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Tausende Zugvögel in der Prignitz

Aus allen Himmelsrichtungen Tausende Zugvögel in der Prignitz

Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie angeflogen: Saatgänse, Blessgänse, Graugänse. Der Schwarm, der in diesen Tagen Station bei Karstädt macht, ist viele tausend Tiere groß – und das Geschnatter dementsprechend laut. „Gänse sind ein geselliges Völkchen“, sagt der Vogelexperte Torsten Langgemach.

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Dass Tausende Wildgänse gleichzeitig kollisionsfrei landen und starten können wie hier auf dem Feld bei Karstädt, dürfte bei Piloten und Fluglotsen für viel Bewunderung sorgen.

Quelle: Claudia Bihler

Karstädt. Aus allen Himmelsrichtungen weisen die pfeilförmigen Flug-Formationen auf Karstädt: Hier kommen 30, 40 Gänse aus Richtung Mecklenburg, dort hat sich aus Richtung Putlitz ein Flugensemble zusammengefunden. Auf dem Feld hinter dem Städtchen landen sie. Dort wird auch deutlich: Der Gänseschwarm, der in diesen Tagen Station bei Karstädt macht, ist viele tausend Tiere groß – und das Geschnatter auf dem Feld dementsprechend laut. „Saatgänse, Blessgänse, und hier und dort mischen sich auch Graugänse unter die anderen“, sagt der Leiter der staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg in Buckow, Torsten Langgemach. „Gänse sind ein recht geselliges Völkchen.“

Eigentlich wären die Gänse längst in Richtung ihrer Überwinterungsgebiete gezogen, die üblicherweise am milden Niederrhein liegen – Schnee gibt es dort so gut wie nie. Doch in diesem Jahr blieb auch das Europa rechts des Rheins sehr lange vom Wintereinbruch verschont – bis zum Jahreswechsel jedenfalls. Mit dem Wintereinbruch nun ist es auch in den Gebieten kalt geworden, in denen die Gänse üblicherweise die warme Jahreszeit verbringen. Sogar aus Sibirien kommen die Tiere dann teilweise, um nach Westen zu ziehen – dorthin, wo es wärmer ist.

Dass sie jetzt erst in der Prignitz landen, liegt für den Brandenburger Biologen am warmen Winter, der dafür gesorgt haben könnte, dass die Gänse in diesem Jahr längst nicht so weit geflogen sind wie sonst. Sie könnten beispielsweise im Oderbruch Station gemacht haben. „Stellt sich dann eine Kältefront ein und frieren die Gewässer zu, verlagern sie sich auch schon mal ein paar hundert Kilometer weiter, um eine mildere Region aufzusuchen, in der es Feuchtgebiete gibt.“

Knabberpause

Knabberpause: Singschwäne auf einem Maisfeld bei Groß Langerwisch.

Quelle: Claudia Bihler

Das kann durchaus auch in anderer Richtung erfolgen – je nach Wetterlage, denn die Tiere fliegen immer der Wärme nach. Langgemach: „Wenn die Gewässer langsam zufrieren, fehlt ihnen die Nahrungsgrundlage. Und wenn es besonders kalt wird, machen sie auch mal auf einem Feld Quartier.“ Das Zeichen zum Aufbruch sind für die Gänse keine geheimnisvollen Signale oder Wetterfühligkeit. Langgemach: „Ein zwei Tage halten sie auch mal eine Kältefront aus.“ Erst, wenn sie wegen Eis und Schnee keine Nahrung mehr finden können, brechen sie wieder auf. Das gilt auch für den Frühjahrszug: Die Gänse folgen der grünen Linie, auf der sich der Frühling in Europa gegenüber dem Winter durchsetzt.

Ob die Tiere nun aus Ost oder West nach Karstädt gekommen sind, ist allerdings nicht ganz klar: Die Tiere orientieren sich an den Wetterfronten. Und im Gegensatz zur restlichen Prignitz hat nun auch im Westen der Winter unübersehbare Spuren hinterlassen: In Lenzen liegt an diesem Tag eine mehrere Zentimeter dicke Schneeschicht. Die Silberreiher, die dort mit eleganten Flugmanövern jagen, stört das bisher nicht: Noch gibt es in den Elbegewässern ausreichend viele freie Wasserflächen, bei denen sich der Jagdeinsatz lohnt.

Spiralförmige Flugmanöver – und alles kollisionsfrei

Aus unerfindlichen Gründen erhebt sich der Karstädter Gänseschwarm in die Luft. Tausende Vögel starten erstaunlicherweise kollisionsfrei, nach einem spiralförmigen Flugmanöver landen sie wieder auf dem Acker – ebenso unfallfrei, nur um ihr schnatterndes Gespräch wieder aufzugreifen.

Nicht nur Gänse, auch immer mehr andere Zugvögel bleiben nach den milden Wintern der letzten Jahre in der Region. „Für diese Pioniere hat das einen Vorteil“, sagt Langgemach, der selbst sogar Rote Milane oder auch Singvögel wie Bachstelzen als Überwinterer in Brandenburg beobachtet hat: „Diese Pioniere haben im Frühjahr einen energetischen Vorteil, wenn sie ihre Kräfte nicht für den Vogelzug aufwenden“, sagt er.

Aufstehen mit der Sonne

Gänse übernachten meistens in Gemeinschaften auf einem nahrungsreichen Gewässer, bei Kälte weichen sie mitunter auch auf Felder aus. Diese können durchaus bis zu 30 Kilometer weit entfernt liegen. Die Gänse aus Karstädt finden demzufolge auch während des Winters einen vergleichsweise gedeckten Tisch in der Elbtalaue.

Die Tiere gestalten ihren Tagesablauf nach der Helligkeit. Bei Nebel oder grauem Himmel starten sie unter Umständen auch mal später als sonst zum Frühstück und bleiben gerne etwas länger auf ihren Schlafplätzen auf abgeernteten Feldern.

Pionierverhalten zeigen auch die Singschwäne auf Feldern bei Groß Langerwisch oder bei Freyenstein: Dass sich Schwäne den Winter über auf den Feldern einquartieren, ist zwar nichts Neues, ihre Ernährungsgewohnheiten aber schon. „Eigentlich knabbern sie während der kalten Jahreszeit gerne an Rapsstoppeln“, meint Langgemach. Doch inzwischen erschließen sich die langhalsigen Schwimmvögel auch gerne mal weitere Produkte für ihren Speiseplan: „Solange die Maisstoppeln auf den Feldern noch vorhanden sind, fressen sie seit Neuestem auch an diesen.“

Die pendelnde Wetterfront entlang der Elbe, die Lenzen den Schnee, der restlichen Prignitz aber starke Kahlfröste brachte, wird für die heimische Vogelwelt auch in den nächsten Tagen noch spannend bleiben – ebenso wie für die Prignitzer Menschen. Für den Rest dieser ersten Januarwoche haben Meteorologen wechselnde Plus- und Minusgrade, Schnee, Regen und sogar Sonnenschein angekündigt.

Von Claudia Bihler

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