Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Prignitz Schweinemast: Lübzower bringen Ängste vor
Lokales Prignitz Schweinemast: Lübzower bringen Ängste vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:59 15.08.2014
Jürgen Rogge machte auf mögliche gesundheitliche Gefahren aufmerksam. Quelle: Michael Beeskow
Perleberg

Für diesen Abend darf man wohl fast allen Anerkennung zollen. Der Saal im Hotel „Stadt Magdeburg“ platzte am Mittwochabend aus allen Nähten, nur mit Mühe fanden alle Besucher der Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative „Keine weitere Tierfabrik in der Lübzower Schweiz“ ein Plätzchen. Eine Spannung lag in der Luft und die Befürchtung, hier entlade sich gleich ein ideologisch gefärbter Schlagabtausch über Massentierhaltung. Ein fruchtloses Hickhack blieb allen erspart – sicher auch dank der Moderation von Knut Thonagel und der betont sachlichen Argumentation der drei Initiatorinnen.

Diana Bahlke verdeutlichte gleich eingangs, der BI gehe es nicht darum, Front gegen den Landwirt Bernd Cord-Kruse zu machen, der neue Ställe errichten und seine Schweinemast von derzeit 6522 Stallplätzen um 4608 Mastplätze in drei Ställen erweitern will – also zu einer Anlage mit mehr als 10.000 Tieren. Auch von anderer Seite erfuhr der Landwirt an diesem Abend viel Wertschätzung für sein Engagement im Dorf – etwa vom Groß Pankower Bürgermeister Thomas Brandt. Rückendeckung bekam er auch von Lothar Pawlowski vom Prignitzer Kreisbauernverband.

Dennoch, so Diana Bahlke, sei es legitim, das von Bernd Cord-Kruse geplante Vorhaben zu hinterfragen. Es sei schwer gefallen, eine Bürgerinitiative zu gründen, auch weil man die Gemeinschaft im Dorf erhalten, es nicht teilen wolle. „Lübzow ist ein Vorzeigedorf“, sagte sie. Und wohl alle wünschten, dass es so bliebe. Die BI sei keine Gründung von Tierschutz-Aktivisten. „Wir sprechen für mehr als die Hälfte der erwachsenen Einwohner“, erklärte Diana Bahlke. Die Angst, was auf das Dorf zukomme, sei groß. Sie kritisierte, der Landwirt habe die Einwohner über seine Pläne nicht informiert. Erst aus der Zeitung habe man davon erfahren. So stehen jetzt die Bürger einem 1000-seitigen Antrag gegenüber, dessen Text kaum zu verstehen sei.

Daher habe sich die Bürgerinitiative Hilfe geholt von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und als Gast Eckehard Niemann, Experte für Mastanlagen, eingeladen. Die in Lübzow geplante Mastanlage bezeichnete er als nicht mehr zeitgemäß. Die Forderungen einer artgerechteren Tierhaltung würden immer stärker und schließlich auch von der EU in rechtliche Vorgaben gefasst. Als nicht artgerecht bezeichnete er Anlagen, in denen Schweine statt auf Stroh auf Metallrosten stehen und ihnen die Ringelschwänze abgeschnitten werden, weil sie sich diese in der Massentierhaltung selbst abfressen. Er führte das Bundesbaugesetzbuch an, wonach von einem Risiko ausgegangen wird bei Stallanlagen ab 1500 Mastschweinen oder 560 Sauen.

Es gehe hier nicht nur um das Wohlbefinden der Tiere, sondern auch um die Gesundheit der Menschen. Das MSRA-Problem der Antibiotika-resistenten Keime sei vor allem aus Krankenhäusern bekannt, es spiele aber auch eine große Rolle bei industriemäßigen Mastanlagen. „Wir leisten uns eine Tierhaltung, die wir ablehnen müssten“, erklärte Eckehard Niemann und wollte dies generell verstanden wissen. Die Verbraucher, die das billige Fleisch aus der Tiefkühltruhe holen, seien mitschuldig. Eckehard Niemann zeigte zwei Wege auf, wie die neuen Ställe in Lübzow zu verhindern seien: Die Stadt könne sie ganz einfach verhindern, indem sie keine Bauleitplanung erstellt. Ansonsten bliebe der Klageweg. Ansatzpunkte seien Zuwegung, Waldabholzung oder Brandschutz.

Bürgermeister Fred Fischer widersprach: Nicht die Stadt, sondern das Landesumweltamt sei die Genehmigungsbehörde. Die Stadt könne nur eingreifen, wenn ein Bebauungsplan erforderlich sei. Es werde geprüft werden, ob für die neuen Ställe ein Bebauungsplan zu erstellen sei.

Die zusätzlichen Transporte könnten sich auch aus Sicht der Stadt als Problem erweisen. Die Stepenitzbrücke in Lübzow ist nur bis 24 Tonnen befahrbar. Die Landmaschinen sind allerdings weitaus schwerer. Massive Kritik kam hier von den Lübzowern. Armin Wolf berichtete, schon jetzt würden die Landmaschinen in Zehn-Minuten-Takt an seinem Haus vorbeifahren. Das Gebäude weise jetzt schon Risse auf; Kinder könne man nicht mehr einfach auf die Straße lassen. Er warf dem Landwirt vor, seine „Wünsche und Träume“ auf Kosten anderer verwirklichen zu wollen, zu Lasten der Lebensqualität im Dorf.

