Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Wittenberge: Harms’ Tod war reine Mordlust

Neubewertung: Opfer rechtsextremer Gewalt Wittenberge: Harms’ Tod war reine Mordlust

Der Wittenberger Klaus Dieter Harms ist am 9. August 2001 totgeschlagen worden. Die Täter gingen mit äußerster Brutalität vor. Bis heute ist nicht nachweisbar, ob ein politisches Motiv zugrunde lag. Das geht aus dem aktuellen Bericht des Potsdamer Moses-Mendelssohns-Zentrums hervor. Bei dem Opfer handelte es sich um einen Alkoholiker mit Gehbehinderung.

Voriger Artikel
Tausende Goa-Fans aus aller Welt erwartet
Nächster Artikel
Wenn Beeren brasilianisch tanzen

Einer der Täter im Fall Harms soll Springerstiefel getragen haben.

Quelle: dpa

Wittenberge. An Klaus Dieter Harms werden sich nur wenige Menschen erinnern. Der Wittenberger, ein Alkoholiker mit Gehbehinderung, wurde am 9. August 2001 in seiner Wohnung totgeschlagen. Nun taucht sein Name wieder auf – im aktuellen Forschungsbericht des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums über die Neubewertung umstrittener Altfälle „Opfer rechtsextremer und rassistischer Gewalt“. Das Ergebnis: Harms’ Tod wird nach wie vor nicht als Folge einer rechtsex-tremen Straftat eingestuft.

„Das ist ein ganz schwieriger Fall“, räumt Gideon Botsch ein. Er hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung an der Studie mitgearbeitet, die 32 Todesfälle in Brandenburg auf ihren Zusammenhang mit rechter Gewalt untersucht hat. „Der Fall Harms ist deswegen schwierig, weil wir sagen müssen, dass die Polizei hier bestimmten Dingen nicht nachgegangen ist“, führt Botsch aus. Demnach habe es eine Zeugenaussage gegeben, wonach es sich bei einem der Täter „um einen sogenannten Rechtsradikalen“, gehandelt habe: „Der Typ ist so ein Verrückter, so mit Springerstiefel und so weiter“, heißt es im Bericht. Ein Rechtsmediziner, der die Leiche am Tatort untersucht hatte, erwähnte in seinem Gutachten, dass im Wohnhaus „mehrfache Darstellungen in Form spiegelverkehrter Hakenkreuze“ zu finden waren. „Die Polizei ging dem nicht nach“, sagt Botsch.

Klaus Dieter Harms wurde am Abend des 9. August 2001 in seiner Wittenberger Wohnung von zwei jüngeren Männern überfallen und so lange mit Schlägen und Tritten traktiert, bis er an den Folgen starb. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin und das Landgericht Neuruppin waren nach der Darstellung des Vereins Opferperspektive unterschiedlicher Ansicht, was das Tatmotiv anbelangt. Während erstere nicht von einem sozialdarwinistischen Motiv ausging – Hass auf Obdachlose und Behinderte –, sah das Gericht in der tödlichen Attacke durchaus Indizien dafür. Dem Urteil zufolge handelten die Täter aus „Mordlust“ und sahen auf den alkoholkranken Harms als verachtenswerten Menschen herab, heißt es bei der Opferperspektive. Bei der Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) scheint man indessen überzeugt zu sein, dass der Tod von Klaus Dieter Harms die Folge eines rechtsextrem motivierten Übergriffes ist. Im Januar 2013 gedachten VVN-Mitglieder und Kommunalpolitiker während einer Gedenkveranstaltung auch des Wittenbergers Klaus Dieter Harms.

Ein politisches Motiv im Fall Harms ist aus Sicht des Moses-Mendelssohn-Zentrums nicht nachweisbar, heißt es indessen in der Bewertung. „Harms gehört nach unserer Ansicht nicht zu den neuen Fällen, wir haben dem Innenministerium hier keine Neueinordnung empfohlen“, sagt Institutsmitarbeiter Botsch.

Auch der Tod des 24-jährigen Deutsch-Russen Kajrat Batesov am 4. Mai 2002 vor einer Disko in Wittstock wird nicht neu eingestuft. Nachdem fünf junge Männer ihn geschlagen und getreten hatten, warf einer der Täter am Ende einen 17 Kilogramm schweren Stein auf seine Brust. Er starb im Krankenhaus Pritzwalk. Das Gerichtsverfahren wirft später wegen des Verhaltens der Tatzeugen kein gutes Licht auf die gesamte Stadt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage sprachen von einer ’Mauer des Schweigens’. Die Tat wurde vom Gericht nicht als rechtsextrem eingestuft. Die Wissenschaftler bestätigten auch diese Entscheidung jetzt.

Nicht anerkannt als Todesopfer rechter Gewalt war lange auch Emil Wendland. Mit der Studie des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums wurde sein Tod neu bewertet: Nun ist klar, dass er politisch motiviert war. Der 50-Jährige war am 1. Juli 1992 im Neuruppiner Rosengarten von Neonazis getötet worden. Er hatte volltrunken schlafend auf einer Parkbank gelegen. An den Tod Emil Wendlands erinnert heute eine Gedenktafel im Rosengarten. Jedes Jahr gibt es dort Gedenkveranstaltungen, die aber nicht ohne Konflikte bleiben: Seit einiger Zeit versuchen Neonazis, den Tod Wendlands für sich zu instrumentalisieren.

Von Beate Vogel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Prignitz

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg