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Ursula Kramm Konowalow dichtet mit Bedacht

Lyrikerin lebt in der Prignitz Ursula Kramm Konowalow dichtet mit Bedacht

Die Prignitzer Lyrikerin Ursula Kramm Konowalow macht nicht gern Kompromisse: Ihr Verse sind auf ihre Essenz reduziert, sie kleidet ihre Botschaften gern in Metaphern. Dichten ist ihr zum Lebensinhalt geworden, auch wenn man davon nicht reich werden kann. Jährlich veranstaltet sie mindestens zehn Lesungen.

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An ihrem Schreibtisch notiert Ursula Kramm Konowalow ihre Ideen mit einem Füller in ein Notizbuch.

Quelle: Beate Vogel

Mankmuß. Im November hatte Ursula Kramm Konowalow eine Mohnblüte auf einem Feld stehen sehen: Der nassen Kälte trotzend, stand die kleine rote Blume wie eine Eins, ließ sich auch von den Vorgaben des Kalenders nicht beeindrucken. „Das war der Ansatz für mich, damit musste ich etwas machen“, erzählt sie. „Einsamkeit, der Wunsch nach Gesehen werden, Braut des Windes“ – solche Begriffe fallen der Prignitzer Lyrikerin ein, wenn sie wie in diesem Fall die kleinen, wie beiläufigen Dinge in der Natur aufnimmt, die anderen gar nicht auffallen. Und so entstehen ihre Verse, die sich zu Gedichten aneinanderreihen.

Das dauert seine Zeit. Ursula Kramm Konowalow ist eine Pedantin, was die Sprache angeht. Sie feilt unglaublich lange an einem Ausdruck, ja an einem einzigen Wort. Immer wieder redet sie mit den Menschen in ihrem Umfeld darüber: Wie klingt es, wie kann man es verstehen, kommt es so an, wie sie es meint?

Ein Projekt vereinte 2002 die Lyrik der Dichterin mit schönen Bildern

Ein Projekt vereinte 2002 die Lyrik der Dichterin mit schönen Bildern.

Quelle: Beate Vogel

Ihre Ideen schreibt die 63-Jährige zunächst mit Füller in eine Kladde. Immer wieder wird gestrichen, überschrieben, neu formuliert. „Erst am Ende schreibe ich es in der richtigen Form in den Computer.“ Die Dichterin suche beim Schreiben immer nach dem Grund, warum sie von einer Sache so fasziniert sei: „Wo ich am längsten gesucht habe, ist der Schlehdorn.“ Wie können diese winzigen Blüten den Strauch so zart und weiß erscheinen lassen? Und man kann sie dabei nicht berühren, ohne sich blutige Finger zu holen? Solche Widersprüche reizen die Dichterin. Sie schreibt viel über Liebe, Natur, Gefühle.

Ihre Sprache ist nicht jedermanns Sache. Wohl keiner kann die Verse von Ursula Kramm Konowalow so getragen, so betont vortragen wie sie selbst. Auch Lesen muss geübt werden, sagt sie. Wenn sie liest, macht sie bedeutungsschwere Pausen, lässt die Worte wirken. „Ich habe gemerkt, dass ich agrammatisch schreibe, mit sehr viel Genitiv.“ Damit sei sie zur Welt gekommen, sagt die Wahl-Prignitzerin: „Ich mache das nicht mit Absicht.“ Ihr Stil sei das Herunterschleifen, „das Reduktive“. Die Verse lesen sich wie verknappte, dabei aber stets treffende Botschaften, voller Metaphern aus der Natur. „Bardent“ heißt ein Gedicht: „an diesem wort – liebte meine mutter – ihre fingerspitzen zu reiben – ich wusste bald – dass ein einziges gewand – nicht genügt, die seele zu kleiden.“ Für die Wahl ihrer Worte recherchiert die Lyrikerin sehr gründlich: „Nichts ist schlimmer, als ein Wort, das nicht stimmt.“

Ursula Kramm Konowalow

Geboren wurde Ursula Henriette Kramm Konowalow 1952 in Biesenthal/Mark als Tochter einer Lehrerin und eines Landwirtes. Ihre Eltern waren Kriegsflüchtlinge. Nach der Schule studierte sie am Institut für Lehrerbildung in Neuzelle.

Kramm Konowalow verweigerte sich dem Schuldienst in der DDR, arbeitete in verschiedenen Berufen und begann 1975 in Jena ein Studium der Theologie.

Bedeutend für ihren künstlerischen Werdegang sind die Jahre in Berlin, wo sie das Studium beendet, in der Redaktion der Zeitung „Die Kirche“ arbeitet und die Malerin Marika Voß kennenlernt, welche wertvolle Impulse für die künstlerische Entwicklung gibt.

