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So lebte es sich im Prignitz-Dorf direkt an der Mauer

Lütkenwisch in Brandenburg So lebte es sich im Prignitz-Dorf direkt an der Mauer

Lütkenwisch an der Elbe war 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage lang Grenzgebiet. Am Montag ist auch in dem Prignitzer Dorf Zirkeltag – die Grenzanlagen sind genauso lange weg, wie sie da waren. Eine Zeitzeugin erinnert sich an das Leben mit der Mauer.

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Ein freier Blick auf die Elbe war vom Boden aus nicht mehr möglich. Man konnte die Elbe nur sehen, wenn man auf das Dach seines eigenen Hauses stieg.

Quelle: Kerstin Beck

Lütkenwisch. Am Montag ist „Zirkeltag“. Den 5. Februar 2018 hat der Fernsehsender RBB so getauft. Denn an diesem Tag sind die Grenzanlagen zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland und um West-Berlin genauso lange weg, wie sie da waren: 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage.

Die Mauer direkt vor der Nase

Am 13. August 1961 sicherten Grenzsoldaten und bewaffnete Kampfgruppen der Betriebe die Zonengrenzen zwischen Ost- und Westdeutschland zunächst mit Stacheldraht, später entstanden dort mächtige, schier unüberwindliche Grenzanlagen, mehrfach gesichert mit Stacheldraht, Mauern, spanischen Reitern und Minenfeldern – und aufs Schärfste bewacht von einer Heerschar Grenzer. Am 9. November, 28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage nach jenem schicksalhaften 13. August 1961, der Familien auseinanderriss, fiel die Mauer wieder. Das ist jetzt genau 28 Jahre zwei Monate und 27 Tage her.

Die 85-jährige Lütkenwischerin Dorothee Freese erinnert sich an den Abriss des Zaunes

Die 85-jährige Lütkenwischerin Dorothee Freese erinnert sich an den Abriss des Zaunes: "Hier entstand das erste Loch!"

Quelle: Kerstin Beck

Der Berlin-Brandenburg-Sender RBB drehte aus diesem Anlass eine Serie von sechs Folgen aus den ehemaligen Grenzgebieten. So auch in Lütkenwisch, jenem kleinen Dorf direkt an der Elbe. Umgesehen hat sich dazu ein RBB-Team unter der Leitung des Reporters Michael Scheibe auch innerhalb der 30-Kilometer-„Sperrzone“ in Lenzen und auch im kleinen ehemaligen Grenzort Lütkenwisch.

Lütkenwisch schrumpfte immer mehr

Das Dorf zählte im 19. Jahrhundert 292 Einwohner. Vor dem Mauerbau gab es 27 Wohnhäuser, die bis auf eines alle bewohnt waren. Vor dem Zweiten Weltkrieg existierte im Ort mit seinen wohlhabenden Bauern nicht nur eine eigene Gemeindeverwaltung, sondern es gab auch eine Mühle, eine Schmiede, eine eigene Feuerwehr, ein Armenhaus, einen Kolonialwarenladen und dazu gleich zwei Gaststätten - eine davon besaß sogar eine Kegelbahn. Und wenn die Lütkenwischer zum Arzt, zum Einkaufen oder ins Kino fahren wollten, so ging es zur Schnackenburger Fähre, denn der Weg in das nahe gelegene niedersächsische Städtchen Schnackenburg war kurz.

November1989

November1989: Durch Lütkenwisch zieht sich der „Zaun", mit dem die Einwohner 28 Jahre lang leben mussten.

Quelle: Kerstin Beck

Das alles endete mit der Sicherung der Grenzen zwischen Ost und West. Statt der Fährverbindung gab es hier eine immer besser bewachte innerdeutsche Grenze, und die Einwohnerzahl von Lütkenwisch schrumpfte ständig. Was sollte man auch in einem Dorf, das so abgeschieden lag? Die DDR-Führung sah den Ort ausbluten – und schien das sogar zu begrüßen. Je weniger Menschen im Grenzgebiet lebten, desto besser. Immer, wenn ein Haus keine Bewohner mehr hatte, wurde es im darauffolgenden Winter abgerissen – aus Gründen der „sozialistischen Ordnung und Sicherheit“.

Ein Leben in der Sperrzone

Dorothee Freese ist eine der wenigen Zeitzeugen, die die vergangenen Jahrzehnte erlebt hat und über das Leben in der 500-Meter-Sperrzone berichten kann. „Hier an dieser Stelle hatten wir den Zaun, der durchs Dorf ging und uns die Sicht auf die Elbe versperrt hat“, berichtet die 85-jährige. „Und damit mussten wir dann eben leben, auf die Elbe konnte man eben nur noch schauen, wenn man auf sein Hausdach stieg und von der Luke herunter schaute.“

Bauarbeiten schnitten kurzerhand im November 1989 ein Loch in den Zaun

Bauarbeiten schnitten kurzerhand im November 1989 ein Loch in den Zaun. Er stand ihnen im Weg, als sie Bauarbeiten an einem Haus direkt am Zaun vornahmen. Dort befindet sich heute ein Café.

Quelle: Kerstin Beck

Das haben übrigens etliche Lütkenwischer gemacht, denn die freie Sicht auf die Elbe wollte man sich so einfach nicht nehmen lassen. Dazu kam noch, dass Verwandten nicht gestattet war, ins Dorf einzureisen. Eine stets gegenwärtige Grenzerpatrouille wachte darüber, dass nur „Berechtigte“ hier herfahren konnten. Wer weder im Besitz eines gültigen Stempels im Personalausweis oder eines Passierscheines war, den erwarteten Festnahme und weitere Unannehmlichkeiten. Und nicht jeder, der über die Elbe in den „Westen“ flüchten wollte, erreichte das „feindliche“ Ufer lebend.

„Jetzt schneiden wir einfach ein Loch in den Zaun!“

Die ältere Dame hat sich nun aus gutem Grund genau vor dem seit über 20 Jahren eingerichteten Café des Ortes hingestellt: „Damals wohnte hier ein Pärchen, das für die LPG arbeitete. Und dann kam die Wende, die wir mit nur 16 Einwohner erlebten. Da war die LPG gerade dabei, die Fassade des Hauses hier neu zu mauern. Und in einer Pause sagten die Arbeiter: ,Da steht ja hier dieser blöde Zaun, den brauchen wir doch jetzt nicht mehr, da schneiden wir mal einfach ein Loch rein.’ Und so kam es dann auch - wir stehen hier also an historischer Stelle, an der das erste Loch im Lütkenwischer Zaun entstanden ist, und von wo aus man wieder die freie Sicht auf die Elbe hatte, ohne auf sein Haus zu klettern.“

Seitdem ist die Einwohnerzahl in Lütkenwisch zwar konstant geblieben, aber verändert hat sich doch einiges: Da gibt es die neue Straße von Lanz, da gibt es die Fähre und natürlich das Café - mit der „freien Sicht“ auf die Elbe, die man hier auch ganzjährig bei einem Kaffee genießen kann.

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Von Kerstin Beck

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