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Entnazifizierung und Generationswechsel

Aufstieg der Quandts nach Zweitem Weltkrieg Entnazifizierung und Generationswechsel

Die Quandts waren ursprünglich einmal in der Prignitz ansässig. Der Region blieben sie stets treu. Auch die am 3. August 2015 verstorbene BMW-Erbin Johanna Quandt. Die zweitreichste Frau Deutschlands hat sich der Stadt Pritzwalk (Prignitz) gegenüber stets großzügig gezeigt. Teil III.

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Arbeit in der Tuchfabrik.

Quelle: Archiv

Die zahlreichen sozialen Errungenschaften, die den Arbeitern der Quandtschen Tuchfabrik in Pritzwalk zugute kamen, waren 1905 mit der Emil-Quandtstiftung begonnen worden, die in Not geratene Arbeiter unterstützte. Mitte der 30er Jahre entstanden Werkswohnungen in Pritzwalk, u. a. in der Schillerstraße und Freizeitanlagen wie ein Schwimmbad in der Bergstraße. Allerdings hob die Betriebsordnung der Tuchfabrik diese ab 1941 als Zeichen der Einheit von „Führer und Gefolgschaft“ hervor.

Im April 1945 floh Günther Quandt vor den Sowjets in ein Haus beim Starnberger See in Bayern, sein Sohn Herbert hat ein Ausweichquartier bezogen. Erst ein gutes Jahr später wurde er von der US-Militärregierung verhaftet. Im Lager Moosburg begann Quandt, seine Lebenserinnerungen aufzuzeichnen und wartete auf seine Anklage. Die US-Regierung verzichtete darauf, den Manager vor das Kriegsverbrechergericht in Nürnberg zu stellen. Im März 1946 bereits wurde – aus pragmatischen Gründen wie dem, dass der Sozialismus in Europa eingedämmt werden sollte – die Entnazifizierung an die Deutschen delegiert. Zwei Anwälte verteidigten Günther Quandt, ihre Verteidigung hob darauf ab, dass der Parteieintritt des Unternehmers 1933 Ergebnis von familiärer Erpressung gewesen sei. Goebbels habe ihm gedroht: Ohne den Parteieintritt sei er ungeeignet für die Erziehung seines Sohnes Harald (Quandts Frau Magda war inzwischen Goebbels Lebensgefährtin geworden).

Dennoch sah die Anklageschrift Quandt als einen Hauptschuldigen des NS-Regimes. Zeugen wie ein jüdischer, ehemaliger Manager eines Quandtschen Unternehmens, Familienmitglieder und der Sohn bescheinigten ihm mehrfach eine gewisse Distanz zu den Nazis.

„Widerwillig ins Rüstungsgeschäft“
Und auch die Deutsche „Waffen- und Munitionsfabriken AG“ sei nur widerwillig ins Rüstungsgeschäft eingetreten. Lediglich ein Belastungszeuge war aufgetreten, der Spruch der Kammer im Juli 1948: „Der Betroffene wird in die Gruppe IV der Mitläufer eingereiht.“ Quandt sei kein Nutznießer des NS-Regimes gewesen, seine Einkünfte habe er auch schon zuvor gehabt. Das Thema Zwangsarbeit war im Verfahren nicht zur Sprache gekommen. Erst die Berufung des Staatsanwaltes brachte die Richter dazu, Quandt als Profiteur des NS-Systems zu sehen, den man jedoch dafür nicht verurteilen könne, weil er auch unter anderen Umständen erfolgreich gewesen wäre. Politische Hintergründe und Motive erkannten die Berufungsrichter nicht, wie später auch der Kassationshof im Bayrischen Staatsministerium in der dritten Instanz. 1948 wurde Quandt entlassen.

Während sein Sohn Harald Quandt 1945 in Kriegsgefangenschaft war, zog der andere, Herbert Quandt, durch Deutschland. Und besuchte auch seinen Vater in der Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung war Günther Quandt voll Optimismus, den Tiefstand bald überwinden zu können.

Er behielt Recht.Das Familienvermögen blieb – da es in Aktien und anderen Sachwerten festgelegt war – auch nach der Währungsreform weitestgehend erhalten, lediglich die Betriebe im Osten Deutschlands waren verloren. Aber Kalischächte, Firmen wie die Akkumulatorenfabrik und ein dickes Paket Daimler-Aktien waren geblieben.

