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Pritzwalk Balanceakt zwischen Leben und Tod
Lokales Prignitz Pritzwalk Balanceakt zwischen Leben und Tod
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00:23 30.11.2018
Ein kleiner Piks und Aurora sowie ihre Mutter Kristin Stricker können die Blutzuckerwerte ablesen. Quelle: Stephanie Fedders
Pritzwalk

Wenn Aurora aus dem Haus geht, dann darf die kleine rote Tasche nicht fehlen. Sie ist immer griffbereit, egal ob sie zur Schule muss, mit Mama einkaufen fährt oder Freunde besucht. Der Inhalt – eine Lebensversicherung namens Insulin. Aurora hat Diabetes, Typ I.

Tage wie diesen vergisst man nicht. Er reiht sich ein im Kalender, zwischen Geburten und Hochzeiten. Und bietet doch so gar keinen Grund zur Freude. Der 23. März 2018 ist anders. Es ist der Tag, an dem sich das Leben von Aurora und ihrer Mutter gewaltig verändern wird. Der Tag der Diagnose. Diabetes mellitus wird von nun an zum ständigen Begleiter.

Durst, Bauchschmerzen und Kopfweh

Am Anfang stehen kleine Veränderungen im Leben von Aurora. Ein bisschen mehr Durst als üblich, Bauchschmerzen nach dem Frühstück oder Kopfweh nach dem Fahrrad fahren. Kann bei einer Siebenjährigen schon mal vorkommen, denkt ihre Mutter. Kein Grund zur Sorge. „Da macht man sich nichts draus“, gibt Kristin Stricker zu. Der Verstand sagt, dass es nichts zu bedeuten hat. Doch das Gefühl, etwas könnte nicht stimmen, lässt Auroras Mutter nicht los. Durst und Bauchschmerzen bleiben, die Kopfschmerzen auch. Bei einem Familienbesuch greift Kristin Stricker zum Teststreifen und misst den Blutzucker ihrer Tochter. Das Gerät zeigt eine Zahl an, die sich nicht ignorieren lässt. „15,6 Milimol pro Liter. Zwischen vier und sieben ist normal“, erinnert sich Stricker.

Sie ruft die Kinderärztin an. Fährt sofort hin. Von da an geht alles ganz schnell. Mit einer Überweisung in der Hand geht es ins Krankenhaus nach Perleberg. Aurora wird zur Patientin und muss in der Klinik bleiben. Es gilt, verlässliche Werte zu erhalten, um das Mädchen richtig behandeln zu können. Jede Stunde wird Blut abgenommen. Bis der Verdacht zur Gewissheit wird. Sie habe gut reagiert und die Anzeichen ernst genommen, bescheinigen die Ärzte der Mutter. In dem Moment ein schwacher Trost. „Unser Leben wird von jetzt an anders“, weiß Kristin Stricker.

Fischbuletten als Leibspeise

Die kleine rote Tasche liegt fortan immer griffbereit in der Wohnung. Sie enthält das Messgerät, Teststreifen, Insulin und den Pen zum spritzen. Um kurz nach halb zwölf weiß Aurora, was zu tun ist. Routiniert geht sie die Schritte durch bis zum kleinen Piks in die Bauchdecke. Gleich gibt es Mittag. „Fischbuletten“, ruft sie. Ihr Lieblingsessen.

Ein Sensor an Auroras Bauch misst permanent die Gewebeglukosewerte, eine App auf dem Handy zeigt sie an. Auch bei Kristin Stricker, die sofort reagieren kann, wenn die Zahlen auffällig sind. Ein Stück Sicherheit für die Alten- und Pflegehelferin, wenn sie arbeitet und Aurora in der Schule ist.

Pflegedienst hilft in der Schule

In der Pritzwalker Jahn-Grundschule ist Aurora als einzige an Diabetes erkrankt. Kristin Stricker ergreift sofort die Initiative, stellt sich vor die Klasse und klärt auf. Warum Aurora sich spritzen muss. Warum sie auch im Unterricht essen darf. Warum Sportunterricht zur Gefahr werden kann. Ihre Mitschüler wissen jetzt Bescheid. Und auch die Lehrerinnen der Flex-Klasse helfen mit, Akzeptanz für Auroras Situation zu vermitteln. Um die ständige, lebenswichtige Balance zwischen Über- und Unterzuckerung zu finden, kommt ein Pflegedienst in der Frühstücks- und Mittagspause in die Schule und überwacht die Insulinzufuhr.

Chronische Krankheit Diabetes Typ I

Der so genannte Diabetes Typ I beginnt in der Kindheit, Jugend oder im jungen Erwachsenenalter.

Es ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der die Bauchspeicheldrüse kein oder nicht genügend Insulin produziert. Ohne Insulin kann der Körper die Nahrung nicht verwerten.

Ohne das Hormon Insulin sammelt sich der über die Nahrung aufgenommene Zucker im Blut und verursacht Beschwerden. Wird die Krankheit nicht behandelt, drohen Über- oder Unterzuckerung.

Neben Übelkeit oder Schwindel kann es zur Bewusstlosigkeit kommen (diabetisches Koma).

In Deutschland sind zirka 30 000 Kinder und Jugendliche erkrankt.

Diabetes Typ II tritt im Vergleich zum Typ I erst im Erwachsenenalter auf und kann mit Medikamenten behandelt werden.

Der Alltag will genau so geplant sein. Alles, was Aurora isst, muss zuvor berechnet werden, um dann die richtige Menge Insulin zu spritzen. Geht es zum Kindergeburtstag, fragt Kristin Stricker nach dem Programm. Kino oder Toben? Jedes Stück Schokolade, jedes Gummibärchen hinterlässt seine Spuren im Blutzucker. So vergeht kein Tag, keine Minute ohne Gedanken an das, was passieren könnte. „Ohne Insulin würde Aurora sterben“, weiß ihre Mutter.

Zur Reha nach Usedom

Im Oktober war die Familie zur Reha auf Usedom. Vier Wochen Auszeit vom Alltag. Der Austausch mit Eltern hat geholfen, dass Kristin Stricker ruhiger, die Angst beherrschbarer geworden ist. Zum ersten Mal hat Aurora auf der Insel Gelegenheit, mit ebenfalls erkrankten Kindern zu spielen. Das würde sie auch gerne zuhause in Pritzwalk machen und sucht daher Betroffene in ihrem Alter, die in der Prignitz zuhause sind.

Kristin Stricker unterstützt ihre Tochter dabei. „Seit der Diagnose hat sie sich zurückgezogen. Vorher war sie aufgeschlossener“, hat sie festgestellt. Dabei kann Aurora auch mit Diabetes ein normales Leben führen. Wie schön wäre es, wenn gute Freunde sie auf diesem Wege begleiten. Freunde, die auch nicht ohne eine kleine Tasche aus dem Haus gehen können.

Wer mit Aurora und ihrer Mutter Kontakt aufnehmen möchte, kann sich per Mail unter kristin-stricker@gmx.de melden.

Von Stephanie Fedders

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