Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° bedeckt

Navigation:
Unverhohlene Schadenfreude

Putlitz Unverhohlene Schadenfreude

Der Agrarkonzern KTG hat für seine Holding KTG Agrar SE Insolvenzantrag gestellt, nachdem er auch nach einer vierwöchigen Zusatzfrist rund 17,8 Millionen Zinsen nicht an seine Anleihegeber bezahlen konnte. Die Pleite erzeugt bei den Landwirten der Region unverhohlene Schadenfreude: „Die KTG hat hier den Markt für Landwirtschaftsflächen völlig kaputt gemacht.“

Voriger Artikel
Dienstältestes Mitglied im Posaunenchor
Nächster Artikel
Eltern-Kind-Zentrum feiert 1. Geburtstag

Rumänische Lohnarbeiter zogen mit KTG-Traktoren quer durchs Land (hier bei Lindow).

Quelle: Christian Schmettow

Putlitz/Herzsprung. Die Bauern in der Region machen kaum ein Hehl aus ihrer Schadensfreude. Die KTG Agrar SE ist pleite, der Vorstand des börsennotierten Agrarkonzerns hat am Dienstagnachmittag in Hamburg seinen Insolvenzantrag vorgelegt. „Allerdings haben das die Spatzen schon lange von den Dächern gepfiffen“, sagt ein Putlitzer, „dass es nicht mehr lange so weitergehen würde, war schon fast klar.“

Die Krisen-Presseagentur Plan B in Potsdam wiegelt ab. Es sei ja nur die Holding betroffen, und die habe ohnehin lediglich 15 Mitarbeiter. Der operative Betrieb in den Tochtergesellschaften gehe unbeeinträchtigt weiter.

Flächenmarkt kaputt gemacht

Unbeeinträchtigt? Das wird in der Region von vielen bezweifelt – wenn auch von der geschäftsmäßig stark verflochtenen Landwirtschaftsbranche hinter vorgehaltener Hand. Es gibt Gerüchte, dass manche Lieferanten auf Vorkasse bestehen, bevor sie Substrate für die Biogas-Anlagen abladen würden. „Seit dem Jahreswechsel geht das schon so“, weiß ein Prignitzer Landwirt. Was sie allerdings regelmäßig selbst betroffen und was den örtlichen Ruf der KTG als „Flächenkrake“ befördert hat, waren die steigenden Flächenpreise – viele Landwirte sind betroffen.

Deswegen die Schadenfreude: „Richtig so“, heißt es, „nachdem die hier den Flächenmarkt kaputt gemacht haben.“ Dabei hatte der KTG-Vorstand Siegfried Hofreiter bei seiner Aktionärsversammlung 2015 zwar betont, dass er kein Preistreiber sei und vor allem Flächen von insolventen Höfen kaufen würde. Gleichzeitig hat er unter der Zustimmung der Aktionäre sein Kerngeschäft erläutert: Flächen zu kaufen, zusammenzuführen und mit Gewinn wieder zu verkaufen. 120 Millionen Euro stille Reserven will er so angesammelt haben: die Differenz zwischen Kauf- und potenziellem Verkaufspreis der Flächen.

„Aber die Böden sind hier sehr schlecht“, sagt Thomas Flemming von der Putlitzer Leasing in gewohnter Prignitzer Zweideutigkeit. Flemming gehört zu den Betroffenen der KTG-Pleite. Er hat dem Unternehmen einen großen Teil seines landwirtschaftlichen Maschinenparks verleast. „Bis jetzt wurde aber immer pünktlich bezahlt“, sagt er. Während Flemming innovative Agrar-Ideen des Konzerns wie Kürbis oder Soja-Kulturen lobt, habe offenbar ein eklatanter Fehler zur aktuellen Schieflage geführt: „Wenn in meinem Geschäft ein Plan nicht aufgeht, muss ich einen Plan B in der Schublade haben.“ Plan A, ebenfalls angekündigt auf der Hauptversammlung 2015, lautete: Mit einem Anteil von rund neun Prozent sollte der chinesische Privatinvestor Fuson bei der KTG einsteigen. Allein das hatte schon zu heftigen Reaktionen in der Region geführt.

Jede Menge Anlage-Vermögen

Letztlich sprang wohl der chinesische Privatinvestor ab, der Deal kam nicht zustande. Inzwischen wurden kleinere Flächen an andere Investoren verkauft, heißt es. „Einen Effekt für die Grundstückspreise wird das kaum haben“, meint ein Bauer: „Die KTG hat sie gleich zurückgepachtet.“

Hergen Reker, Amtsdirektor von Putlitz-Berge, geht trotz der KTG-Pleite gelassen in seinen Sommerurlaub. Nicht nur das Amtsgebäude wird mit Fernwärme aus den Biogasanlagen der bisher nicht von der Insolvenz betroffenen Konzerntochter KTG-Energie versorgt. Auch ein guter Teil privater Häuser und städtischen Wohnungen hängt am KTG Netz. Reker zeigt hinter sich: „Dieser Block gehört dazu. Nur Schule, Turnhalle und ein Wohnblock in deren Nähe sind nicht an die Fernwärme angeschlossen.“ Dass es bei der Versorgung zu Unregelmäßigkeiten kommen könnte, schließt er aus: „Da ist eine Menge Anlage-Vermögen dahinter. Selbst wenn die KTG diese Sparte aufgeben müsste, würde sich wegen regelmäßiger Einkünfte aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz leicht ein Investor finden.“

Mitarbeiter zuversichtlich

Was das Landwirtschaftspersonal angeht, gibt es zunächst Entwarnung. In der Ad-Hoc-Meldung, die die börsennotierte KTG am Dienstagnachmittag herausgegeben hat, wird betont, dass der operative Betrieb, insbesondere die Erntearbeiten, weiter laufen würden. Auch wolle man möglichst viele Arbeitsplätze retten.

Was mit ihnen passieren wird, war KTG-Mitarbeitern in der Region jedoch zunächst unbekannt. Bis zum Mittwochnachmittag hatte die Belegschaft offenbar noch keine Mitteilung zur Insolvenz bekommen – und wusste nur das, was die Öffentlichkeit aus den Medien erfahren konnte. „Zuversichtlich“, formulierten Mitarbeiter dennoch ihre Zukunftsaussichten, immerhin seien genügend Flächen und Anlagen vorhanden.

Anders sieht es für die Anleger aus, die für 350 Millionen Euro KTG-Anleihen im Depot haben und zunächst auf 17,8 Millionen Euro Zinsen verzichten müssen. „Mit einem kräftigen Schnitt ist zu rechnen“, sagt Flemming: „Anleger müssen hoffen, dass kluge Köpfe kluge Entscheidungen treffen.“

Von Claudia Bihler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg