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Von einem, der sich verweigerte

Lenzen Von einem, der sich verweigerte

Das Glindower Wandertheater „Ton und Kirschen“ zeigte im Lenzener Burggarten „Bartleby, der Schreiber“. Im merkwürdig-tragischen Stück voller Fragen und Rätsel bleibt Bartleby bis zuletzt ein Geheimnis.

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Alles ist in Panik, nur Bartleby (2.v.r.) bleibt stoisch-gelassen wie aus Stein gemeißelt.

Quelle: Kerstin Beck

Lenzen. Am Freitagabend regnete es im Lenzener Burggarten Bindfäden, aber passender hätte das Wetter zu dem diesjährigen Stück des Glindower Wandertheaters „Ton und Kirschen“ gar nicht sein können. Denn kein Lustspiel wurde gezeigt und keine scherzhafte Komödie, sondern, wie es das Publikum längst kennt und auch erwartet, ein merkwürdig-tragisches Stück voller Fragen und Rätsel.

„Bartleby, der Schreiber“, so vermittelt es ein „Anwalt“ in retrospektiver Form via altmodischer Tonbandaufzeichnung, war einst der neu hinzugekommene Mitarbeiter in dessen in der New Yorker Wallstreet sich befindlichen Kanzlei. Und plötzlich ist man mittendrin im durch den in der Ich-Form des Juristen kommentierten Geschehen: vier Mitarbeiter in einem freud- und fensterlosen Büro des 19. Jahrhunderts, beschäftigt mit dem Schreiben und Kopieren von Briefen sowie allerlei im Betrieb anfallenden Arbeiten.

Bis eines Tages vom Chef mit der Durchsicht einiger Akten beauftragt Bartleby sich verweigert: „Ich möchte lieber nicht!“

Nach dem Auszug der Kanzlei bleibt der bedürfnislos Geheimnisvolle im Treppenhaus

Nach dem Auszug der Kanzlei bleibt der bedürfnislos Geheimnisvolle im Treppenhaus.

Quelle: Kerstin Beck

Und nichts hilft: kein Zureden, kein Aufmuntern, kein Einschüchtern, keine Drohungen, kein „Rausschmiss“. Und der Schreiber, der keine Vergangenheit und keine Zukunft zu haben scheint, so stellt es sich bald heraus, kennt auch weder Pausenzeiten, noch Feierabend, noch ein Wochenende. Unermüdlich sitzt er vor seinem antiquierten Tisch, schreibt gefühl- und freudlos vor sich hin und verweigert sich: „Ich möchte lieber nicht!“ Und wenn alles um ihn herum in Panik gerät, steht der bedürfnislose Rätselvolle mit seinem stoischen Blick im wie aus Stein gemeißelt im Raum und beharrt: „Ich möchte lieber nicht!“

Da bleibt dann nur eines übrig: dass die Kanzlei selbst auszieht. Bartleby jedoch bleibt – mit seiner „erbaulichen Sanftheit, die mich meiner Willenskraft beraubt“ – so der „Chef“. Doch der Nachnutzer, ein anderer Jurist, fackelt nicht lange. Mit Gewalt wird der schweigsame mechanistisch agierende Schreiber durch die Polizei weggebracht - in das Gefängnis „The Tombs“. Und „die Gräber“ werden – aufgrund seiner beharrlichen Lebensverweigerung – dann selbst das Grab für ihn. „Ach Bartleby, ach Menschheit!“, konstatiert der Anwalt am Ende.

„Der Schreiber bleibt bis zuletzt ein Geheimnis“, meinte ein Besucher nach dem stürmischen Applaus der vielen Gäste. Doch ein bisschen Hintergrundwissen scheint dieses lüften zu können. Während der Arbeit an seinem ersten Roman „Moby Dick“ soll Autor Hermann Melville sich selbst in einer ähnlichen Lage gesehen haben wie Bartleby und danach mit dieser Figur seine Enttäuschung über den kommerzialisierten Kulturbetrieb in einer entfremdeten Gesellschaft Ausdruck verliehen haben.

Bartleby (l) weigert sich

Bartleby (l.) weigert sich: „Ich möchte lieber nicht!“

Quelle: Kerstin Beck

Extra für dieses von „Ton und Kirschen“ exzellent arrangierte Stück wurde der 42-jährige italienische Schauspieler Stefano Amori engagiert, der mit seinem markant in Szene gesetzten ins Leere gehenden noch leererem Blick die ideale Verkörperung Bartlebys darstellt. Ihm zur Seite steht ein genial-kreatives Team: die beiden künstlerischen Leiter des Theaters Margarete Biereye und David Johnston sowie die Vollblutschauspieler Victor Cuevas, Régis Gergouin, Rob Wyn Jones und der unverwechselbare Nelson Leon. Die gleichermaßen sparsam eingesetzten wie beeindruckenden Kulissen sind Daisy Watkins Werk - so wie man sie nur in ganz großem Theaterstil zu sehen bekommt. Ergänzt wird die Aufführung treffend durch - ebenso sparsam eingesetzte - Musik des US-amerikanischen Komponisten Philip Glass.

Wer dieses brillant umgesetzte Stück verpasst hat, kann es noch vom 16. bis 18. August in Potsdam auf dem Pfingstberg sowie vom 23. bis zum 28. August in der Berliner ufa-Fabrik, jeweils ab 20 Uhr, sehen.

Von Kerstin Beck

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