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Sahra Wagenknecht plädiert für Gerechtigkeit

Wittenberge Sahra Wagenknecht plädiert für Gerechtigkeit

Die heutige Wirtschaftsordnung ist ungerecht, weil sie die Reichen reicher macht und die Armen immer tiefer ins Elend stürzt. Diese These vertritt Sahra Wagenknecht in ihrem neuen Buch „Reichtum ohne Gier“. Gemeinsam mit dem Kulturhistoriker Manfred Osten diskutierte sie vor über 300 Gästen im Wittenberger Kultur- und Festspielhaus.

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Sahra Wagenknecht diskutierte mit Manfred Osten in Wittenberge die Frage „Faust – ein Frühkapitalist?“

Quelle: Andreas König

Wittenberge. So etwa muss es sein, wenn Sahra Wagenknecht in den vielen Talkshows ausreden dürfte. Sie kann ihre Thesen entwickeln und der Moderator stellt die passenden Fragen dazu. Das Publikum im Wittenberger Kultur- und Festspielhaus hängt der stellvertretenden Vorsitzenden der Linksfraktion im Bundestag an den Lippen, als die ganz in Schwarz gekleidete Spitzenpolitikerin mit ihrem Gesprächspartner Manfred Osten über Goethes Faust, die darin enthaltene Beschreibung des Frühkapitalismus und die Konsequenzen für die heutige Zeit redet.

„Heutiger Welthandel ist nicht fair“

317 Besucher sitzen im Saal, um zu hören, welche Bezüge Deutschlands prominenteste linke Politikerin im großen Goethe-Drama zur heutigen Zeit gefunden hat. Und das sind eine ganze Menge. „’Krieg, Handel und Piraterie – Dreieinig sind sie, nicht zu trennen’, heißt es in Goethes Faust“, sagt Manfred Osten. Kann man das auf die heutigen Verhältnisse übertragen?“ fragt Manfred Osten. „Der heutige Welthandel ist ja kein fairer Handel“, antwortet Sahra Wagenknecht. „Arme Länder werden erpresst, werden ausgeplündert. Es sind ja viele Länder bettelarm, obwohl sie die tollsten Rohstoffe haben“, stellte Sahra Wagenknecht fest. „Da ist natürlich Raub im Spiel, und da ist ganz schnell Krieg im Spiel.“

Faust lässt alte, gute Menschen „beiseite schaffen“

Die Flüchtlingskrise sei letztlich ebenfalls Resultat dieser Politik. Im Faust lässt Goethe die antiken Sagengestalten Philemon und Baucis einen Reisenden aufnehmen, den die beiden alten Menschen gastfreundlich empfangen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. „Das sind beides im Wortsinne gute Menschen“, findet Sahra Wageknecht, „obwohl sie heute wahrscheinlich als ’Gutmenschen’ diffamiert werden würden. Aber sie sind das Gegenteil des heutigen Homo oeconomicus“, sagt die Linkenpolitikerin. Die beiden Alten stehen Fausts Expansionsplänen im Weg, weswegen er Mephisto auffordert „Schaff Sie mir zur Seite“. Sie sterben schließlich in ihrer niederbrennenden Hütte. Faust verhalte sich nicht nur wie ein machthungriger Frühkapitalist, der es nicht duldet, dass sich irgendjemand oder etwas seinem Herrschaftsbereich entzieht, sondern auch wie ein Kolonialherr.

Schäubles Schuldenbremse sei „Schwachsinn“

Und während Manfred Osten Mephistos Bemerkung „Auf jede Art seid ihr verloren, die Elemente sind mit uns verschworen, und auf Vernichtung läufts hinaus“ als Prophezeiung der Klimakatastrophe wertet, entwirft Sahra Wagenknecht eine wenn auch vage Vision dessen, was sie sich unter einer gerechteren Wirtschaftsordnung vorstellt. „Die Schuldenbremse von Herrn Schäuble ist der größte Schwachsinn“, findet sie. Der Staat habe viel bessere Konditionen am Kapitalmarkt und könne die nötigen Investitionen – zuallererst in die Bildung aller Kinder – sehr viel besser bewältigen, als wenn er private Firmen damit beauftragt, wie es jetzt beim Autobahnbau geplant sei. Auch die Szene in der Kaiserpfalz, in der Mephisto dem an Geldmangel leidenden Kaiser einflüstert, Geld doch zu drucken, weist erstaunliche Parallelen zur heutigen Geldpolitik der europäischen Zentralbank auf.

