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Prignitz Was bleibt, ist Amor
Lokales Prignitz Was bleibt, ist Amor
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18:45 14.08.2016
Kein anderer als Amor selbst saust gegen Ende des Stückes über die Köpfe der Zuschauer. Quelle: Kerstin Beck
Putlitz / Lenzen

Shakespeares Sonette: Nach der Bibel ist der 1609 in London erschienene Band mit 154 Gedichten das zweithäufigste ins Deutsche übertragene Werk - etwa 300 Übersetzer haben sich seit dem 18. Jahrhundert mit dem Gedichtbüchlein und seinen geheimnisvollen Versen befasst, von denen nicht bekannt ist, ob sich hinter den Strophen zeitgenössische Personen und Ereignisse aus der unbekannten Biografie des Verfassers - oder lediglich reine Fiktionen verbergen.

Wie auch immer - das Wandertheater „Ton und Kirschen“ hat sich an diesen rätselhaften Stoff herangewagt. „Shakespeares Sonette“, bereits uraufgeführt im Oktober vergangenen Jahres in der Potsdamer Fabrik, wurde nach einer erfolgreichen Frankreich-Tournee nun innerhalb des Prignitzsommers am Wochenende auch in Lenzen und Putlitz inszeniert.

In erster Linie gab es da zu hören - auf Altenglisch, Deutsch und Spanisch, gesprochen, geflüstert, geschrien und gesungen eine Auswahl von 36 Sonetten, bei denen es sich, und wie sollte es auch anders sein, um die Liebe dreht. Aber nicht nur um die zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Mann und Mann. Und um darin eingeschlossene und sich auf der Bühne regelrecht Bahn brechende Gefühle wie Hochmut, Übermut, Eifersucht, Missgunst und Angst. Angst vor Zurückweisung, vor dem Ende der Liebe, vor Einsamkeit und dem Ende des Lebens selbst. Eingebettet in Wasserrauschen, Sturmeswehen und Donnergrollen dazu Jazz, Rock, Volksmusik, Tango und - leise elisabethanische Flötenklänge, exzellent komponiert und umgesetzt durch Steve Johnston. Dessen Bruder und künstlerischer Leiter, David Johnston, die künstlerische Leiterin Margarete Biereye, sowie Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, Rob Wyn Jones, Nelson Leon sowie Daisy Watkiss, deren atemberaubend schöne Puppenkreationen den Zuschauer regelrecht tief berührten, standen, liefen, schritten, tippelten, hasteten und tanzten dabei über die Bühne. In genialer Form wurden damit die Gedichte innerhalb der einstündigen Vorführung umgesetzt und symbolhaft zum Leben erweckt.

Der junge Mann wird zum Greis

Vor einem Riesentor mit Seilen, die natürlich im Laufe des Stückes zu allem Möglichen werden, kniet ein junger Mann. Die Zeit, in Form eines auf ihn hinabrieselnden Wassers aus feinem Sand, lässt ihn als Greis wieder aufstehen. Ein anderer Mann auf einer Wippe – sie zeigt das Auf und Ab des Lebens.

Ein rollatorfahrender Mummelgreis, überleitend zu einer Szene mit einer dementen Alten, „die Zeit zerfetzt der Jugend buntes Kleid“, - die durch den leidenschaftlichen Tanz mit einem Burschen wieder verjüngt wird.

Und gleich daneben eine von Amors Pfeil tödlich durchbohrte Schöne: Reflexion der eigenen Jugend, die schon so lange vorbei ist. Als man jung und attraktiv, wie die hübsche Sängerin, die plötzlich vor dem Publikum steht, den Herren des Abends den Kopf verdreht hat. Und dann merkt man ihn plötzlich, den gefangenen Geist, für den der - und hier mit einem Seil gefesselte - gealterte Körper nur noch eine Last ist. Und Ausbrechen geht nicht, denn letztlich ist alles in den Seilen des Tores gefangen.

Was bleibt, ist die Liebe

Und überhaupt die Zeit: Sie ist eine alte Frau mit einem skelettweißen Kopf, die unvermittelt da ist, „und über all der seltnen Herrlichkeit hör’ ich bereits des Todes Sense klirrn“, zuletzt den feinen Sand aus der Lebensuhr zu Boden schüttend.

Doch was bleibt, ist die Liebe: Kein anderer als Amor selbst saust gegen Ende des Stückes - und hinter ihm eine schwingende Lampe wie ein ewiges Zeit-Perpendikel hinter sich lassend - über die Köpfe der Zuschauer.

„Einfach großartig, und zwar alles!“ war die einhellige Meinung der Zuschauer, die den geistreich-genialen Shakespeareschen Einakter an dessen Ende mit einem begeisterten Applaus belohnten.

Von Kerstin Beck

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