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Prignitz Wenn die Schwangerschaft zum Problem wird
Lokales Prignitz Wenn die Schwangerschaft zum Problem wird
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00:27 16.11.2015
Das Pro-Familia-Team trifft sich in Wittenberge: Birgit Granowski, Janet Paarmann, Christine Gaertner und Andrea Exner (v.l.). Quelle: Beate Vogel
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Wittenberge

Wenn Ratsuchende zu den Mitarbeiterinnen von Pro Familia in Wittenberge kommen, dann bekommen sie Hilfsangebote. Nicht mehr und nicht weniger. Das gilt für Familien auf der Suche nach finanzieller Unterstützung ebenso wie für Paare mit Beziehungsproblemen oder Frauen, die ungewollt schwanger sind. „Die Frauen entscheiden, nicht wir“, betont Birgit Granowski, die Leiterin der Pro Familia Beratungsstelle in Wittenberge. Sie und ihre Kolleginnen bieten für den Landkreis Prignitz unter anderem die gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung an.

Erwischen kann es jede, sagt die Diplompsychologin über ungewollte Schwangerschaften: „Es gibt keine 100-prozentige Verhütung.“ Die Pille kann versagen, ein Kondom kann verrutschen. Manchmal kann eine solche Schwangerschaft die Betroffenen in eine echte Krise stürzen: „Ein Beispiel: Eine Frau war ganz lange arbeitslos und hat eben eine Stelle angetreten, für die sie einen befristeten Arbeitsvertrag hat“, erklärt Birgit Granowski. Oder ein junges Mädchen hat gerade mit der Ausbildung begonnen.

Betrachtet man die Gründe für eine solche Entscheidung, lässt sich laut Birgit Granowski Folgendes feststellen: An erster Stelle steht die körperliche oder psychische Überforderung, etwa wenn schon kleine Kinder da sind. An zweiter Stelle kommt die berufliche Situation. Den drittgrößten Teil der betroffenen Frauen machen laut Birgit Granowski auch jene aus, die ihre Familienplanung abgeschlossen, schon zwei oder drei Kinder haben. Viertens schließlich gibt es partnerschaftliche Gründe. „Die Gründe für eine ungewollte Schwangerschaft sind so bunt wie das Leben“, so die Erfahrungen der Beraterin.

Vor einem Abbruch müssen Frauen laut Gesetz bei einer anerkannten Beratungsstelle die Schwangerschaftskonfliktberatung wahrnehmen. Eine solche ist die Pro Familia Beratungsstelle in Wittenberge. „Wir sind seit 2013 die einzige im Landkreis Prignitz, nachdem die kommunalen Stellen aufgelöst wurden.“ Bei Pro Familia werden die Besucher zunächst von Andrea Exner begrüßt. Neben Birgit Granowski, die auch analytische Paar- und Sexualberaterin ist, stehen Diplom-Sozialpädagogin Janet Paarmann und in der Außenstelle in Perleberg auch zweimal pro Woche Diplom-Pädagogin Christine Gaertner für Gespräche zur Verfügung. Diese sind streng vertraulich und als Hilfsangebot zu verstehen. Auf Wunsch kann das Gespräch auch anonym ablaufen. 100 Gespräche haben die Mitarbeiterinnen von Pro Familia Wittenberge bis zum Stichtag 9. November in diesem Jahr bereits geführt, weiß Birgit Granowski. Meist werden es zwischen 120 und 130 im Jahr.

Die Frauen, die in die Beratungsstelle kommen, haben entweder selbst einen chwangerschaftstest gemacht oder waren bei ihrem Arzt. „Manche sind, wenn sie kommen, schon ganz klar in ihrer Entscheidung“, erzählt die Beraterin. Andere wackeln noch. „Dann sage ich manchmal, wenn ich merke, die Frau tendiert zum Kind, zählt aber Gründe für einen Abbruch auf: Wollen Sie mich überzeugen oder sich selbst?“ Die Beraterinnen wollen, dass die Frauen ohne Last wieder gehen – egal, wie die Entscheidung ausgefallen ist. „Manchmal kullern Tränen.“ Die Mitarbeiterinnen von Pro Familia zeigen ihnen Möglichkeiten auf, erklären die Hilfsangebote, auch finanzieller Art. Wenn die Betreffenden sich für den Abbruch entscheiden, sei das auch ok. „Die moralische Keule steht uns gar nicht zu“, betont Birgit Granowski. Sie sei bemüht, die Frauen in der Beratung zu entlasten, unabhängig davon, wie sie sich entscheiden.

Nicht immer werde die Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung in oder gleich nach dem Gespräch gefällt, erzählt die Beraterin. „Die Frauen können zu jedem Zeitpunkt ihre Meinung ändern, sogar, wenn sie schon auf dem OP-Tisch liegen, mit der Narkosekanüle im Handrücken.“ Das klingt überspitzt, kommt aber vor. So stimmt die Zahl der Schwangerschaftskonfliktberatungen nicht zwangsläufig mit der der Abbrüche überein.

Betroffene Frauen meist ledig

Den Schwangerschaftsabbruch regelt in Deutschland der § 218 des Strafgesetzbuches. Verlangt die Schwangere den Abbruch und kann nachweisen, dass sie an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen hat, ist dieser innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Befruchtung zulässig. Ist die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung, gilt die gleiche Frist. Bei Gefahr für Leib und Leben der Frau ist die Abtreibung erlaubt – ohne eine zeitliche Frist.

Die Schwangerschaftskonfliktberatung bietet im Landkreis Ostprignitz-Ruppin das IBZ Informations- und Beratungszentrum Neuruppin,  03877/ 7 07 82, E-Mail wittenberge@profamilia, diesen Dienst vor.

3170 Abtreibungen wurden 2014 im Land registriert. Die meisten Betroffenen waren 25 bis 30 Jahre alt. 2050 der Frauen waren ledig, 1012 verheiratet, 14 waren verwitwet, 94 geschieden. Erfasst werden die Fälle anonym über Arztpraxen und Krankenhäuser.

Es kommt vor, dass Birgit Granowski die Frauen später wiedersieht – in der Schwangerenberatung. Über Pro Familia können die werdenden Mütter finanzielle Hilfen für Mutter und Kind beantragen, etwa für Babyausstattung oder Umstandskleidung. Finanziert wird dies über eine Stiftung. 219 solcher Anträge haben die Mitarbeiterinnen 2014 erfolgreich bearbeitet. Auch ein Zuschuss für Familien in Not oder für Härtefälle sei möglich.

Pro Familia hat über die Schwangerschaftskonfliktberatung hinaus, die eher einen kleinen Teil der Arbeit ausmacht, viele weitere Angebote parat: Ein wichtiger, wenn auch recht neuer Bereich innerhalb der Schwangerenberatung ist die Beratung zur vertraulichen Geburt. Paarberatung, Sexualberatung für Kinder und Jugendliche, Schwangerenberatung, Familienplanung sind weitere Bereiche. Kollegin Janet Paarmann zum Beispiel bietet die speziellen Baby-Kurse an. Birgit Granowski selbst sieht sich vor allem als Fachfrau für Paarberatungen. Wichtig sei den Mitarbeiterinnen in jedem Fall, dass die Betroffenen – ob nun ungewollt schwangere Frauen oder Paare mit Beziehungsproblemen – mit gemeinsam erarbeiteten Alternativen nach Hause gehen, die ihnen helfen.

Von Beate Vogel

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