Durchgebrannter Scheinwerfer sorgt für Schreck

Ein deutlicher Knall lässt die beiden Hauptakteure ebenso zusammenzucken wie das Publikum. Die Security-Mitarbeiter sehen sich aufs Höchste alarmiert um, aber es war wohl nur eine Scheinwerferlampe die recht lautstark durchgebrannt ist. Nach einem kurzen „Was war das jetzt?“ macht Sahra Wagenknecht gefasst weiter im Programm. „Dieses Geld wird nicht investiert“, sagt Sarah Wagenknecht, sondern bei Goethe nur die Oberschicht in die Hand kriegt, heute sind’s die Banken, fließt es nur in einem oberflächlichen, spekulativen Kreislauf und schafft keinerlei Werte.“

Geld sollte in Werte investiert werden

Genau das aber wäre erforderlich, um den Reichtum sinnvoll zu verwenden. Doch dem Wirken nach Ansicht Sahra Wagenknechts auch die viele Lobbyisten entgegen, die Politiker so lange „bearbeiten“, bis sie die Gesetze nach den Wünschen ihrer Auftraggeber formulieren. „Auch ein Wechsel aus der Politik auf einen einträglichen Posten in der Wirtschaft ist eine Art von Korruption“, sagt Sahra Wagenknecht.

Zuschauer zeigt sich frustriert

Ein Zuschauer stimmt der Politikerin zwar zu, sagt aber: „Ich habe den Eindruck, unsere Demokratie wurde gekapert. Es ist völlig Wurst, wen man wählt, solange Geld aus Geld gemacht wird. Es ist einfach frustrierend.“ Sahra Wagenknecht teilt den Ärger des Mannes, bis auf seinen Pessimismus. „Selbst wenn die Linken nicht in der Regierung sitzen, macht es einen Unterschied“, sagt sie. Leider gebe es in Deutschland keinen „Hebel direkter Demokratie, aber die arbeitende Bevölkerung könnte ein machtvolles Zeichen setzen, wenn sie für ihre Interessen streiken würden, wie es die Arbeiter in Frankreich und Spanien machen“, sagt Sahra Wagenknecht.

Nachdenklich stimmender Ausklang

Auch Goethes Faust habe sich vom zunächst bewunderten frühkapitalistischen Unternehmertum abgewandt, um „auf freiem Grund mit freiem Volke“ stehen zu können. „Natürlich ist das kein ausgefeilter Gesellschaftsentwurf, aber es gebe Anlass zum Optimismus. Dass Karl Krauss Optimismus als „Mangel an Informationen“ interpretierte, wie Manfred Osten bemerkt, sorgt für einen nachdenklichen Ausklang.

Die Faust-Liebhaberin und der Goethe-Kenner

Sahra Wagenknecht, 47, ist Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. Die Volkswirtin und Publizistin studierte nach der Wende Philosophie. Für Philosophen und Literatur begeisterte sie sich schon als junges Mädchen; Goethes „Faust“ hat sie nach eigenen Angaben so beeindruckt, dass sie ihn als Abiturientin auswendig lernte. Wagenknecht, die als Ultra-Linke gilt, ist wegen ihrer kompromisslosen, oft provokanten Haltung auch in ihrer eigenen Partei nicht unumstritten. Seit 2012 lebt sie mit dem ehemaligen SPD-Politiker Oskar Lafontaine (74) zusammen; seit 2014 ist sie mit ihm verheiratet.

Manfred Osten, 79, ist Autor, Jurist und Kulturhistoriker und gilt als ein Goethe-Kenner per excellence. Geboreren in Ludwigslust (Mecklenburg), flüchtete er 1952 in die Bundesrepublik, wo er Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaften und Literatur studierte sowie Internationales Recht in Luxemburg. Er war 25 Jahre im Auswärtigen Dienst; unter anderem mit diplomatischen Missionen in Paris, Kamerun, Tschad, Australien und Japan tätig. Der promovierte Rechtswissenschaftler Osten hat von vier europäischen Universitäten die Ehrendoktorwürde verliehen bekommen, ist Mitglied mehrerer renommierter Wissenschaftsakademien und gern gesehener Gast in Talkrunden.

Von Andreas König

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