Günther Quandt tat sich nicht leicht, die Leitung der Firmen auf seine Söhne zu übertragen, sondern begann wieder fieberhaft zu arbeiten. Am 30. Dezember 1954 starb er während eines Ägyptenurlaubs – im gleichen Jahr, als Deutschland wieder zu einem souveränen Staat wurde und die Nachkriegszeit für die meisten Menschen zuende war, merkt Rüdiger Jungbluth in seiner Quandt-Biografie an.

Erbe nicht zersplittern
Damit das Vermögen nicht zersplittert wurde, hatte Günther Quandt seinen Nachlass in allen Einzelheiten geregelt: Seine beiden Söhne übernahmen das Erbe und seine Verwaltung je zur Hälfte und im Ganzen. Herbert sollte vor allem die Beteiligungen verwalten, und Harald, der technisch versiertere, den Metallbereich übernehmen, darunter auch die Industriewerke Karlsruhe, ehemals DWM.

Herbert Quandt zog in den Aufsichtsrat von Daimler-Benz ein, doch Friedrich Flick drängte die Familie auf Platz drei nach der Deutschen Bank und sich selbst ab. Mitte der 50er Jahre investierte Herbert Quandt ohne das Wissen seines Bruders auch in den damals erfolglosen BMW-Konzern – zuerst mit Firmenvermögen, dann mit privatem.

Die Zügel bei BMW übernommen
Als 1959 das Unternehmen vor der Pleite stand, sollte zunächst ein großes Aktienpaket an Daimler verkauft werden. Als die „chaotische“ Hauptversammlung abgebrochen worden war, hatte Quandt beschlossen, bei BMW die Zügel in die Hand zu nehmen und das Unternehmen zu sanieren. Er setzte Paul Hahnemann als Manager ein. Mit ihm an der Spitze entwickelte BMW eine neue Linie, auch, indem die Firma Glas bei BMW integriert wurde, die sportliche Fahrzeuge herstellte.

Derweil Herbert Quandt sich in der Automobilindustrie profilierte, war Harald Quandt, der jahrelang Militär gewesen war, Vorstandsvorsitzender bei den Industriewerken Karlsruhe und damit bei einer der größten Waffenschmieden Europas. Die musste in den zivilen Sektor umsteigen, schließlich war den Deutschen die Produktion jeglicher Waffen von den Alliierten verboten. 1957 allerdings sorgte der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß dafür, dass ein deutsches Firmenkonglomerat einen Panzer bauen durfte. Die Federführung lag bei den Industriewerken Harald Quandts. 1961 ließ Strauß das deutsch-französische Projekt allerdings platzen, Deutschland wollte den „Leoparden“ selbst bauen. Doch das Projekt scheiterte ebenfalls – aus technischen Gründen, das Bundesverteidigungsministerium stoppte das Projekt. Nachdem Thyssen das Geschäft mit den Panzern weggeschnappt hatte, meldeten die Industriewerke 1958 statt dessen ein Patent für Springminengehäuse an, und belieferten drei Jahre später die Bundeswehr mit Anti-Personenminen. Schätzungen besagen, dass die Firma bis 1967 etwa eine bis 1,5 Millionen dieser Minen geliefert haben.

Begebenheit aus grauer Vorzeit?
Kritisch das Resumee des Autoren der Biografie der Quandtschen Familie: „Während die Quandts in den fünfziger und sechziger Jahren wieder in die Waffenproduktion einstiegen und in ihren Firmen dabei auf die Erfahrungen und technischen Entwicklungen aus dem zweiten Weltkrieg zurückgreifen konnten, mochten sie und ihre Statthalter von einem anderen Teil der Vergangenheit nichts wissen.“ Damit meint Jungbluth vor allem auch den Brief eines ehemaligen Zwangsarbeiters des Akkumulatorenwerks. Der Pole hatte eine nachträgliche Entlohnung für seine Arbeit gefordert. Der Bescheid aus der Quandtschen Firma, die sich inzwischen Varta nannte, war ablehnend. Soweit es einem alten Mitarbeiter des Hauses noch erinnerlich sei, sollen KZ–Häftlinge in der Firma gearbeitet haben. Für diese Arbeit seien, so die Erinnerung des nicht näher benannten Mitarbeiters, ein bestimmter Betrag pro Person an das Lager in Neuengamme bezahlt worden sein.

Von Claudia Bihler

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