Termine

  • Die Bürgerinitiative „Keine weitere Tierfabrik in der Lübzower Schweiz“ initiierten die Lübzowerinnen Marion Edenharter, Christine Henning und Diana Bahlke. Wer mitmachen möchte oder sich informieren will, kann sich unter Tel. 03876/78 83 53 melden.
  • Einwendungen gegen die Mastanlage sind noch bis 5. September möglich.
  • Das Bündnis Tierfabriken-Widerstand lädt zu einer Infoveranstaltung für Montag, 18. August, 18.30 Uhr in das Freizeitzentrum Perleberg ein.
  • Landwirt Bernd Cord-Kruse will die Lübzower am Dienstag, 19. August, um 19 Uhr in der Gaststätte informieren.

Christine Henning von der Bürgerinitiative führte aus, die Straße ins Dorf wie auch die Straße von Spiegelhagen nach Lübzow seien im Prinzip einspurig und nicht für Begegnungsverkehr geeignet.

Das Arzt Jürgen Rogge aus Lübzow sieht gesundheitliche Gefahren. Ein Drittel der Beschäftigten großer Tieranlagen seien von MSRA-Keimen befallen und würden sie weiter übertragen.

Frank Edenharter fürchtet um die Natur in der Lübzower Schweiz. Er zeigte Bilder von einem übel riechenden „See“ im Wald des Landwirts. Bernd Lindow, der für Naturschutz zuständige Sachbereichsleiter in der Kreisverwaltung, berichtete, hierzu sei ein ordnungsbehördlicher Vorgang eingeleitet. Das mit Siloresten vermengte Regenwasser aus der falsch genutzten Sickergrube sei inzwischen abgepumpt. Es werde jetzt untersucht, ob eine Verunreinigung des Grundwassers vorliege.

Auch Reinhard Jung, Landwirt in Lennewitz und Vorsitzender des Bauernbundes Brandenburg, meldete sich zu Wort. Zunächst verteidigte er die Rechte der Landwirte, sich zu vergrößern und neue Ställe zu bauen. Auch er werde seine Rinderzucht von 30 auf 50 Tiere aufstocken. Die Lübzower Stallanlage bezeichnete er jedoch als „Größenwahnsinn“. Bernd Cord-Kruse sollte sich fragen, warum er plötzlich das halbe Dorf gegen sich habe, obwohl bislang sich alle gut verstanden: „Ist es das wirklich wert?“ Der Landwirt war mit seiner Familie zugegen, äußerte sich jedoch nicht. Er will seine Sicht am Dienstag um 19 Uhr in einer Einwohnerversammlung in Lübzow darstellen.

Von Michael Beeskow

Mehr zum Thema
Prignitz Landwirt Bernd Cord-Kruse will Anlage vergrößern - Neue Ställe für 4608 Schweine in Lübzow

Drei neue Schweinemastanlagen sollen im Perleberger Ortsteil Lübzow entstehen. Darüber informierte am Mittwoch das Bündnis Tierfabriken-Widerstand. Zu den bereits bestehenden Anlagen soll nochmals Platz für mehr als 4000 Tiere hinzukommen.

25.06.2014
Brandenburg Erfolgreiche Bürgerinitiativen in Brandenburg - Wutbürger auf der Überholspur

Sie kämpfen hartnäckig, schreiben Plakate mit Titeln wie „Aufwachen!“ oder „Der Widerstand, das sind wir!“. Immer mehr Brandenburger schließen sich Bürgerinitiativen an. Ein häufiger Kritikpunkt: Ihr Einfluss auf die Politik ist gering. Doch was macht eine Bürgerinitiative effektiv? Die MAZ stellt Gruppen vor, die etwas bewegt haben

09.01.2014
Brandenburg 47.000 Protest-Unterschriften gesammelt - Gegen Schweinemast in Haßleben

Die umstrittene Schweinemastanlage eines holländischen Investors in Haßleben (Uckermark) darf trotz zahlreicher Proteste gebaut werden. Das Landesumweltamt gab dafür Mitte Juni grünes Licht. Die Gegner der Mastanlage haben jedoch noch die Hoffnung, dass das Projekt in letzter Sekunde gekippt wird. Dafür übergaben sie eine Liste mit 47.000 Unterschriften.

28.08.2013
Prignitz Abrissarbeiten während der Schließzeit - Kita-Dachausbau kommt gut voran

Die Bauarbeiten an der Meyenburger Kita "Eichhörnchen" kommen voran. Während der Schließzeit erfolgten die Abrissarbeiten, sodass die Kinder davon nicht belästigt wurden. Jetzt hat die Stadt mit einer Kostensteigerung zu tun.

15.08.2014
Polizei Prignitz: Polizeibericht vom 14. August - Audifahrerin überschlägt sich auf der B 107

+++ Pritzwalk: Unachtsamkeit führt zu schwerem Unfall +++ Meyenburg: Reifen von Sprinter auf Autobahn 24 geplatzt +++ Berge: Teure Werkzeuge gestohlen +++ Wittenberge: 60-Jähriger übersieht Radfahrer bei Regen +++ Kuckuck: Garage ausgeräumt +++

14.08.2014
Prignitz Finale der Lotte-Lehmann-Akademie am Freitagabend - Von Hits bis zu unbekannten Leckerbissen

Die Teilnehmer der diesjährigen Lotte-Lehmann-Akademie befinden sich auf der Zielgeraden. Im Endspurt nähern 13 Sängerinnen und Sänger sich dem Gran Finale am Freitag, 15. August, um 19 Uhr im Hotel „Deutscher Kaiser“ in Perleberg.
Wieder wird die Gala im Kaisersaal stattfinden. Wie im Vorjahr hält Saskia Kuhlmann alle Fäden in der Hand.

14.08.2014