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Wenn Hilfe auf Augenhöhe stattfindet

Zootzen Wenn Hilfe auf Augenhöhe stattfindet

Es ist für Alkoholiker schon ein gewaltiger Schritt, eine Entziehungskur zu machen. Und was danach? Damit Patienten nach der Entgiftung nicht wieder in alte Muster zurückfallen und wieder zu trinken beginnen, kümmern sich Ehrenamtliche um deren Eingliederung in eine Selbsthilfegruppe. Einer dieser Lotsen ist Jürgen Kontak aus Zootzen. Er ist seit 24 Jahren trocken.

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Der Herr der Bienen

Jürgen Kontak bemüht sich, weitere Lotsen in der Region für das Netzwerk zu gewinnen.

Quelle: Christian Bark

Zootzen. Den ersten Anlass zum Trinken hatte Jürgen Kontak vor über 45 Jahren, als er auf seiner Jugendweihe mit den Verwandten anstoßen durfte. Während seiner Lehre schaute der Zootzener dann immer öfter und immer tiefer ins Glas. „Die Langeweile in der Freizeit zog mich in Kneipen und Tanzlokale“, erinnert sich der 61-Jährige. Der häufige Alkoholgenuss wurde auch nicht weniger, als Kontak schon berufstätig und verheirateter Familienvater war. „Am Wochenende habe ich viel mit Bekannten getrunken“, sagt er. Ab Freitagmittag habe er es kaum erwarten können, endlich zur Flasche greifen zu dürfen.

Doch dann bekam Kontak die Kurve, stellte für sich selbst fest, dass es so nicht weitergehen konnte. „Ich habe mich für eine Entgiftung entschieden“, berichtet er. Über sein Problem habe er zuvor offen mit seiner Familie und dem Arbeitgeber gesprochen. Das war vor 24 Jahren, seitdem ist Kontak trocken, wie er sagt. „Wahrscheinlich auch, weil ich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe gefunden habe“, erklärt er. Dieser stehe er seit einigen Jahren nun vor, helfe Leuten, denen es ähnlich schlecht oder noch schlechter als ihm selbst ergangen sei.

Auf der Brandenburgkarte ist die Prignitz in Sachen Lotsen noch ein weißer Fleck

Auf der Brandenburgkarte ist die Prignitz in Sachen Lotsen noch ein weißer Fleck.

Quelle: Christian Bark

Die Statistik spricht Kontak zufolge für eine solche Selbsthilfegruppe. Die Rückfallquote liege bei Menschen, die nach der Entgiftung keine fortwährende Hilfe in Anspruch nehmen, bei 80 Prozent. Dagegen würden von Alkoholikern, die in einer Selbsthilfegruppe Rat und Unterstützung suchten, nur 30 Prozent rückfällig. „Es ist keine Schande, der Sucht danach wieder zu verfallen“, erklärt Kontak. Dann sei die Gruppe dafür da, denjenigen wieder aufzufangen und erneut beim Entzug zu unterstützen. Zudem biete sie auch einen sozialen Ersatzanlaufpunkt. „Denn die alten Saufkumpels wenden sich ganz schnell von dir ab, wenn du trocken bist“, berichtet Jürgen Kontak aus Erfahrung.

Weil der Austausch mit Leidensgenossen, gerade nach einer Entgiftung so wichtig ist, engagiert sich Kontak seit neun Jahren im Lotsennetzwerk Brandenburg. Das wurde 2007 als bundesweit erstes seiner Art ins Leben gerufen. „Für uns sind Menschen tätig, die eigene Erfahrungen mit der Suchterkrankung und deren stabilen Bewältigung haben“, erklärt Netzwerkskoordinatorin Friederike Neugebauer.

Lotsen müssen bestimmte Voraussetzungen mitbringen

Wer Lotse werden wolle, müsse mindestens zwei Jahre abstinent leben oder ein enger Angehöriger von Suchtkranken sein. Durch das ehrenamtliche Engagement der Lotsen sollen Betroffene möglichst frühzeitig erreicht und persönlich begleitet werden.

Der große Vorteil gegenüber anderen Hilfsangeboten ist eben die Tatsache, dass die Lotsen Ähnliches wie die Patienten durchgemacht haben. „So kommen wir leichter an die Leute ran“, erklärt Jürgen Kontak. Vom Netzwerk selbst würden die Lotsen mit Fortbildungen und Informationsmaterial unterstützt werden. Neben Jürgen Kontak gibt es neuerdings auch eine Lotsin im Wittstocker Raum. „Lediglich in der Prignitz sind wir derzeit auf der Suche nach Lotsen“, informiert Kontak. Dazu sei das Netzwerk bereits mit Selbsthilfegruppen in Pritzwalk, Wittenberge und Perleberg in Kontakt getreten.

Alkoholismus noch immer ein Tabuthema

Intensiven Kontakt hält das Netzwerk seit einigen Monaten auch mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Kreiskrankenhaus in Perleberg. Einmal im Monat stellt sich das Netzwerk dort vor. „Damit wollen wir unsere Patienten dazu ermuntern, Hilfe nach der Therapie zu suchen“, erklärt Chefarzt Andres Neuhaus das Konzept. Dann zeige sich schon, welche Patienten sich für die Lotsen interessieren und welche nicht. „Das Netzwerk leistet eine gute Ergänzung zu unserer Nachsorgearbeit“, lobt Neuhaus. Die Zusammenarbeit könne sicher noch intensiver funktionieren, wenn sich auch in der Prignitz erste Lotsen finden würden.

Die Lotsenarbeit sei besonders von Seiten der Sozialarbeiter zunächst skeptisch beäugt worden, wie Jürgen Kontak berichtet. Mittlerweile würden die Lotsen jedoch als Kooperationspartner wahrgenommen. So viel Einsicht mit Blick auf die Krankheit Alkoholismus wünscht sich Kontak auch für die Gesellschaft. „Es kann jeden treffen“, sagt er. Wichtig sei dann nur, offen damit umgehen zu können.

Weitere Informationen zum Netzwerk hier.

Von Christian Bark

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