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Stasi-Vortrag in Perleberg

Neues über die Rolle von IM im DDR-Geschichtsmuseum Stasi-Vortrag in Perleberg

Wenn es um das Ausspionieren der DDR-Bürger ging, richtete sich bislang alle Aufmerksamkeit auf die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit. Stasi-Forscher Christian Booß machte in einem Vortrag deutlich, dass eine weitaus größer Zahl von Auskunftspersonen als Informanten tätig war.

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Christian Booß

Quelle: Michael Beeskow

Perleberg. Die Geschichte der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) muss nicht neu geschrieben werden, doch nach dem Vortrag von Christian Booß im DDR-Geschichtsmuseum in Perleberg erscheint doch vieles in einem anderen Licht. Der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin arbeitet an einem Forschungsprojekt zu den so genannten Auskunftspersonen (AKP), die für die Informationsgewinnung der Stasi eine zentrale Rolle spielten, die aber in der öffentlichen Diskussion bislang gar nicht vorkommen.

Die Fokussierung auf die IM hat seiner Meinung nach zu einer gewissen Übertreibung geführt. Richtig sei, dass am Ende der DDR die Staatssicherheit 189 000 aktuelle IM führte und damit etwa ein Prozent der Landesbevölkerung. Im Kreis Perleberg waren es 377 Personen, also rund 0,5 Prozent der Kreiseinwohner. „IM ist aber nicht IM gewesen“, erklärte Christian Booß. So mancher unterschrieb zwar bei der Stasi, doch dann hätten sie Bauchschmerzen bekommen. Jährlich sortierte die Stasi zehn Prozent ihrer IM aus, weil sie nichts oder nichts Brauchbares lieferten.

Zwei Millionen Hausbuchführer

Die Staatssicherheit verfügte aber über ein weitaus größeres Netz an Informanten. Nach einer Schätzung gaben etwa 16 Prozent der DDR-Bürger als Auskunftspersonen (AKP) Angaben an die Stasi weiter. Für den Bezirk Rostock konnte nachgewiesen werden, dass 18 Prozent der Einwohner zu den AKWs gehörten. Die etwa zwei Millionen Hausbuchführer in der DDR waren angehalten, Belege über die Beherbergung von Westbesuch zu erstellen. Gerne horchte die Stasi Hausbuchführer aus. Christian Booß berichtete über einen Fall in Perleberg. Eine Mitarbeiterin des Post- und Fernmeldeamtes hatte zu Nachbarn gesagt, so werde nicht wählen. Der Straßenvertrauensmann leitete die Information weiter an die SED-Parteileitung im Betrieb. Daraufhin wurde ein „Spießrutenlauf auf dem untersten Niveau“, wie es Christian Booß formulierte, inszeniert. Die Kaderleitung schaltete sich ein, der Mitarbeiterin des Fernmeldeamtes wurde die „nötige moralische Reife“ abgesprochen und schließlich versetzt. „Nicht die Stasi führte die Disziplinierung durch“, berichtete Christian Booß. Von den fünf Personen, die sich an der Disziplinierung beteiligten, war nur einer IM. Die anderen gehörten der Partei- sowie der Kaderleitung an. Dieser Personenkreis knöpfte sich auch Ausreiswillige vor, die Stasi übernahm nur spezielle Fälle. Christian Booß bezifferte sie auf etwa fünf Prozent.

Aussagen gingen in die Stasi-Akten ein

Die Auskunftspersonen schrieben keine Berichte, wie die IM, über ihre Mitmenschen. Sie wurden von Stasi-Mitarbeitern vertrauensvoll befragt, wobei mitunter unklar blieb, worum es eigentlich ging. Mitbürger wurden dabei nicht unbedingt denunziert. Ein junger Mann scheiterte mit seinem Wunsch, VP-Offizier werden zu wollen, weil ein Straßenvertrauensmann über den Vater berichtet hatte, der habe einen Freund im Westen, mit dem er sich schreibe. Die Aussage einer Auskunftsperson, etwa jemand „leiste keine gesellschaftliche Arbeit“, konnten über Jahre durch die Akten geistern, bis die Stasi das Urteil übernahm. Wenn eine Reise, ein bestimmter Posten oder ein Studienplatz verwehrt wurde, konnte ein solches Urteil dafür der Grund sein. Aber von diesem Grund erfuhr der Betroffene nichts.

Für den Kreis Gransee ermittelte Christian Booß, dass 79 Prozent der Auskunftspersonen Mitglied der SED waren, darunter viele Senioren in den Wohngebiete. 55 Prozent waren Funktionäre, aber auch Bürgermeister, Lehrer und LPG-Vorsitzende waren bevorzugte Auskunftspersonen. Christian Booß riet aber zur Vorsicht, Verurteilungen vorzunehmen. „Denn was jemand gesagt hat, ist kaum zu belegen.“ Aus den Mitteilungen der Auskunftspersonen erstellte die Stasi summarische Berichte. Es gibt Stasi-Akten über missliebige Personen, die nur Bericht von AKPs enthalten, Teile der Kaderakte, aber nicht einen IM-Bericht.

Zu den Ungereimtheiten der Aufarbeitung gehöre, so Christian Booß, dass ein IM nach der Wende nicht Müllmann werden durfte, aber ein Nomenklaturkader in Amt und Würde bleiben konnte. Als Beispiel nannte er Hans Vietze, der nach der Wende noch zwei Jahrzehnte für PDS und Linke im Brandenburger Landtag saß. Wie Christian Booß berichtete, hatte der letzte Chef der SED-Bezirksleitung Potsdam auf die Frage, ob er Berichte geschrieben habe, geantwortet. „Nein, ich habe Berichte schreiben lassen.“

Von Michael Beeskow

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