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Versuchsfeld für eine Wirtschaft ohne Wachstum

Akademie für Suffizienz in Reckenthin Versuchsfeld für eine Wirtschaft ohne Wachstum

Aus Wohlstandsmüll wird Baumaterial, ja eine ganze Einrichtung – alles wird wiederverwendet. Das gilt auch für die Seminarräume in der Akademie für Suffizienz. Außen wiederum ist eine Kompost-Toilette errichtet worden. Im Kleinen fangen die Betreiber der Akademie an, nachhaltig und ressourcenschonend zu wirtschaften. Der Gedanken wollen sie in die Mitte der Gesellschaft tragen.

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Die Akademie für Suffizienz in Reckenthin

Quelle: Bernd Atzenroth

Reckenthin. Noch ist viel zu tun in dem Anwesen am Groß Pankower Weg in Reckenthin (Gemeinde Groß Pankow). „Wir sind noch im Zustand der Baustelle“, sagt Corinna Vosse. Sie und Matthias Finck sind gerade dabei, am Vorderhaus ein Dach abzudichten. Dieter Haselbach sägt derweil gerade Holz zurecht. Damit beheizt er den kleinen Ofen. Den Holundersaft darauf hat er selbst produziert. So ist es mit allem auf dem Gelände der Akademie für Suffizienz: Selbstversorgung zu praktizieren, ist eine ihrer Grundideen.

Im hinteren Gebäudeteil befindet sich ein noch etwas provisorisch wirkender Seminarraum. Unter dem Dachstuhl gibt es eingebaute Schlafgelegenheiten. Nebenan im ersten Stock stößt man auf eine Zwischenwand – alte Hinweistafeln oder Wandelemente, die dereinst bei der ITB in Berlin benötigt wurden. Die Türen in dieser Wand sind noch weit älter und mit aufgesetzten Holzstücken für den Durchgang passend gemacht. Es ist bereits vieles erneuert worden, aber nichts in diesen Räumen ist einfach neu. Es handelt sich, wie Corinna Vosse erklärt, um „Wohlstandsmüll“, der einer neuen Verwendung zugeführt worden ist. Das gilt im Grunde für alles, auch für die Stühle im Seminarraum.

Das alles ist aber auch so etwas wie der Praxisteil in der Akademie für Suffizienz, die es bereits seit drei Jahren gibt. Mit dem Begriff Suffizienz, der aus dem Lateinischen von dem Verb sufficere (ausreichen) kommt, dürfte der Laie nicht allzu viel anfangen können. Nur so viel zunächst: Es handelt sich um einen ökologisch orientierten Ansatz für ein anderes wirtschaftliches Leitbild, das ein Gegenmodell zur derzeitigen Ökonomie ist. Grundanliegen der Akademie ist es, Formen von Produktion und Konsum zu erproben, die nicht auf dem wachsenden Verbrauch materieller Ressourcen basieren. „Wir wollen anders wertschöpten, verteilen, tauschen, konsumieren“, lassen die Macher auf ihrer Webseite wissen. Nachhaltiges Wirtschaften wollen sie praktizieren und so die Idee der Suffizienz für andere erlebbar machen. Angestrebt wird eine Wirtschaftsweise, bei der nicht weiter sinnlos Energie und fossile Brennstoffe verballert werden, sondern in der Wirtschaft wieder regionalisiert wird – eine Form von Ökonomie, die weggeht vom hemmungslosen Konsum, und die wieder Bewusstsein schafft für den Aufwand und die Arbeit, die in einem Konsumgut steckt. Das bedeutet auch: kurze Produktionsketten ohne Umwege über ganz Deutschland oder sogar die ganze Welt – und Selbstversorgung. Wer den Grundgedanken zu Ende denkt, wird schnell feststellen, dass dies Auswirkungen auf die gesamte Lebensweise hat und komplettes Umdenken bedeutet.

Corinna Vosse und ihre Mitstreiter haben den Gedanken für sich sehr weit entwickelt und praktizieren ihn in Reckenthin. Dabei soll dies kein individuelles Lebensprojekt bleiben, sondern darüber hinauswirken. „Unser zentrales Anliegen ist es, wie man die Prinzipien einer Wirtschaft ohne Wachstum in die Mitte der Gesellschaft bringt“, erklärt Corinna Vosse. Das war auch das Thema einer Sommerakademie Anfang September. „Nutzen, was da ist – Regionale Wertschöpfung praktizieren und vermitteln“ lautete dann der Titel einer ganztägigen Veranstaltung vor knapp zwei Wochen. In Selbstbauworkshops sollen die Teilnehmer Materialien und Möglichkeiten nutzen, die hier vor Ort sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Praxis-Workshop zum Bau einer Kompost-Toilette, die auf dem Hinterhof zu bewundern ist – eine Toilettenform, die als ökologische Alternative zu Dixi-Klos auch schon auf Festivals eingesetzt wird.

Corinna Vosse hat viel in der Umweltbildung gearbeitet und ist promovierte Soziologin. Den Doktortitel hat sie vor acht Jahren erworben, auch ihre Mitstreiter haben einen Hochschulhintergrund, Dieter Haselbach ist Professor für Soziologie. Die Akademie für Suffizienz arbeitet zudem zusammen mit der Vereinigung für ökologische Ökonomie. Ausgerichtet hat die Akademie im vergangenen Jahr auch schon einmal ein Regionaltreffen von sogenannten Repair-Cafés.

Warum aber gerade Recken-thin? „Dieses Dorf ist sehr ruhig, hier gibt es keine Ablenkung“, sagt Corinna Vosse. 2008 haben Corinna Vosse, Dieter Haselbach und Matthias Finck das Gelände erworben. Freunde haben sie damals auf das Objekt aufmerksam gemacht. 2012 gründeten sie dann die Akademie. „Im Dorf gibt es die grundsätzliche Bereitschaft, das in Ordnung zu finden“, hat Corinna Vosse erfahren, „hier ziehen ja alle weg – wenn dann noch jemand hierhin kommt, wird das begrüßt.“

Mehr Informationen über die Akademie für Suffizienz findet man im Internet unter www.akademie-suffizienz.de.

Von Bernd Atzenroth

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