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Groß Langerwisch: Aufs Fahrrad angewiesen

Verkehrsunterricht für Flüchtlinge Groß Langerwisch: Aufs Fahrrad angewiesen

Die Verständigung ist nicht leicht. Doch Grit Weber gibt sich alle Mühe, ihren Zuhörern aus Syrien, Pakistan oder Afghanistan beizubringen, wie man sich richtig im Verkehr verhält. Das ist umso wichtiger, als viele von ihnen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Dass dies möglich wurde, ist Hans Groenewegen zu verdanken.

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Grit Weber erläutert gerade, wo rechts vor links gilt.
 

Quelle: Bernd Atzenroth

Groß Langerwisch.  „Here stop, here go – da stopp, hier fahren.“ Grit Weber steht an der Tafel, zeigt auf die angeklebten Schilder und gibt sich alle Mühe, ihren etwa 20 Zuhörern die deutschen Verkehrsregeln beizubringen. Das ist nicht ganz einfach, denn der Stand der Sprachkenntnisse ist recht unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Land die jungen Leute kommen. Denn sie gehören zu den 53 Flüchtlingen, die in Groß Langerwisch (Gemeinde Groß Pankow) untergebracht sind. Einige verstehen immerhin schon ein wenig Deutsch, andere versuchen es auch ein bisschen zu sprechen. „Hier Fahrrad, da verboten – Fußgänger“, sagt sie. Irgendwie kommt man auf diese Weise zueinander. Was auf Deutsch nicht geht, klappt manchmal in Englisch. Hilft das nicht, muss man sich auf Symbole verlassen. Grit Weber verteilt einen Bogen, auf dem Verkehrsschilder und -regeln einfach und mehrsprachig erklärt sind.

Khawar aus Pakistan kennt viele Verkehrsregeln aus seiner Heimat, auch wenn dort Linksverkehr herrscht

Khawar aus Pakistan kennt viele Verkehrsregeln aus seiner Heimat, auch wenn dort Linksverkehr herrscht.

Quelle: Atzenroth

Für Khawar immerhin ist das alles nicht wirklich neu. Der 35-jährige Pakistaner kennt viele Schilder sogar aus seiner Heimat – nur stehen diese dort auf der anderen Straßenseite: „Pakistan hat Linksverkehr“, erklärt er. Auch die anderen, meist sehr viel jünger als Khawar, scheinen das Wesentliche zu verstehen, wenn auch die Verständigung mitunter aus radebrechendem Wortstakkato besteht.

 Neues Land, andere Sitten – das gilt natürlich auch für die Ordnung im Straßenverkehr. In Groß Langerwisch bieten die Flüchtlingshelfer und die Awo Verkehrserziehung für Flüchtlinge an. Es ist der zweite Termin. Grit Weber, die für die Prignitzer Polizei viel Präventionsarbeit übernimmt und sich um Verkehrserziehung kümmert, muss eine Weile warten, bis die Zuhörer da sind. Doch schließlich ist der Gemeinderaum gut gefüllt.

 Aufs Fahrrad zu steigen, ist für die Neuankömmlinge das A und O: Denn als die in Groß Langerwisch untergebrachte Gruppe nach Deutschland gekommen war, sah man eine Zeit lang viele junge Männer von dort aus entlang der Straße, und auch der L111, in Richtung Pritzwalk gehen. Das war nicht nur zeitaufwendig, sondern auch gefährlich. Mittlerweile fahren die jungen Leute meist Fahrrad.

Dass das möglich ist, ist sicher auch ein Verdienst von Hans Groenewegen aus Horst. Er sitzt in der Runde derer, die nach und nach gekommen ist, um etwas über die wichtigsten Verkehrschilder zu erfahren. Groenewegen hat sich von Beginn an ehrenamtlich um Flüchtlinge gekümmert und schon recht früh in einem Aufruf in der Groß Pankower Gemeindevertretung um Fahrradspenden gebeten. Die Resonanz auf diese Bitte hatte ihn dann regelrecht überrollt. Zuerst bekam er elf Fahrräder aus Lindenberg, und nach einer kleinen Zeitungsnotiz dann wurden ihm „im Viertelstundentakt“ weitere Fahrräder von überall her angeboten. „Ich konnte nur noch die Adressen aufschreiben.“ Gemeindebürgermeister Thomas Brandt stellte Groenewegen ein Fahrzeug und zwei Gemeindearbeiter zur Verfügung, mit denen er zwei Tage prignitzweit Fahrräder einsammelte. „Da hatte ich auf einmal 50 Räder auf der Veranda“, erzählte er, „von Schrott bis neuwertig war alles dabei.“ Wobei er eher darüber überrascht war, wie gut in Schuss die meisten Räder waren.

Interesse an der Tour de Prignitz

Allerdings hat er jetzt eine achtwöchige Reparaturaktion hinter sich. Die ist jetzt für ihn abgeschlossen. Denn im Moment scheint der Bedarf gedeckt. Fahrräder aus der Sammelaktion gingen nicht nur an Flüchtlinge in Groß Langerwisch, sondern auch in andere Teile des Landkreises, etwa nach Karstädt und Meyenburg. Außerdem ist unter den Flüchtlingen der Syrer Jamal, der offenbar handwerklich so begabt ist, dass er selbst Nabenschaltungen perfekt auseinander- und zusammenbauen kann.

Nun also sieht man die jungen Leute auf der Straße mit ihren Rädern. Möglicherweise werden einige von ihnen auch bei der Tour de Prignitz mitfahren. „Interesse haben sie jedenfalls dafür“, weiß Hans Groenewegen. Das ist übrigens auch an anderen Orten so.

Hans Groenewegen erklärt einem 18-jährigen Syrer die Verkehrsregeln

Hans Groenewegen erklärt einem 18-jährigen Syrer die Verkehrsregeln.

Quelle: Atzenroth

In Wusterhausen zum Beispiel überlegt man, wie dies zu organisieren wäre. Im Begegnungscafé war es jüngst im voll besetzten Alten Laden des „Herbst’schen Hauses“ genau darum gegangen. Allerdings sind Fahrräder bei den Neuankömmlingen immer noch knapp. Deshalb wurde ein Aufruf gestartet, nicht mehr benötigte Fahrräder zu spenden. Das Rathaus will sich um die Verteilung kümmern, wie Bürgermeister Roman Blank bestätigte.

Von Bernd Atzenroth

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