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Windräder werden für Seeadler zur Todesfalle

Vogelschlag durch Rotorblätter Windräder werden für Seeadler zur Todesfalle

In einem Prignitzer Windpark geraten immer wieder Greifvögel in die für sie tödlichen Rotorblätter. Erst kürzlich ist ein Seeadler den Windrädern zum Opfer gefallen. Tierschützer wollen etwas dagegen unternehmen. Das wird aber schwierig. Denn offizielle Zahlen zu dem Tierschlag gibt es nicht.

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Traurig: Angie Löblich hält den bei Porep tödlich verunglückten jungen Seeadler im Arm.

Quelle: Privat

Porep/Wittstock. Ein junger Seeadler hat jetzt seinen Ausflug durch den Windpark bei Porep mit dem Leben bezahlt. Angie und Uwe Löblich haben das tote Tier vor wenigen Tagen abends unter einer der rund 40 Anlagen im Windpark Porep-Jännersdorf gefunden, nachdem sie von Spaziergängern angerufen worden waren. Diese hatten den Greifvogel beim Spaziergang mit dem Hund entdeckt, berichten Löblichs. „Wir sind dann sofort hingefahren“, sagt Angie Löblich, die mit ihrem Mann in Struck bei Gerdshagen (Amt Meyenburg) eine Wildtierauffangstation betreibt.

Belegte Zahlen über die Opfer gibt es nicht

Eine seriöse Erhebung über die Entwicklung des Vogelschlages in den letzten Jahren gibt es nicht. Das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) führt eine „Zentrale Fundkartei über Anflugopfer an Windenergieanlagen (WEA)“. Was dort erfasst wird, „verfolgt keinen wissenschaftlichen Ansatz zur Datenerhebung“, heißt es auf der Internetseite des LUGV. Eine gezielte und flächenhafte Suche nach Anflugopfern wurde bisher nicht unternommen. Die Datenbank beinhaltet demnach vor allem Zufallsfunde. Nach Schätzungen des Naturschutzbundes verunglücken zwischen 10.000 und 150.000 Vögel pro Jahr an Windenergieanlagen. Die Studie stammt aus dem Jahr 2005.

Unter den seit 2002 eingegangenen Meldungen, die in einer Tabelle zusammengefasst wurden, führt der Mäusebussard das Feld der an WEA verunglückten Vogelarten in Deutschland an. Ihm folgen der Rotmilan, die Stockente, die Lachmöwe, die Ringeltaube und der Seeadler.

Der Naturschutzbund hat die Entscheidung der Bundesländer zur Freigabe des „Neuen Helgoländer Papiers“ im Mai dieses Jahres begrüßt.

Damit erhalten Windkraftplaner in Deutschland mehr Planungssicherheit bei der Anlage von WEA in der Nähe von sensiblen Vogelvorkommen. Im Papier geregelt sind Mindestabstände zwischen den Anlagen und seltenen Arten, wie etwa Schreiadlern, Rotmilanen oder Schwarzstörchen. Zu finden sind Informationen zu diesem Thema unter www.nabu.de.

Große Windräder drehen sich langsamer als kleine. Zum Beispiel dreht sich ein Riesenrotor mit 50 Meter langen Flügelblättern nur 18-mal in der Minute. Die Spitzen des Rotors erreichen allerdings dabei eine Geschwindigkeit von 340 Stundenkilometern. Ein kleiner Rotor mit 1,7 Meter langen Flügelblättern dreht sich dagegen 15-mal schneller. Bei ihm ist jedoch die Geschwindigkeit der Blattspitzen nur etwas mehr als halb so groß (Quelle: www.energiewelten.de).

Bei dem Vogel handelte es sich laut Angie Löblich um ein Jungtier von diesem Jahr: „Der rechte Flügel fehlte, der linke war mehrfach gebrochen. Innere Verletzungen waren ebenfalls vorhanden, da er aus dem Schnabel blutete.“ Auch beide Beine seien gebrochen gewesen. Das Ehepaar Löblich ist sicher: „Auch hier ist eindeutig, dass der junge Seeadler durch das Windrad tödlich verletzt wurde.“ Den abgetrennten Flügel haben die beiden am nächsten Tag etwa 70 Meter von der Anlage entfernt gefunden. Im August hatten die Tierschützer mehrere schwer verletzte Störche unter Windkraftanlagen aufgelesen, die mutmaßlich von Rotoren getroffen wurden. Das macht sie wütend: „Innerhalb weniger Wochen ist dies der vierte Fall im Landkreis Prignitz, in dem ein geschützter Vogel durch eine Windkraftanlage schwer verletzt, getötet oder verstümmelt wurde. Wir finden, das ist nicht mehr vertretbar.“ Nun überlegen die Löblichs, eine Bürgerinitiative zu gründen. Diese solle sich damit befassen, dass im Kreis keine weiteren Windräder mehr aufgestellt werden. Am Samstag wollen sie einen gesund gepflegten Rotmilan entlassen, der bei Lenzen in ein Windrad gekommen war.

