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150-jährige Kneipengeschichte mit Linde

Bochow 150-jährige Kneipengeschichte mit Linde

In dritter Generation wird das Gasthaus „Zur Linde“ in Bochow betrieben. „Willy III.“ Bergemann ist derzeit der Chef hinterm Tresen des Gasthofs, der vor 150 Jahren eröffnet wurde. So alt ist nicht nur das Haus, sondern auch viele Möbel im Festsaal können da mithalten. Nur die Linde vorm Haus ist jünger – erst 100 Jahre.

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Das Gasthaus „Zur Linde“ in Bochow – mit einer Linde davor – ist eine Hochburg der Fastnachtssaison.

Quelle: H.-Dieter Kunze

Bochow. Das Wirtshaus „Zur Linde“ wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. An welchem Tag genau es anno 1866 eröffnet wurde, ist allerdings nicht bekannt. Gottfried Thiele stand als erster Wirt bis 1916 am Tresen. Dann führte sein Sohn Gustav die Wirtschaft bis 1926 weiter, bis sie ein gewisser Ernst Hackemesser übernahm. Allerdings stand er 1929 kurz vor dem Ruin. Der Bierkonsum ging steil bergab, der Schuldenberg wuchs immer höher, das Wirtshaus musste veräußert werden.

Historische Postkarte des Gasthofs

Historische Postkarte des Gasthofs.

Quelle: H.-Dieter Kunze

Und dann begann die Ära der Familie Bergemann, Willy, der Großvater vom heutigen Wirt Willy, übernahm das Haus mit den Linden davor. Allerdings gab es heftige Querelen, weil sich „Willy I.“ und der damalige Bürgermeister nicht grün waren. Erst ein Gericht legte am 15. Oktober 1929 fest: Willy Bergemann wird neuer Wirt der „Linde“. Das Schriftstück im Original hütet „Willy III.“ wie einen Schatz.

Im Zweiten Weltkrieg kam der Gaststättenbetrieb fast zum Erliegen, Tanzveranstaltungen gab es nicht mehr. So wurden im Saal stapelweise Fallschirme für die Luftwaffe eingelagert.

Kampf um die Ausschank-Konzession

Nach dem Krieg gab es einen zähen Kampf um die Konzession. Schließlich wurde sie von der sowjetischen Kommandantur am 27. Oktober 1946 erteilt. Der Enkelsohn muss noch heute über den Grund schmunzeln: „Mein Opa war auch Hausschlachter und die Russen waren richtig gierig auf deftiges, fettes Schweinefleisch.“ Da stand er wohl in der Gunst der Siegermacht. Mitte der 50er Jahre übernahm sein Sohn „Willi II.“, ein gelernter Fleischer, das Haus.

1948 wurde „Willy III.“ – wieder mit „y“ am Ende – geboren. Der Vater verstarb 1985, hatte aber bereits 1983 den Gasthof „Zur Linde“ an seinen Sohn übergeben, der ihn zunächst als sogenannter Kommissionshändler der Konsum-Genossenschaft betrieb, 1990 wurde der Betrieb privatisiert.

Erweiterung um Laden und Poststelle

Seit 1992 kam zur Gaststätte ein Tante Emma Laden mit Poststelle, Kaninchenaufkauf und Flüssiggas-Vertrieb dazu. Die Verkaufsstelle gibt es heute noch. Jedoch hat sie Willy Bergemann am 1. Juli 2011 an Britta Thiele übergeben. Heute ist der Gastronom 67 Jahre alt – ein Nachfolger „Willy IV.“ ist noch nicht gefunden.

Willy Bergemann  betreibt das Gasthaus in dritter Generation

Willy Bergemann betreibt das Gasthaus in dritter Generation.

Quelle: H.-Dieter Kunze

Willy Bergemann ist gelernter Kellner, er qualifizierte sich zum Ingenieur- und Ökonom-Pädagogen und war im DDR-Kreis Brandenburg Lehrausbilder im gastronomischen Bereich. Aufgrund seiner Veranlagung war er neun Jahre Kreissportlehrer. In der Freizeit betrieb er drei Sportarten aktiv: Fußball, Tischtennis und Kegelbillard. Letzterem frönen Willy Bergemann und auch seine Frau, sie arbeitete als Diplom-Handelslehrerin in einer Berufsschule, noch heute.

Hochburg des Kegelbillards

Die „Linde“ ist eine Hochburg dieser Kleinsportart. Sieben Tische stehen zur Verfügung, so dass größere Turniere möglich sind, auch die Sportler vom Billardclub „Frischauf“ Bochow trainieren dort. Der Verein geht auf die 1948 gegründete SG „Frischauf“ Bochow mit der Sektion Billard zurück, aus der 1957 zunächst die BSG Traktor Bochow wurde. Der Gasthaus-Saal diente vorher auch als Sporthalle für Leichtathleten und Turner. Die Hülsenfundamente fürs Reck sind noch heute im Saalboden.

Bei einem Gang durch das altehrwürdige Anwesen zeigt Willy Bergemann stolz auf echte Raritäten: „Der Saalboden ist noch im Urzustand und so alt wie die ,Linde’ selbst.“ Bei Hobbytänzern und vor allem Line Dancern sei der Boden beliebt. „Denn die Holzdielen schwingen mit und verleihen sozusagen Flügel“, erklärt der Kneipier. Auch die Tische mit verschnörkelten Füßen, die sich zu einer langen Tafel zusammenschieben lassen, sind 150 Jahre alt, die meisten Stühle ebenfalls.

Stühle mit historischen Biss-Spuren

Willy Bergemann zeigt lachend auf Bissspuren in einigen Lehnen: „Hier liefen die tollsten Wetten ab, auch das Stuhlheben mit den Zähnen gehörte dazu.“ Weitere Kuriositäten sind überliefert. So das Vertilgen von mindestens zehn Bockwürsten am Stück oder das Zerkauen und Verschlucken von klebrigen Fliegenfängern, inklusive reichlich „Fleischbeilage“. Wertvolle Dokumente sind gut erhalten. So die Fahrerlaubnis seines Großvaters, gedruckt auf Leinen und 1929 ausgestellt. Die Bauform der Gaststätte ist wie ursprünglich geblieben. Saal und Gastraum werden mit Kachel- beziehungsweise Heißluftöfen beheizt. Viele Jahre war der Saal auch ein Kino. Willy Bergemann erinnert sich gut an den absoluten Renner. „Die glorreichen Sieben“ lief als letzter Film und der Saal war voll.

Aber nicht alles ist alt. „Der Tresen und die Schankanlage sind auf neuestem Stand“, versichert Willy Bergemann. Das ist auch nötig. Schließlich gilt Bochow als Fastnachtshochburg, bis zu 300 Besucher wurden schon gezählt.

Von H.-Dieter Kunze

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