1981 wird ihr erstes Kind geboren, sie heiratet, zieht mit der Familie aufs Land in ein ehemaliges Pfarrhaus, arbeitet dort in der Kirche und später als Religionslehrerin. 1987 folgt die Geburt des Sohnes und 1989 kam die zweite Tochter zur Welt.

Ab 1994 lebt sie allein mit den Kindern in verschiedenen Dörfern der Prignitz. 1995 erscheint in einer bibliophilen Ausgabe ihr erster Lyrikband „noctis“. Seit 2002 schreibt sie auch Lyrik für Kinder. Seit 2006 kann die Autorin freiberuflich arbeiten.

2011 gründete Ursula Kramm Konowalow zusammen mit dem Maler Harms Bellin die Künstlergemeinschaft „Werkgehöft ZweiKünstler“ in Mankmuß (bei Karstädt), zu der die Galerie „Erosa“ gehört, in der Kunstausstellungen und Lesungen mit Live-Musik stattfinden.

Die Dichterin erhielt neben anderen Auszeichnungen den Silberbergpreis (2013) und den Hans-Marchwitza-Preis (1984).

Ursula Kramm Konowalow ist in vielen Dingen auch kompromisslos. So läuft sie seit Jahren barfuß. „Ein Lebensgefühl“, sagt sie. Ab März lässt sie die Schuhe stehen. „Man wird viel achtsamer, die Reflexe sind geschulter.“ Barfußgehen gebe ihr eine ungeheure Sicherheit. Und Probleme mit der Wirbelsäule habe sie auch nicht, wie manch andere. Überhaupt: „Schuhe kaufen ist für mich ein ganz großes Problem.“ Einmal war sie beim CJD in Giesensdorf bei Pritzwalk. Einer der Bewohner – Menschen mit geistigen Behinderungen – kam zu ihr und berührte einfach ihre Füße. Das sei ein schönes Erlebnis gewesen.

Die 63-jährige Lyrikerin lebt mit dem Maler Harms Bellin in der 2011 gegründeten Künstlergemeinschaft „Werkgehöft ZweiKünstler“ in Mankmuß (Gemeinde Karstädt). Hier finden regelmäßig Ausstellungen und Lesungen statt. Dabei ist Ursula Kramm Konowalow selbst viel unterwegs, zum Beispiel, um ihre aktuellen Projekte vorzustellen. Reich werden kann man vom Dichten nicht, sagt die zierliche Frau. „Meine Bücher sind in allen möglichen Verlagen erschienen, die machen auch sehr gute Arbeit.“ Aber damit erschöpfe sich das auch schon: Um den Vertrieb muss sich die Dichterin selbst kümmern – und die Werbung, zu der eben Lesungen gehören. Zu bekommen sind die Gedichtbände oder auch Erzählungen in allen Buchhandlungen. Durchschnittlich zehn Lesungen im Jahr veranstaltet die 63-Jährige. „Ich organisiere meist alles selbst, von der Anfahrt bis zur Hotelübernachtung.“ Das erfordere viel Einsatz.

Zu ihren jüngeren Projekten gehört die Anthologie „Kindheit in Deutschland – Kindheit in Polen“. Polnische und deutsche Autoren hatten sich unter der Leitung von Heinrich von der Haar zusammengetan und Geschichten und Gedichte aus ihrer Kindheit geschrieben. Kramm Konowalow konnte dafür auf ein Projekt zurückgreifen, das schon einige Jahre zurücklag. Zusammen mit der polnischen Illustratorin Joanna Wieruszewska-Kurek hatte sie die Ausstellung „Poetische Wanderungen“ erarbeitet: Bilder und Lyrik für Kinder. In die wunderbar zarten Illustrationen mit Motiven aus der Natur schmiegen sich die Verse ein. Gemeinsam mit anderen Schriftstellerinnen gab es eine Lesereise zur Anthologie. „Die schönsten Lesungen sind die, bei denen nachher jemand kommt und fragt, warum ich etwas so oder so gemacht habe.“

Über all die Jahre hat sich Ursula Kramm Konowalow entwickelt. „Je älter man wird, umso mehr kommen die drängenden Probleme hoch, auch die aus der Kindheit.“ Ihre frühen Texte haben eine „unbefangene Wahrhaftigkeit“, sagt sie. Erst mit 40 oder 50 Jahren habe man aber die Fähigkeit, das ausdrücken zu können, was man will. Ihre wohl neueste Erkenntnis: „Ein Gedicht ist wie ein Traum, im Traum ist alles möglich.“

Von Beate Vogel

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