Füchse oder Marder schnappen sich die Überreste verunglückter Tiere

Jürgen Kaatz, Hobbyornithologe aus Dranse, hat sich mit der Problematik des Vogelschlags beschäftigt: „Unter den Windrädern findet man nur etwa 20 Prozent der getöteten Tiere, weil es immer andere gibt, die schneller suchen“, sagt er mit Blick auf die Aasfresser wie Füchse oder Marder. Er habe sogar Greifvögel und Krähen beobachtet, die ganz gezielt unter den Windrädern nach Nahrung suchen. Für manche Arten kann ein solches Unglück verheerende Folgen haben, sagt Jürgen Kaatz: „Wenn ein Rotmilan durch die Windkraftanlage ausfällt, ist die gesamte Brut verloren.“ Bei diesen Greifvögeln ist es so, dass nur das Männchen die Familie mit Futter versorgt. Das Weibchen betreut den Nachwuchs auf dem Horst. Der Rotmilan gehört zu den gefährdeten Arten. Rund 60 Prozent seines weltweiten Bestandes leben allein in Deutschland.

Bevor ein Windpark entsteht werden Vogel-Experten befragt

Frauke Hoffmann, Landschaftsplanerin beim Büro Planthing in Wittstock, erläutert die Verfahrensweise aus planerischer Sicht. Bevor ein Windpark gebaut werden kann, muss das Gebiet erst begutachtet werden. Die Planer verlassen sich dabei unter anderem auf die Daten der Vogelschutzwarte Brandenburg. Wie eine Vogelart sich in den Plan einfügt, ist laut Frauke Hoffmann immer ein bisschen anders: „Beim Seeadler zum Beispiel wird der Horst betrachtet, die Hauptnahrungsflächen und ob ein Windpark in der Flugroute liegt.“ Das könne aber nur bei solchen Vögeln angesetzt werden, die einen festen Sitz haben. „Die Jungadler müssen den Horstbereich irgendwann verlassen, dann fangen sie an zu vagabundieren“, weiß die Planerin. Da sei es schwer, einen Bereich abzugrenzen. Die Landschaftsplaner gehen dabei nach der so genannten Signifikanzschwelle vor: „Es ist ja verboten, Wildtiere zu töten. Und das Risiko, Wildtiere zu töten, soll nicht signifikant erhöht werden.“ Bei Fledermäusen sei es ebenso schwer, ein festes Gebiet auszumachen: Sie haben kein ausgeprägtes Revierverhalten und sind laut Frauke Hoffmann sehr flexibel. Gängige Praxis sei inzwischen bei den neuen Anlagen, diese in Fledermausgebieten in der Abenddämmerung abzuschalten, mitunter fast die ganze Nacht. „Aber das ist natürlich für die Windmüller schwierig.“

Windpark-Chef: „Tiere kommen auch an anderer Stelle zu Tode“

Jan Teut, Chef der Firma Teut Windprojekte in Wittstock, hat in Teilen Verständnis für die Tierschützer: „Jeder einzelne Fall ist bedauerlich.“ Bei einem der verunglückten Störche sei aber die Frage aufgetaucht, ob das Tier nicht durch den Verkehr oder die Landwirtschaft verletzt worden sei. Vogelschlag sei ein Teil der Energiewende. „Man muss den Gesamtkontext sehen. Tiere kommen auch an anderer Stelle zu Tode.“ So kämen immer wieder Rotmilane an den Autobahnen zu Schaden.

Jan Teut ist vor 20 Jahren in die Branche eingestiegen – aus voller Überzeugung, wie er betont. Seine Firma befasst sich mit der Planung und dem Betrieb von Windenergieanlagen. Die Nutzung erneuerbarer Energien sei eine politische Entscheidung. Für Jan Teut bedeute das auch, dass „wir als Land eine Verantwortung haben“ bei der Produktion von alternativem Strom. „Sicher gibt es Sachen, die man hätte besser machen können, zum Beispiel, was die Akzeptanz in der Bevölkerung betrifft.“ So habe er in einem Dialogforum vergangenes Jahr in Potsdam festgestellt, dass ein wichtiger Punkt bei den Diskussionen vor Ort oft der gewesen sei, dass die Informationen fehlten. Brandenburg hat als Ziel, zwei Prozent seiner Gesamtfläche für regenerative Energien zu nutzen und damit 35 Prozent des primären Energiebedarfs zu decken. „Das ist ein Spagat“, weiß auch Anlagenbetreiber Teut. Ihm gehe es nicht nur um Gewinnmaximierung, sondern um optimale Stromproduktion. Dabei sehe er es durchaus als eine Möglichkeit an, Anlagen über die Sommermonate zum Schutz der Fledermäuse nachts abzuschalten.

Die Grundfrage, die sich ihm stelle, ist: Was wollen wir? „Atomkraft ist auf Dauer nicht beherrschbar, das haben Tschernobyl und Fukoshima gezeigt.“ Das werde aber bei manchen Bürgerinitiativen gegen Windkraft völlig negiert, so Teut. Windkraft allein löse das Problem aber nicht. Das funktioniere nur im Zusammenspiel mit Photovoltaik.

Von Beate Vogel

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