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Quandt Das Schweigen ist vorbei
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13:23 06.08.2015
Stefan Quandt 2011. Quelle: Michael Hübner
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Vielleicht waren es die Aufnahmen vom ehemaligen Zwangsarbeiter Carl-Adolf Sörensen, die das Umdenken brachten. Unter Tränen berichtete er auf dem Gelände des früheren Konzentrations-Außenlagers Hannover-Stöcken von Tod und Gewalt und den Demütigungen, die er während des Zweiten Weltkriegs in der Fabrik der zum Quandt-Imperium gehörenden benachbarten Accumulatoren AG (AFA), der heutigen Varta, erleiden musste.

„Erst haben sie uns zu Sklaven gemacht und dann zutiefst erniedrigt“, sagte der 2009 verstorbene Däne in die Kamera des Filmemachers Eric Friedler. Kurz nach Ausstrahlung von dessen NDR-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ im September 2007 entschloss sich die Familie, die Vergangenheit der Dynastie aufarbeiten zu lassen.

Kürzlich hat der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck das dreijährige Forschungsprojekt mit dem Erscheinen seines Buchs „Der Aufstieg der Quandts“ abgeschlossen. Auf fast 1200 Seiten zeichnet der Wissenschaftler auf Basis von Informationen aus 40 Archiven die Geschichte der Familie von ihren Anfängen als Tuchfabrikanten in Pritzwalk (Prignitz) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Tod des tief in das NS-System verstrickten Industriellen Günther Quandt 1954 nach.

Der Hochschullehrer führt darin eine Vielzahl neuer Belege für die Beteiligung der Familie an dem NS-Unrecht auf, deren Vermögen heute auf über 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Er analysiert, wie es Günther und sein Sohn Herbert verstanden, das Familienvermögen durch Massenproduktion von kriegswichtigen Batterien etwa für U-Boote und Rüstungsgüter der ebenfalls zur Quandt-Gruppe gehörenden Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken nicht unbeträchtlich zu vergrößern.

„Man schämt sich“, hat die Enkelin Gabriele Quandt kürzlich angesichts des dokumentierten Leids der nach Schätzungen mehr als 50 000 Zwangsarbeiter gesagt, die in den verschiedenen Unternehmen tätig waren, die mehr oder weniger zum Imperium ihres Großvaters gehörten. Günther Quandt sei „über die Grenzen dessen, was man als Anstand oder Verhalten eines ehrbaren Kaufmanns bezeichnet, hinausgegangen“, räumt Enkel Stefan ein – auch im heutigen Wissen um das Ausmaß der Aneignung jüdischen Vermögens durch den Familienpatriarchen.

Die Familie scheint daraus nun Konsequenzen gezogen zu haben: „So wie unsere Vorfahren möchten wir bei der Verwaltung und Gestaltung eines großen Vermögens mit unserer Verantwortung nicht umgehen“, sagt Stefan Quandt. Seit zwei Monaten sind die wichtigen, lange im Günther-Quandt-Haus in Bad Homburg verborgenen Familiendokumente nun im Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt für jeden einsehbar. Um an das Leid der Zwangsarbeiter zu erinnern, unterstützen die Quandt-Erben auch die Arbeit des Dokumentationszentrums zur NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide bei einer Reihe von Projekten mit fünf Millionen Euro.

Unter anderem wird die Renovierung zweier Baracken auf dem früheren Lagergelände finanziert, wo Frauen inhaftiert waren, die in einer Batteriefabrik des Quandt-Konzerns arbeiten mussten. Die Gebäude sollen zu einem Jugendbegegnungs- und einem Ausstellungszentrum zum Thema Zwangsarbeit umgebaut werden.

In der NDR-Dokumentation wird eine Verbindung zwischen dem Agieren der Quandts zur NS-Zeit und ihrem heutigen Vermögen hergestellt. Günther Quandt war bereits zur Weimarer Zeit einer der führenden Industriellen in Deutschland. Basis seines Aufstiegs war die Tuchfabrik in Pritzwalk, die interessanterweise auch schon damals eines ihrer Hauptgeschäfte, nämlich die Produktion von Uniformen, mit dem Militär machte. Scholtyseck stellt aber auch fest, dass der Erfolg der Quandts nicht allein aus den Geschäften in der Zeit des Nationalsozialismus und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern herrührt (siehe Interview). Er habe eine „lange Vorgeschichte“ bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein.
Die Ära des Firmenimperiums der Quandts beginnt, als Günthers Vater Emil 1865 in die Uniformfabrik Gebrüder Draeger in Pritzwalk eintritt und später Mitinhaber wird. Auf dieser Basis konnte Sohn Günther, der 1901 auch die Führung einer verwandtschaftlich verbundenen, aufgekauften Tuchfabrik in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) übernahm, das Fundament für den Aufstieg als Industriemogul setzen.

Günther Quandt wollte offensichtlich höher hinaus als sein vielleicht eher bodenständiger Vater und brachte durch Expansion, Kooperation und nach 1914 durch die Einbindung in das System der Kriegswirtschaft im Kaiserreich die Textilfabriken voran. Zunächst meist über Aktienpakete baute er sein Firmenimperium weiter aus. Das damalige Bohr- und heutige zur BASF gehörende Förderunternehmen für Erdöl und Erdgas Wintershall gehörte mit zu den ersten Juwelen, die Günter Quandt kurz nach dem Ersten Weltkrieg seinem Konzern einverleibte. Später wusste er durch geschickte Transaktionen und Spekulationen zu Zeiten der Hyperinflation das Vermögen weiter zu mehren.

Günther Quandt blieb seinem Wesen, das auf Mehrung des Reichtums konzentriert war und dem moralische Bedenken offenbar eher fern waren, nach dem Zweiten Weltkrieg treu. Zunächst versuchte er sich gar als NS-Verfolgter darzustellen. Er entkam, wie Scholtyseck klarstellt, nur wegen des Fehlens relevanter Zeugenberichte und Dokumente beim US-Untersuchungsgericht einer Anklage bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

Noch heute bleibt der Name Quandt mit Pritzwalk verbunden. Mit der Herbert-Quandt-Grundschule hat die Familie eine zweite Primarschule im Ort finanziert. In der ehemaligen Tuchfabrik qualifiziert eine von Quandt unterstützte Ausbildungsinitiative Jugendliche und junge Erwachsene zu Mechatronikern und Industrieelektronikern weiter. Aktuell gibt es zusätzliche Ausbaupläne.

Wohl mehr noch als durch die wirtschaftliche Betätigung Günther Quandts geriet die Familie durch seine zweite Frau Magda ins Licht der Öffentlichkeit. Sie hatte mit ihm unter anderem in einer Villa in Potsdam gelebt und heiratete – nach der Trennung von dem Industriellen – Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels. Quandts jüngsten Sohn Harald nahm sie mit in die Ehe. Dass seine Mutter kurz vor Kriegsende im Führerbunker alle sechs Kinder, die sie mit Goebbels hatte, vergiftete, hat Harald wohl nie verwunden, weil er ihnen emotional sehr nahe stand. Seine Tochter Gabriele führt dies noch heute als einen Grund für die mangelnde Aufarbeitung der Familiengeschichte an: „Schlimmer kann es nicht sein. Das ist die erste Wand, gegen die man rennt, wenn man darüber nachdenkt, aus welcher Familie man kommt.“

Von Gerald Dietz

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