, das die Wasserversorgung für die Menschen dort sicherstellt. Wasser ist dort das Kostbarste überhaupt.

„Wenn mich jemand fragt, wo ich denn überhaupt arbeite, sage ich immer „genau in der Mitte von Afrika“, und das ist eines der lebensfeindlichsten Gebiete in der Welt“, sagt Urban Britzius dazu. „In der Regenzeit, die nur wenige Wochen dauert, regnet es höchstens ein, zwei Mal, da trinken die Menschen den gelben Schlamm auf der Erde. Und das geht einfach nicht!“ Dafür, das zu ändern, bringt der ausgebildete Agrartechniker und Tief- und Brunnenbauer beste Voraussetzungen mit. In einer Dresdner Sprengschule machte der Jäger und Sportschütze zudem seinen Sprengstoffschein und erwarb seine Lizenz als Kampfmittelräumer und Schießausbilder. „Dort beim Lehrgang lernte ich die Chefin von „Help“ kennen, die mich zum Tschad-Einsatz überredete, denn dort brauchte man jemanden zum Brunnenbau. „Das machste!“ sagte ich mir dann sofort!“

Die ersten fünf Jahre waren sehr hart, denn da es am hoch im Gelände gelegenen Camp keine Brunnen gibt, wurden aus 50 Kilometer Entfernung – und immer an den Minen vorbei – täglich 160 000 Liter Wasser mit LKWs herangeschafft.

Inzwischen hat Urban Britzius mit seinen Helfern, acht Brunnen gegraben und ein festes Wassersystem installiert, das das Lager versorgen kann. 2013 wurde der Betrieb der Wasserpumpen von Benzin auf die nachhaltige Solarenergie umgestellt.

Dafür gab es noch im selben Jahr den von der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien in Bonn verliehenen Deutschen Solarpreis, dessen sichtbares Zeichen – ein Modell eines Solarometers – nun bei den Britzius’ auf dem Tisch zu bewundern ist.

Doch Urban Britzius ist noch einer weiteren Innovation auf der Spur, auf die noch niemand gekommen ist: An den Rändern kleiner Oasen baut er kniehohe Staudämme, die nach Regenfällen im Innern der Wüsteninseln das Wasser halten. So können vielleicht auch zu bewirtschaftende Felder entstehen – oder genügend kleinere Solarbrunnen. Und wie man diese Oasen findet? „Ich frage die Einheimischen“, antwortet der Ingenieur, der inzwischen von den Eingeborenen respektvoll Shahib Al Mi genannt wird – „der Alte vom Wasser“.

Urban Britzius wird in wenigen Tagen wieder im Tschad sein, auf der Suche nach dem kostbaren Wasser. Ehefrau Jeannette Britzius hat wenigstens das knuffige Nilpferd als Talismann. „Aber wir skypen zweimal die Woche, und in einem Vierteljahr ist er ja wieder hier!“ sagt die Gattin, die hier Haus und Hof zusammenhält und die übrige Familie. „Auf sie kann ich mich verlassen!“ sagt Urban Britzius.

Von Kerstin Beck

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