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Prignitz Travestie in Pritzwalk: „Das alles bin ich“
Lokales Prignitz Travestie in Pritzwalk: „Das alles bin ich“
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22:25 22.11.2015
Miss Jennifer am Schminktisch: Wie ihre Kollegin Luise ist sie seit 20 Jahren mit dabei. Quelle: Claudia Bihler
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Pritzwalk

Aus den Koffern quellen Kleider, die Zahl der Handtaschen, die in der Garderobe im Pritz­walker Kulturhaus zu finden ist, würde für ein mittelgroßes Mädchenpensionat ausreichen. Hier warten High Heels auf den großen Auftritt, auf dem Tisch Schminktiegel, Lippenstifte, Puderpinsel, an den Wänden hängen Satinkleider, überreich mit Glitter und Pailletten überzogen.

Aus dem Koffer von Lutz Kaus alias Fräulein Luise schaut ein kleiner Frotteehase raus. „Ursprünglich war er einmal weiß“, sagt Lutz, der gerade ein Zwischenwesen seiner beiden Persönlichkeiten ist: Der Mund nur halb geschminkt, die fünf Zentimeter langen Wimpern fehlen noch. Der Hase ist inzwischen rosa und hat eine deutlich rotgefärbte Nase: „Er bekommt jedes Mal vor der Vorstellung einen Kuss“, sagt Lutz, der ihn irgendwann einmal von einer Freundin bekommen hat und ohne ihn nirgendwo auftritt: „Er ist mein Maskottchen.“

Das Maskottchen ist immer dabei. Quelle: Bihler

Begleitet hat er ihn – oder wahlweise Luise – nunmehr zum 19. Mal ins Pritzwalker Kulturhaus, wo am Samstag einmal mehr das Programm „Zauber der Travestie“ zu sehen war: Wieder spielten die „Damen“ vor fast ausverkauftem Haus. Bevor aber schon ab 19 Uhr die Zwei-Meter-Luise ihre Gäste im violett-glitzernden Hängerchen begrüßte, stand Schminken auf dem Programm der Mimen.

Lutz Kaus zeigt ein Heft: All die darin abgebildeten Figuren stellt er dar. Quelle: Claudia Bihler

Zwei Stunden brauchen sie, um sich von ihrer bürgerlichen Existenz in die schillernden Showdamen zu verwandeln: Die Augenbrauen müssen weggeschminkt werden, die Wangen modelliert: Immer etwas überakzentuiert, schließlich sollen auch die Gäste in den hinteren Reihen noch genug zu sehen bekommen. „Das Umziehen geht dann schnell“, sagt Lutz, der gerade mal zehn Minuten braucht, um ins nächste Kostüm zu schlüpfen: Dann ist Luise mit ihrem etwas deftigen Humor und den derben Zoten fertig für den Auftritt.

Die Lust an der Verwandlung ist es, die die Mimen umtreibt – weshalb nun gerade zur Frau, zur grellen, überspitzten Showdiva – das können sie alle nicht so recht erklären. Miss Jennifer meint, eigentlich sei ja jede Art von Theater zugespitzt und übersteigert. Und „Lutzise“ sagt: „So albern wie Luise kann ich als Lutz nicht sein.“

Die Damen boten eine tolle Show. Quelle: Claudia Bihler

Seit 25 Jahren steht er auf der Bühne. Am Anfang im Duo, das bei Geburtstagen oder Hochzeiten aufgetreten ist, vor 20 Jahren dann erstmal mit dem Ensemble „Zauber der Travestie“, das seine Heimat in Hannover hat und inzwischen acht Köpfe zählt. Einige Mitglieder spielen auch in anderen Ensembles. Gemeinsam aber absolviert das komödiantische Ensemble 120 Auftritte im Jahr. Nur nicht im Sommer. Lutz: „Da gehen die Leute lieber raus als ins Theater.“ Sie spielen inzwischen auch vor großem Publikum. 1200 Gäste waren es erst kürzlich in Hannover. Nach Pritzwalk kommt „Zauber der Travestie“ auf eigenen Wunsch: „Die Pritzwalker mögen es, wir waren mal in Kyritz, da war alles anders.“ Er erinnert sich auch noch an den ersten Auftritt in der Stadt: „Um 19 Uhr war Einlass, um halb acht waren fast alle Frauen betrunken.“ Er versteht das gut: „Geht uns ja auch so bei Partys.“

Luise steht vor dem Kulturhaus, überragt mit ihren 12-Zentimeter-Absätzen alle anderen und verrät auch schon mal im Plauderton, dass ihre Brüste aus Stoffbällen bestehen: Holt einen raus und verstaut ihn unter dem Gelächter der Umstehenden gleich wieder im BH. Vom Lampenfieber ist bei Luise nichts zu merken. Aber Lutz weiß: „Entweder man bekommt das Publikum sofort, oder man kämpft den ganzen Abend.“

High Heels und Glitter in Schuhgröße 43. Quelle: Claudia Bihler

Dann verschwindet die Begrüßungsdelegation wieder hinter der Bühne, mit dramatischem Glockenklang kündigt sich die Show an. Und als Luise dann kurze Zeit später auf der Bühne steht, im gelben Mädchenmini, weißen halterlosen Blickdicht-Strumpfhosen, bebt der Saal. Klatschen, Trampeln und Jubeln gehört zum Programm: Die Zuschauer sollen sich nicht zurücklehnen, sie sollen mitmachen. Das Eis ist gebrochen? Nein. Es war gar nicht erst vorhanden.

Viele sind nicht zum ersten Mal bei der Show, mancher gar zum 19. Mal, von Anfang an. „Es ist Spaß, man kann abschalten, und man kann einfach mal wieder lachen“, sagt einer und plant auch schon, zur Jubiläumsveranstaltung am 19. November 2016 zurückzukommen. Freilich: So viel getrunken wie beim ersten Mal wird nicht mehr. Jünger werde man auch nicht, und zudem bleibe so auch der Kater am nächsten Tag aus.

Von Claudia Bihler

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