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Wie die Westprignitz Wachstumskern wurde

Mit einem Hausboot fing alles an Wie die Westprignitz Wachstumskern wurde

Vor zehn Jahren wurde der Wachstumskern Perleberg–Wittenberge–Karstädt sozusagen eingepflanzt. Mit Riesenaufwand holten Perleberger Akteure das Hausboot von Countrysänger Gunter Gabriel in die Prignitz und gewannen den damaligen Innenminister Jörg Schönbohm als Schirmherrn. Kurz darauf erklärte das Kabinett die West-Prignitz zum Fördergebiet.

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Riesenshow für den Wachstumskern in Perleberg: Gunter Gabriel (2. v. l.) mit Manfred Herzberg, Sven Kyek, Jörg Schönbohm, Anita Tack und Hans Lange.

Quelle: Andreas König

Perleberg. Etwa alle zehn Jahre ändert sich in Brandenburg etwas grundlegend. Vor zehn Jahren verkündet der damalige Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) eine völlige Umstellung der Förderpolitik. Weg von der „Gießkanne“ hin zur gezielten Förderung. „Stärken stärken“ lautet das neue Zauberwort. In den berlinfernen Regionen macht sich die Angst breit. Wird die ohnehin wirtschaftsschwache Prignitz völlig von der Entwicklung abgehängt? Fließen Fördergelder nur noch in den ohnehin prosperierenden Speckgürtel?

Alle Hoffnungen der Region liegen in dem neuen Schlagwort „Wachstumskern“. Wem dieser Status zugebilligt wird, so heißt es, der bekommt die höchstmögliche Förderung. Aber wie will man die Landesregierung davon überzeugen, dass gerade die (West-)­Prignitz Wachstumskern werden soll?

Gunter Gabriels Hausboot auf dem Trockenen

Gunter Gabriels Hausboot auf dem Trockenen. Aus dem Jugendprojekt wurde nie etwas.

Quelle: Andreas König

Als Heilsbringer wird ausgerechnet Gunter Gabriel ins Spiel gebracht. Der Countrysänger (Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld) ist zu dieser Zeit pleite, und gerade im Osten hat er sich denkbar unbeliebt gemacht, als er in einem RTL-Magazin behauptet, nur noch der „dämliche Rest der Ostdeutschen lebt in den neuen Bundesländern“. Allerdings hat der gebürtige Westfale Gabriel kein Problem damit, vor Ossis aufzutreten, wenn der Preis stimmt. Bei einer Geburtstagsfeier des Perleberger Stahlbauunternehmers Sven Kyek hat Gabriel schon einmal in den 1990er Jahren gespielt. Gabriel kommt das Angebot aus der Prignitz gerade recht, er solle eines von zwei Hausbooten für Jugendarbeit zur Verfügung stellen.

Erstmals am 3. November 2005 sehen die Perleberger ungläubig staunend einen Mann mit Gitarre über den Großen Markt zum Rathaus stapfen. Er grüßt leutselig und verkündet mit dröhnendem Bass: „Eigentlich wollte ich mit meinem Hausboot ja von Hamburg nach Berlin fahren, aber nun bleib’ ich jetzt erst einmal in Perleberg“. Das Hausboot allerdings ist zu jener Zeit fahruntüchtig. Aber an Land kann es so gut wie nicht untergehen, und so läuft wahrhaftig eine Nacht-und Nebel-Aktion an. Von Hamburg aus wird das Boot von Jetbooten des Technischen Hilfswerks und der Feuerwehr Wittenberge an der Elbe angelandet. Unternehmer Kyeks Mitarbeiter, THW und Feuerwehr sowie viele Schaulustige verfolgen das Spektakel. Zur selben Zeit sitzen im Perleberger Hotel „Deutscher Kaiser“ alle möglichen Honoratioren, um das Ereignis zu verfolgen. Mangels Übertragungskapazität sind die entfernten Zuschauer auf Kurierfahrten der Perleberger Feuerwehr angewiesen. Wie die Hotelgäste auf die ersten Bilder des arg heruntergekommenen Hausbootes reagieren, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass Winfried Koch, damals Hersteller des Perleberger Senfs, Gunter Gabriels „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ am Flügel anstimmt. Im Halb-Stunden-Takt werden Videokassetten in das Hotel gebracht und den Vertretern aus Politik und Wirtschaft gezeigt. Das Hausboot soll zum Jugend–Musik-Treff aus- und umgebaut werden.

Wenig später liegt das Schiff unter einer rot-weißen Plane vor den Augen Neugieriger verborgen im Perleberger Verkehrsgarten vor Anker. Der damalige Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm erklärt sich bereit, die Schirmherrschaft über das Hausbootprojekt zu übenehmen. Die Organisatoren um Sven Kyek ziehen alle Register. Eine junge Mutter, die Perleberg in Richtung Berlin verlassen hatte, verspricht dem Minister ihre Rückkehr nach Perleberg, „weil ich hier unsere Zukunft sehe“. Der gewiefte Stratege Jörg Schönbohm hält sich immerhin eine Rückzugsoption offen. Er komme wieder, „wenn wir wissen, was mit dem Boot geschieht“, sagt er unter dem Beifall der Gäste.

Die Entscheidung fällt dann wenige Tage später: Am 22. November beschließt das Kabinett in Potsdam, 15 Wachstumskerne auszuweisen. Als 15. und letzter wird Perleberg–Wittenberge–Karstädt in den erlauchten Kreis aufgenommen. Das Ganze wird als „politische Entscheidung“ bezeichnet. Das Hausboot-Projekt zerschlägt sich. Erst wird es auf ein leerstehendes Kasernengelände geschleppt, dann taucht es bei Ebay zum Verkauf auf. Unternehmer Kyek will es für 30 000 Euro verkaufen, den Zuschlag erhält Bieter „Brummi300d“ für 605 Euro.

Was ist geblieben? Gunter Ga-briel ist mit Wohnzimmerkonzerten aus den Schulden gekommen, der damalige Bürgermeister Manfred Herzberg ist gestorben, sein Stellvertreter Hans Rothbauer per gerichtlichem Vergleich mit einer Abfindung aus der Stadtverwaltung ausgeschieden. Sven Kyek hat die Ereignisse aus seiner Sicht im Buch veröffentlicht. Der Wachstumskern Prignitz gilt als Erfolg. Das Boot ist verschrottet.

Von Andreas König

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