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Vehlow: Deutschkurs im Wohnzimmer

Pensionierte Lehrerin gibt Unterricht Vehlow: Deutschkurs im Wohnzimmer

Zweimal in der Woche trifft sich die pensionierte Deutsch- und Russischlehrerin Ella Ziehl aus Vehlow mit Flüchtlingen aus dem Wohnblock in Vehlow zum Deutschunterricht. Die erste Stunde war Ende September. Mittlerweile können sich die jungen Männer schon gut verständigen. Die 74-Jährige hat sich extra Unterrichtsmaterialien besorgt.

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Ella Ziehl unterrichtet zweimal in der Woche Deutsch. Dank ihrer Initiative klappt die Verständigung schon gut.

Quelle: Sandra Bels

Vehlow. Ich heiße Kasem und komme aus Syrien. Das ist das Erste, was der 31-Jährige bei Ella Ziehl gelernt hat auf Deutsch zu sagen. Bitte und Danke, Guten Tag! und Wie geht’s? kamen dazu. Kasem ist einer von zwölf Flüchtlingen, die in Vehlow im Neubau wohnen. Sie kommen aus Syrien, Palästina und Pakistan. Dank der 74-jährigen pensionierten Deutsch- und Russischlehrerin können sie sich ein paar Wochen nach ihrer Ankunft in Deutschland verständigen. Ella Ziehl unterrichtet sie seit dem 30. September zweimal pro Woche in einer Wohnung.

Sie hat sich dafür von früheren Kollegen Materialien besorgen lassen. Es ist ein Deutschkurs für Asylbewerber. „Für die Uhrzeiten habe ich eine Uhr gebastelt“, erzählt die Seniorin. Tage, Farben und Zahlen sind für die Männer kein Problem mehr. Ella Ziehl hat sich Arbeitsblätter zusammengestellt. Dazu bekam jeder Schüler einen Hefter, in dem er sie zusammenträgt.

Ortsvorsteher Roger Popp und Christiane Wettstaedt vom Ortsbeirat waren an Ella Ziehl herangetreten mit der Bitte, den Flüchtlingen beim Deutschlernen zu helfen. „Sie müssen sich doch verständigen können“, sagten die beiden. Ella Ziehl sah das genauso. Sie hatte ohnehin schon einen guten Kontakt zu den neuen Mitbewohnern. So entwarf sie die ersten Unterrichtspläne.

In der Heimat als Informatiker gearbeitet

Dank ihr kann Kasem auf Deutsch erzählen, dass er 31 Jahre alt ist, eine Frau und drei Kinder hat, die aber noch in Dubai sind. Der Vater flüchtete am 17. Juli mit dem Boot aus Syrien, kam in Eisenhüttenstadt an und über Frankfurt (Oder) und Schönefeld nach Vehlow. In seiner Heimat war er als Informatiker tätig. Das möchte er auch in Deutschland machen. „Aber erst muss ich mein Deutsch verbessern“, sagt der 31-Jährige, der gut Englisch spricht. Er verpasst kaum eine Stunde bei Ella Ziehl.

Zwei der Männer haben Familie. Einer spricht Russisch. Die pensionierte Lehrerin ist nicht die Einzige, die sich um die Flüchtlinge kümmert. „Wir stehen im täglichen Kontakt“, sagt Ella Ziehl. So fahren beispielsweise Willi und Anne Zabel mit den Männern einkaufen oder zum Arzt. Die Liste der Helfer ist lang. Eichelbaums spendierten einen Fernseher, aus dem Haushalt Zerbe kam ein Fahrrad. Familie Kalließ lädt die Männer regelmäßig zu sich ein zum Essen und hilft auch ansonsten, wo sie kann. „Von überall kam etwas“, sagt Ella Ziehl. Der ganze Ort habe sich eingebracht. Auch Barenthiner und Kolreper sind dabei.

„Es ist ein Geben und Nehmen“, so Ella Ziehl. Probleme mit der Mülltrennung, wie sie es von anderswo erfahren hat, gebe es in Vehlow nicht. Auch die Hausordnung werde eingehalten. Und wenn die Männer bei der Straßenreinigung an der Reihe sind, schwingen sie unaufgefordert Besen, Harke und Laubkratzer. „Sie sind sowieso sehr hilfsbereit“, sagt die 74-Jährige. Ihr den Einkauf in die Wohnung zu tragen, sei für die jungen Männer selbstverständlich. Gegenseitige Einladungen sind Ehrensache.

Ein Flüchtling muss dringend zum Facharzt

Was sich die Hausgemeinschaft jedoch wünscht, das ist ein wenig mehr Engagement von der Gemeindeverwaltung in Gumtow und den zuständigen Sozialarbeitern. Ein Flüchtling aus Palästina zum Beispiel müsste dringend zum Facharzt wegen seiner Blutwerte. Das ergab ein Arztbesuch in Gumtow. Für die Hausgemeinschaft klar eine Aufgabe, die ein Sozialarbeiter übernehmen müsste. „Aber sie sind eher selten vor Ort“, so die Beobachtung der Mitbewohner. Genügend telefonische Hinweise hätten sie gegeben.

Die Betreuung der Flüchtlinge in der Prignitz hat die Arbeiterwohlfahrt (Awo) übernommen. „Wir als Gemeinde haben regelmäßigen Kontakt zu den Betreuern“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde Gumtow, Stefan Freimark. Er selbst sei zusammen mit Hauptamtsleiter Detlef Störing in Vehlow gewesen und habe sich ein Bild von der Situation vor Ort gemacht. „Die Gemeinde hat außerdem Arbeitsmöglichkeiten für die Flüchtlinge angeboten“, so Freimark. Es handelt sich dabei um Ein-Euro-Jobs.

Hilfe brauchen die Neu-Vehlower nicht nur bei Arztbesuchen. Kürzlich erhielten sie Post von der GEZ. Ein Formular war auszufüllen. „Allein hätten sie das niemals machen können“, sagt Ella Ziehl. Sie sei selbst damit überfordert gewesen und sprach unter anderem deshalb bei der Gemeindeverwaltung vor. Außerdem hatte sie beim Fernsehsender ARD angerufen, um sich zu erkundigen, wie mit den Schreiben zu verfahren ist. Das ist nur eine von vielen Situationen im Alltag, bei denen Hilfe dringend benötigt wird.

Die Flüchtlinge revanchieren sich dafür bei den Vehlowern. So haben sie zum Beispiel bei den Arbeiten in der Turnhalle kräftig mit angepackt – und das gleich an mehreren Tagen. Das Herbstfeuer im Ort ließen sie sich auch nicht entgehen. Die Feuerwehr stellte ihnen sogar einen eigenen Grill zur Verfügung, auf dem Putenfleisch gegrillt werden konnte. „Verständigt haben wir uns mit Händen und Füßen, Englisch und Deutsch, und es hat funktioniert“, sagt Siegmund Wolf von der Feuerwehr.

Bei der Straßenreinigung packen die Neu-Vehlower gern mit an

Bei der Straßenreinigung packen die Neu-Vehlower gern mit an.

Quelle: Sandra Bels

Von Sandra Bels

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