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Sammler öffnet seine Schatztruhe

Die Geschichte des Adventskalenders Sammler öffnet seine Schatztruhe

Adventskalender sind dieser Tage allgegenwärtig. Vor allem in Familien mit Kindern darf er nicht fehlen. Die Vielfalt der Kalender ist kaum zu überblicken. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt Peter Nicolaus, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert Kalender sammelt. Er weiß auch, dass dieses Konsumprodukt nirgends so verbreitet ist wie in Deutschland.

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Peter Nicolaus hat über 3000 Adventskalender, ein Teil seiner Sammlung ist zurzeit in Perleberg zu sehen.

Quelle: Michael Beeskow

Perleberg. Wenn im Kinderzimmer oder in der guten Stube der Adventskalender angebracht wird, dann beginnt die Weihnachtszeit. Schon viele Generationen haben diesen Brauch gepflegt. Aber wer weiß schon, welchen Ursprung diese Tradition hat? Angesichts der unglaublichen Zahl von Adventskalendern, mit denen der Markt überschwemmt wird, traut man der Konsumgüterindustrie diese Erfindung gerne zu.

„Aber das ist vollkommen falsch“, sagt Peter Nicolaus, der seit einem Vierteljahrhundert Adventskalender sammelt und ein wahrer Experte auf diesem Gebiet ist. Den Ursprung für Advents- oder auch Weihnachtskalender datiert er ins Jahr 1838. Damals führte der Pfarrer Hinrich Wichern in Hamburg das „Raue Haus“. Straßenkinder lebten dort mit ihren Erziehern in familienähnlichen Gruppen zusammen. Immer wenn das Weihnachtsfest näher rückte, fragten die Kinder ungeduldig, wie viele Tage es noch seien. Zunächst wurde ein eiserner Kranz aufgehangen, erst mir vier Kerzen, später für jeden Tag. Übrigens ist der Adventskranz eine Frühform des Adventskalenders.

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Nein, es ist kein Scherz, dass ein Adventskalender-Sammler Nicolaus heißt. Peter Nicolaus aus Perleberg beschäftigt sich seit 25 Jahren mit den Kalendern, die die Wartezeit auf das Weihnachtsfest versüßen sollen. So ist er zum Experten geworden. Einen Teil seiner Sammlung kann man noch bis in den Januar hinein im Perleberger DDR-Museum bewundern.

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„Es ging um die Zählweise“, erklärt Peter Nicolaus. Und da gab es ganz verschiedene Varianten. So wurden auch 24 Kreidestriche an einer Tür angebracht und jeden Tag ein Strich weggewischt. Andere legten 24 Strohhalme in die Heilige Krippe jeden Tag einen. Oder es wurden nacheinander 24 Weinblätter in einen Nadelbaum gehangen. Auf jedem Blatt stand eine christliche Verheißung. Bevor es am Heiligen Abend Geschenke gab, mussten diese Verheißung aufgesagt werden. Da vor allem Kinder diesen Zeitmesser liebten, wurde auch in den Familien verstärkt selbst gebastelt.

Um 1900 kamen dann gedruckte Abendskalender auf, wie Peter Nicolaus erzählt. 1903 brachte eine Münchener Druckerei den ersten Adventskalender in zweiteiliger Form heraus. Auf einem Blatt befanden sich 24 Felder, in die kleine Bilder eingeklebt wurden, die aus einem zweiten Blatt ausgeschnitten wurden. Dabei handelte es sich um eine Werbeartikel des Stuttgarter Tagblattes für die „Kinder unserer Abonnenten.“

Zwischen 1900 und 1910 kamen auch Adventsuhren in Gebrauch. Jeder Tag wurde der Zeiger weiter gestellt. „Für Kinder war das aber nicht spannend“, erklärt der Wuppertaler Sammler. 1919 kam es dann zu einer ziemlichen Innovation. Nun konnten Kinder täglich ein Türchen öffnen. Auf dem Weg zum Weihnachtsfest erlebten sie jeden Morgen eine Überraschung. Gerhard Lang, Inhaber des Münchener Verlages Reichhold & Lang, gilt als einer der Gründungsväter des Adventskalenders. Er gab ihnen auch ihren Namen. Der Verleger war es auch, der 1920 den ersten mit Schokolade befüllten Kalender heraus brachte.

Bald begann ein erster Boom der Adventskalender. „Die ersten Modelle waren aber aufwendig produzierte Luxuskalender, die sich ein Normalbürger nicht leisten konnte“, berichtet Peter Nicolaus.

Diese Kalender wurden aufgehoben und an die Kinder in den Familien weiter gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten amerikanische Soldaten den Adventskalender in die USA, wo er allerdings modifiziert werden musste. Da es die Geschenke erst am 25. Dezember gibt, hatte der amerkanische Kalender 25 Türchen.

Als Peter Nicolaus in den frühen 1990er Jahren mit dem Sammeln von Adventskalendern begann, erntete er nur Kopfschütteln. So was kann man doch nicht sammeln, das schmeißt man weg, bekam er zu hören. Der Perleberger schaltete Anzeigen mit dem Text „Nicolaus sucht Adventskalender“. Viele dachten, dass sei ein Scherz. Wie Nicolaus versichert, habe sein Name nichts mit seiner Sammelleidenschaft zu tun, schon eher seine Affinität als Druckmeister zu gedruckten Sachen. Heute sind Adventskalender ein großer Sammlermarkt, im Internet werden sie in Massen angeboten.

Peter Nicolaus sammelt nicht alles. Gefüllte Kalender meidet er, vielleicht weil ihm als Kind die Schokolade nie geschmeckt hat. „Die war immer alt.“ Er sucht nach Kalendern, mit denen sich Geschichten verbinden, Kindheitserinnerungen. So stieß er auf einen „strengen“ Kalender. Hinter jedem Türchen verbarg sein eine Ermahnung: „Mache deine Hausaufgaben“, „Geh nicht so laut die Treppe runter.“ Es gibt aber auch „gemeine“ Kalender. Da ist einer, dem fehlen einfach vier Türchen, so viel man auch sucht.

Mehr als 3000 Adventskalender umfasst seine Sammlung. Einen Teil davon stellt Peter Nicolaus noch bis Anfang Januar im Perleberger Stadt- und Regionalmuseum aus. Viele Kalender aus der DDR-Zeit sind darunter. Zu verfolgen ist der Wandel von religiösen zu profanen Motiven. Zwerge verdrängen die Engel von den Kalendern. Pioniere feiern Weihnachten mit Freunden in der ganzen Welt oder ein prall mit Waren gefülltes Weihnachtsschaufenster ist zu sehen.

Verflachung und ein Hang zum Profanen zeigt sich auch in den alten Ländern, etwa wenn pausbäckige Kind-Astronauten durchs Weltall schwirren. Der Adventskalender ist heute weltweit verbreitet, doch nirgends so wie in seinem Herkunftsland Deutschland. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, beschreibt Peter Nicolaus die Schaufensterlage. Ein Adventskalender für Heimwerker bietet als Weihnachtsfreuden jeden Tag einen anderen Schraubendreher.

Von Michael Beeskow

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