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Pritzwalker erkennt spät seinen Autismus

Sein wichtigster Sieg Pritzwalker erkennt spät seinen Autismus

Erst spät hat Maik Senninger den Grund dafür herausgefunden, warum er in seinem Leben immer wieder mit Dingen zu kämpfen hat, die anderen keine Sorgen bereiten. Als sein Sohn geboren wurde und feststand, dass der Kleine an Autismus leidet, bekam auch der 35-jährige Prignitzer die Diagnose.

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Maik Senninger (l.) betreibt neben seinen Kämpfen mit Behörden intensiv Ahnenforschung und hat sich auch ein Familienwappen erstellen lassen.

Quelle: Andreas König

Pritzwalk. Wenn etwas nach einer Chance für ihn klingt, ahnt er schon den Pferdefuß. Maik Senninger ist 35 Jahre alt, besitzt neben der deutschen auch die italienische Staatsbürgerschaft und nahm vieles in seinem Leben immer als ungerecht wahr. Warum das so ist, erfuhr er erst sehr spät. Maik Senninger ist Autist. Allerdings ist die Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung bei ihm nicht so stark ausgeprägt, dass er Auffassungs- oder Sprachschwierigkeiten hätte, im Gegenteil.

Er hat es nicht leicht im Leben gehabt. Maik Senninger ist in Pritz­walk geboren und dort zur Schule gegangen. Er wurde in der Schule gehänselt und drangsaliert, wie er erzählt. Erlernte später den Beruf des Bäckers und stellte fest, dass er mit dem Verdienst aus diesem Handwerk nicht auskömmlich leben könnte. Maik Senninger hatte gehofft, die berufliche Durststrecke mit dem freiwilligen Wehrdienst in der Bundeswehr überbrücken zu können. Doch das klappte nicht. Nach 23-monatigem Dienst als Truppenkoch bei einer Pioniereinheit musste er sich arbeitslos melden. Das Arbeitsamt legte ihm nahe, seine Heimat zu verlassen, um einen Job zu finden. In Baden-Württemberg war er drei Jahre lang als gelernter Bäcker tätig. Doch dann meldete sein Arbeitgeber Insolvenz an. In dieser Zeit lernte er seine Frau Maria kennen. Sie ist in Deutschland geboren, wuchs jedoch in Italien auf. Die beiden heirateten, und Maik Senninger beantragte wie seine Frau die doppelte Staatsbürgerschaft. Am PC-Arbeitsplatz in der Plattenbauwohnung in Pritzwalk ist eine kleine italienische Fahne gehisst.

In Baden-Württemberg ging es Maik Senninger nach der Insolvenz seines Brötchengebers sehr schlecht. „Monatelang habe ich nur von Nudeln mit Ketchup oder Fallobst gelebt und mich nicht getraut, der Familie in der Heimat davon zu berichten“, schrieben der Pritz­walker und seine Frau im Jahr 2011 in einem Internetforum.

 Er machte den Lkw-Führerschein, was ihn mehrere tausend Euro gekostet hat, wie er sagt. Zwar übernimmt in bestimmten Fällen das Arbeitsamt die Kosten dafür, doch traf das auf Maik Senninger nicht zu.

Maik Senningers Arbeitsverhältnisse wurden von Mal zu Mal kürzer, dafür nahm der Kampf mit den Behörden immer mehr Zeit in Anspruch. Dass er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat, wird schnell klar. In Ämtern und Behörden gilt er als „paranoider Querulant“, wie er selbst sagt. Seit 2010 streitet er sich mit dem Jobcenter Prignitz herum. Die Arbeitsangebote, die ihm unterbreitet werden, hält er für inakzeptabel. „Vom Jobcenter gibt es keinen Arbeitsplatz, mit dem man die Familie ernähren könnte“, sagt Maik Senninger. Würde er den Vermittlungsvorschlägen des Jobcenters folgen, „müsste ich mich in prekäre Arbeitsverhältnisse pressen lassen“. Doch dagegen sperrt er sich „Das Jobcenter verzweifelt an mir.“ Das könnte nach Triumph klingen, doch schwingt kein Stolz in seiner Stimme mit.

„Wir können in bestimmten Fällen den Erwerb der Fahrerlaubnis übernehmen, wenn dadurch eine Arbeitsaufnahme möglich wird“, sagt Gordon Werber, der Chef des Jobcenters Prignitz. Zu Einzelheiten im Fall Senninger will er mit Verweis auf den Datenschutz nichts sagen.

Vor vier Jahren wurde Maik und Maria Senningers Sohn Maik geboren. Bald zeigte der Kleine Verhaltensauffälligkeiten. Nach mehreren Untersuchungen stand die Diagnose Autismus fest. „Ich habe mich dann intensiv mit Autismus befasst“, sagt Maik Senninger. In vielem von dem, was er über die Beeinträchtigung seines Sohns erfuhr, fand er sich selbst wieder. „Ich begann, mein ganzes Leben zu hinterfragen“, sagt er. Dann stand für ihn fest, auch er hat stark autistische Züge. „Dazu passt mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, aber auch die Einsicht in die Notwendigkeit von Befehlen“, sagt er. Bei der Bundeswehr habe er sich gut aufgehoben gefühlt. Er nimmt als Angehöriger der Regionalen Sicherungs- und Unterstützungskompanie Brandenburg regelmäßig an Reservistenübungen teil. Wäre eine Laufbahn bei der Bundeswehr nicht das Richtige für ihn? „Als es noch eine Freiwilligenarmee war, ja“, sagt Maik Senninger. Doch die Bundeswehr als Berufsarmee entspreche nicht mehr seinen Idealen.

Doch trotz aller Rückschläge: Den bisher wichtigsten Kampf hat Maik Senninger gewonnen. Für seinen Sohn Maik hat er eine individuelle Betreuung zugesprochen bekommen. Lange habe sich der Landkreis Prignitz geweigert, wollte das Kind lieber in einer speziellen Integrationskita unterbringen. Für die Senningers wäre die nächstgelegene in Meyenburg gewesen. Doch das hätte neben viel Fahrerei vor allem den Jungen überfordert, ist Maik Senninger überzeugt. In vielen Gesprächen, unter anderem mit dem stellvertretenden Landrat Christian Müller, sei es ihm gelungen, eine Individualbetreuung in einer Regelkita zu bekommen. Während der Betreuungszeit steht eine Mitarbeiterin des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) Prignitz dem kleinen Maik zur Seite. „Wir haben alle notwendigen Hilfen und zusätzliche Hilfsmittel bewilligt – im Sinne und vor allem im Interesse des Jungen“, sagt Sozial-Geschäftsbereichsleiterin Danuta Schönhardt. Mehr könne sie aus Datenschutzgründen nicht sagen.

„Herr Senninger ist ein sehr engagierter Vater, der versucht, das Beste für seinen Sohn herauszuholen“, sagt Patrick Blumenthal, Leiter der Autismus-Beratung beim CJD in Giesensdorf bei Pritzwalk. „Je früher mit der Betreuung von Autisten begonnen wird, desto größer sind die Chancen, dass die Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben führen können.“

Von Andreas König

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