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Prignitz Stunk im Dorf
Lokales Prignitz Stunk im Dorf
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19:11 04.02.2018
Stefan Lindner ist empört: „Hier geht´s nicht um ein bisschen Landwirtschaft, hier geht es Agrarindustrie." Quelle: Fariba Nilchian
Vettin

Es ist 6 Uhr morgens in Vettin. In Birgit Krämers Wohnzimmer klirren die Fensterscheiben, die Wände scheinen zu wackeln. So beginnt der Tag für die 53jährige, die an der Vettiner Dorfstraße wohnt und so endet er auch oft.

Die Lkws und schweren Landmaschinen der benachbarten Biogas- und der Milchviehanlage rollen direkt vor ihrem Haus entlang und haben Genehmigungen, bis abends um 22 Uhr zu fahren. Bei Gegenverkehr weichen die bis zu vierzig Tonnen schweren Fahrzeuge auf den Bürgersteig aus. „Die sind dann so nah, dass ich ihnen einen Kaffee ins Fenster reichen könnte“, sagt die Frau, die ihr ganzes Leben Vettin verbracht hat.

Schwere Lkws rollen durch Dörfer

Am Freitag Abend war Birgit Krämer bei der Einwohnerversammlung im Dorfgemeinschaftshaus von Vettin. Es sollte um die Belastungen durch die Biogasanlage der Firma Osters und Voß gehen, die 1,5 km neben dem Dorf liegt und um den Milchviehbetrieb mit über 3000 Kühen mitten in Vettin.

Die beiden Unternehmen sind geschäftlich verbunden und beide haben einen hohen logistischen Aufwand. Es geht um zehntausende Tonnen von festen und flüssigen Stoffen, die beide Betriebe durch das kleine 125 Einwohner Dorf zu ihren Betriebsstätten transportieren müssen.

Dreck, Lärm und Gefahr für Kinder

Jetzt wollen die Anwohner ihren Ärger über die Lkws, den Dreck, den Lärm, die Gefährdung der Kinder und die Angst ums Grundwasser bei den Verantwortlichen loswerden. In Vettin haben die Belastungen in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen, in 2017 ist das Maß des Erträglichen dann für viele Dorfbewohner überschritten worden.

Die Milchviehanlage pumpt normalerweise einen großen Teil der anfallenden Gülle durch eine 1,7 Kilometer lange Gülle-Pipeline direkt zur Biogasanlage. Von März bis Mai 2017 war diese allerdings verstopft. „Das waren etwa 600 Fahrten zusätzlich“, schätzt der Geschäftsführer der Biogasanlage Henner Paskarbies und Andreas Osters ergänzt die Problematik: „Wir haben in 2017 doppelt so viel Niederschlag gehabt wie normal, die Befahrbarkeit der Flächen war schwierig.“

Andreas Osters (Osters und Voß), Christof Voß (Osters und Voß),  Alwin Beenen (Betreiber der Milchviehanlage Lindenberger Agrar) , Dr. Henner Paskarbies (Geschäftsführer Biogasanlage Vettin) Quelle: Fariba Nilchian

Der Wehrleiter der örtlichen Feuerwehr Armin Schülke, empört sich schon zu Beginn der Versammlung, „bei den zermatschten Wegen kommen wir nicht mehr durch, wir können keine Hilfeleistung ausüben.“ Die Stimmung ist aufgebracht. „Wir sind ein Modderloch geworden“, „Stinktin statt Vettin“, „Steuervernichtungsanlage“, „Wir wollen den Scheiss nicht mehr“ empören sich die Vettiner. Sie fühlen sich von der Gemeinde Groß Pankow im Stich gelassen, vermissen die Anwesenheit der Kontrollbehörden vor Ort. Und auch die Agrarbetriebe stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Die Fahrer der schweren Fahrzeuge wurden am Steuer mit ihren Handys beobachtet, der Fahrstil sei rücksichtslos und oft zu schnell, die Fahrzeuge zu breit und zu schwer für die Straße.

