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Über die Gleichberechtigung in der DDR

Perleberg Über die Gleichberechtigung in der DDR

Die Gleichberechtigung der Frau in der DDR wurde vielfach mit einem Mythos umgeben. Wissenschaftlerin Anna Kamisky präsentierte bei einem Vortrag in Perleberg ein sehr differenziertes Bild. So hatten Männer anfänglich ihre Probleme mit Frauen, die immer stärker ins Berufsleben strebten.

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Eine Putzkolonne für einen bereitgestellten Zug. 80 Prozent der Beschäftigten im unteren Einkommensdrittel waren Frauen.

Quelle: Michael Beeskow

Perleberg. War die Gleichberechtigung der Frau in der DDR vorbildlich? Ja und nein. Letztlich wird wohl jeder selbst eine Antwort auf diese Frage finden müssen. So ließe sich das Fazit beschreiben, mit dem Anna Kaminsky die Besucher ihres Vortrags beim Themenabend des DDR-Geschichtsmuseums in Perleberg am Mittwochabend entließ. Beeindruckt waren wohl alle über die Vielzahl der Einblicke; die die promovierte Sprachwissenschaftlerin, selbst gelernten DDR-Bürgern eröffnete.

Arbeitskräfte waren Mangelware

Unstrittig ist der Ausgangspunkt, der die SED-Führung veranlasste, über die Rolle der Frau nachzudenken. Für den Aufbau der Schwerindustrie in der DDR, so wurde etwa 1950 festgestellt, fehlen 500 000 Arbeitskräfte. Der chronische Arbeitskräftemangel verschärfte sich noch bis zum Mauerbau am 13. August 1961. Immerhin verabschiedeten sich bis dahin drei Millionen Menschen, vielfach Fachkräfte, von dem sozialistischen Fortschrittsstaat.

Anna Kaminsky verschaffte den Zuhörern interessante Einblicke

Anna Kaminsky verschaffte den Zuhörern interessante Einblicke.

Quelle: Beeskow

Damit Frauen auch arbeiten gehen konnten, wurden zahlreiche Kindereinrichtungen geschaffen: Tageskrippen und auch Wochenkrippen, in denen die Kinder von Montag bis Freitag untergebracht waren. DDR-Medien warfen die Frage auf, warum können sich Nachbars ein neues Schlafzimmer leisten? Warum steht bei ihnen nicht nur sonntags Fleisch auf dem Tisch? Die Antwort war einfach: Die Frau geht arbeiten und sorgt für ein Zweiteinkommen in der Familie.

Goldene Brücke für die Männer

Doch ganz so einfach war es nicht. Auch in der DDR musste das traditionelle Rollenverständnis aufgebrochen werden. Sogar Parteichef Walter Ulbricht nahm sich des Problems an und redete den Männern ins Gewissen: Die Aufgabe der Frau könne doch nicht darin bestehen, dem Mann nach der Arbeit die Pantoffeln und ein kaltes Bier zu reichen. Schon damals war der Haushalt ein Hauptkampffeld der Geschlechter. Wer wäscht ab? Wer holt die Kohlen hoch? Männern wurde eine goldene Brücke gebaut. In den Werbebildern standen sie an der neuen Waschmaschine, auch schwenkten sie den nagelneuen Staubsauger. Überhaupt machte die neue Technik den Haushalt zum Kinderspiel. „Bei so viel Freizeit mussten die Frauen ja zwangsläufig arbeiten gehen“, meinte Anna Kaminsky.

Doch die Bücher von Maxi Wander und Brigitte Reimann zeigten, in welchen Konflikten Frauen zwischen Kinder, Haushalt, Beruf und nicht gerade emanzipierten Männern standen. In den 1960er Jahren zog die Scheidungsrate in der DDR an. In 60 Prozent der Fälle waren es Frauen, die sie einreichten. Mit dem Familiengesetzbuch von 1965 und der Überarbeitung von 1975 zog die DDR, was die Gleichstellung der Frau betrifft, klar an der Bundesrepublik vorbei. Zahlreiche Vergünstigungen wurden eingeführt: der monatliche Hausarbeitstag, Freistellung von der Arbeit bei Krankheit der Kinder. In der Bundesrepublik verbreitete sich ein wahrer Mythos über die Stellung der Frau. Jedoch waren die Autoren vor allem Männer.

Berufstätigkeit der Frauen nahm stetig zu

Allerdings waren die sozialen Vergünstigung für junge Mütter in der DDR nicht unumstritten. Ältere Frauen meldeten sich wütend zu Wort. 1000 Mark gäbe es jetzt für ein Kind, sie hätten nur 50 bekommen. Seien ihre Kinder weniger Wert, wurde das ZK der SED gefragt. Erbost waren sie auch, dass sie bei Kuren übergangen wurden. Die seien jüngeren Frauen vorbehalten, bei den älteren seien die Abnutzungserscheinungen ohnehin nicht mehr zu kurieren.

Aber die Berufstätigkeit der Frauen nahm stetig zu, von 50 Prozent 1950 zog sie auf über 90 Prozent im Wendejahr 1989 an. Frauen erhielten den gleichen Lohn wie Männer, allerdings machten sie 80 Prozent der Beschäftigten im unteren Einkommensdrittel aus, bei den höheren Einkommen dominierten die Männer. Anna Kamisky beleuchtete die DDR-Statistik etwas näher, wonach 20 Prozent der Betriebsleiter Frauen waren. Als Betriebsdirektor zählte auch die Leiterin eines Friseursalons. Unter den Kombinatsdirektoren befand sich nur eine Frau, wie es auch in der Politik lediglich zwei Ministerinnen gegeben hatte. Interessant auch der Frauenanteil von einem Drittel in der Volkskammer und damit deutlich höher als im Bundestag mit 20 Prozent. Allerdings lag der Frauenanteil in der SED-Fraktion mit 20 Prozent weit unter dem Durchschnitt.

Feministinnen in Kampfbereitschaft versetzt

Dennoch die Gleichberechtigung war 1989 kein Thema mehr für DDR-Frauen. Die Berufstätigkeit war für sie eine Selbstverständlichkeit. Bei westdeutschen Feministinnen kam dies nach der Wende allerdings nicht so gut an. Neben dem Vorwurf, Rabenmütter zu sein, wurde DDR-Frauen angekreidet, dass sie sich für die feministischen Diskussionen nicht interessierten. Eine Ostfrau ließ sich ohne Weiteres als Frau Professor ansprechen, was eine Feministin gleich in Kampfbereitschaft versetzt hätte.

Beruf und Familie lassen sich bei allen Vergünstigungen nicht ohne Abstriche vereinbaren, resümierte Anna Kaminsky. Eine Seite komme immer zu kurz.

Von Michael Beeskow

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