Christof Voß: Fajhzeuge mit zulässiger Breite“

„Unsere Fahrzeuge haben die zulässige Breite von 255 Zentimeter“, erklärt Christof Voß den aufgebrachten Anwohnern. Sein Kompagnon Andreas Osters räumt auf Zuhörerrückfrage allerdings ein, dass die zusätzlich eingesetzten landwirtschaftlichen Fahrzeuge, die diese Breite überschreiten, mit Sondergenehmigungen fahren können.

Und die Geschwindigkeit? Die sei bei all ihren Treckern auf 40 Stundenkilometer runtergesetzt. „Nur ein der Trecker aus Rüdow, der fährt 60“, korrigiert sich Osters noch einmal. In Vettin zeigen die beiden Unternehmer zwar Verständnis für den Ärger der Anwohner, mit konkreten Veränderungen halten sie sich aber zurück. Ihre Fahrer sollen jetzt alle mit einem „Knigge“ ausgestattet werden, damit sie die Benimm-Regeln im Ortsverkehr einhalten. Andreas Osters macht den Vettinern auch noch einen Vorschlag zur Durchsetzung dieser Regeln: „Wenn man die Kennzeichen nicht lesen kann, halten Sie die Fahrzeuge an, ziehen sie die Fahrer raus und geben denen was hinter die Löffel.“ Ein interessanter Ratschlag für Menschen, deren Lebensqualität durch die Agrarbetriebe gesunken ist, deren Gebäude und Grundstücke an Wert verloren haben - für Menschen, die ihre gesunde Lebensgrundlage bedroht sehen.

Der Bürgermeister von Groß Pankow Marco Radloff (r). unter Beschuss) Quelle: Fariba Nilchian

Alwin Beenen, der Betreiber der Milchviehanlage, hat größere Pläne. Eine halbe Million Euro investiert er in eine sechs Kilometer lange Schlauchanlage, welche die Gülle von seinem Stall auf die umliegenden Felder führen soll. Mit diesem Leitungssystem kann die Gülle, die nicht durch die Pipeline zur Biogasanlage fließt, in die umliegenden Felder geleitet werden. Die Maßnahme soll die Fahrten durch den Ort künftig reduzieren, die Anwohner verbinden damit eine neue Sorge. Sie befürchten, dass der Betreiber mit der Schlauchanlage unbekannte Mengen von Gülle einfach auf den Feldern entsorgen könnte.

Birgit Krämer, Anwohnerin der Dorfstraße Vettin: „Wir hätten schon viel früher den Mund aufmachen sollen. Quelle: Fariba Nilchian

Marco Radloff, der Bürgermeister von Groß Pankow, versucht zu die aufgebrachten Bürger zu beruhigen: „Die Straße wird hier nächstes Jahr auf 6,5 Meter Breite mit Entwässerungsstreifen gebracht. Da können sie sich doch drauf freuen.“

Bürgermeister erntet schallendes Gelächter

Er erntet schallendes Gelächter, das einzige Mal an diesem Abend. Die L146 wird vom Land Brandenburg an den Kreis abgegeben und in 2019 noch ein letztes Mal aus dem Topf der Landesmittel saniert. Die Anwohner befürchten, in Zukunft selbst für Schäden an der stark belasteten Straße aufkommen zu müssen.

Gemeinde soll sich kümmern

Einige Vettiner sitzen nach dem Ende der Versammlung noch eine Weile zusammen. Man will nun bis zum nächsten Treffen im Juni abwarten, ob sich die Situation verbessert. „Vielleicht kümmert sich die Gemeinde ja jetzt um uns, sie haben sich immerhin alles angehört“ sagt Birgit Krämer nachdenklich und fügt selbstkritisch hinzu „wir hätten schon viel früher zu den Versammlungen gehen und unsere Meinung sagen sollen.“

Von Fariba Nilchian

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