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Teltow-Fläming Alkohol bleibt Droge Nummer eins
Lokales Teltow-Fläming Alkohol bleibt Droge Nummer eins
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01:15 17.06.2018
Michael Leydecker am neuen Standort der Suchtberatungsstelle in Wildau. Quelle: Oliver Fischer
Wildau

Als Anfang der Neunziger die letzten Mauerreste abgetragen und die letzte Unterschrift unter den deutschen Einigungsvertrag gesetzt war, fing man im Osten an, sich auf das vorzubereiten, was kommen musste: Westverhältnisse. Die Erwartungen, die man hatte, betrafen offenbar nicht nur die schönen Dingen des Lebens, sagt Michael Leydecker. Sonst hätte die Suchtberatungsstellen des Vereins Tannenhof in Wildau, Luckau und Lübben, deren Chef Leydecker ist, dieser Tage wohl kaum ihr 25-jähriges Bestehen begehen können.

„Man ging in Dahme-Spreewald von einer riesigen Drogenwelle aus, die über den Osten schwappen würde“, sagt Leydecker. Weil daneben aber noch unzählige weitere Probleme zu lösen waren, wollte man die Suchtberatung nicht auch noch dem Gesundheitsamt überhelfen, man suchte stattdessen einen erfahrenen freien Träger, der sich nicht nur mit Alkohol, sondern auch mit Opiaten, chemischen Drogen und anderem Zeug auskannte, das im Osten bis dahin weidlich unbekannt war. So kam damals der Berliner Verein Tannenhof ins Spiel.

Umgeben von jungen Leuten, mitten im Leben

Leydecker, seit gut 20 Jahren in Dahme-Spreewald, hat sein Büro heute in einer denkmalgeschützten und sanierten Fabrikhalle direkt neben der Wildauer Fachhochschule. Vor einem halben Jahr ist er mit seiner Zentrale dorthin umgezogen. Nach Jahren in einem verwinkelten Backsteingebäude im Königs Wusterhausener Schulweg waren die neuen Räume anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, sagt er. Aber es sei deutlich mehr Platz vorhanden als in Königs Wusterhausen, die Toiletten seien modern, der S-Bahn-Anschluss praktisch und weite Teile der Beratungsstelle überdies barrierefrei. „Außerdem sind wir hier umgeben von jungen Leuten, mitten im Leben. Das ist viel wert“, sagt Leydecker.

70 Prozent der Betroffenen haben ein Alkoholproblem

Der Standort ist auch ein Sinnbild dafür, dass die Suchtberatung inzwischen fest im Landkreis verankert ist. Kein dunkler Randbereich, keine Schmuddelecke. Die Botschaft lautet: Sucht gibt es in der Gesellschaft, und man muss offensiv damit umgehen – auch wenn die befürchtete Drogenwelle dann doch ausblieb. Früher wurde Alkohol getrunken, heute wird auch Alkohol getrunken, sagt Leydecker. „Alkohol ist nach wie vor mit Abstand die Droge Nummer eins.“

Wie zum Beweis zieht er die Statistik des Jahres 2017 hervor, die penibel die Fälle, die Süchte und die Beratungsverläufe auflistet. Mitte der 90er Jahre, als er anfing, ließen sich jährlich rund 300 Menschen beraten, 98 Prozent davon mit einem Alkoholproblem. Im Jahr 2017 kamen etwa doppelt so viele, außerdem noch etwa 1o0 Angehörige. Die Zahl derer, die Alkohol als ihre Primärdroge angeben, liegt immer noch bei knapp 70 Prozent.

Cannabis und Nikotin werden auch häufig genannt

Freilich sind andere Süchte hinzugekommen, sagt Leydecker. Cannabis wurde von 15 Prozent als erste Droge genannt, Nikotin ist auch oft dabei – wobei die Betroffenen ihr Rauchverhalten eher nicht als größtes Problem einschätzen. Amphetamin ist eein Thema in der Region. Bei Crystal Meth sind die Zahlen vergleichsweise niedrig, wenn überhaupt, dann in Lübben und Luckau verbreitet. Vereinzelt kommen Spielsüchtige, auch Handysüchtige. „Medienproblematik“, nennt Leydecker das. Heroin kommt vor, Kokain kaum.

Aber natürlich ist die Suchtberatung nicht nur dafür da, Statistiken zu führen. In den 25 Jahren ihres Bestehens ging es vor allem darum, einen sinnvollen Umgang mit Betroffenen zu entwickeln und am besten auch dafür zu sorgen, das Menschen gar nicht erst süchtig werden. Entsprechend vielfältig ist die Aufgabenstellung.

Manchmal muss eine Wohnung vermittelt werden

In erster Linie beraten die zehn Mitarbeiter Menschen, die sich entweder von sich aus melden oder von Richtern, Eltern und anderen Bezugspersonen geschickt werden, sagt Leydecker. Manchmal reicht dann eine Intervention, in schwereren Fällen wird aber auch eine Therapie ans Herz gelegt. Wieder anderen reicht womöglich eine der Selbsthilfegruppen, die auch von der Suchtberatung aus koordiniert werden.

Und dann ist da die Nachsorge. Psychologen suchen Betroffene zuhause auf, manchen muss sogar eine Wohnung vermittelt werden. „Das ist nicht einfach, wenn man es mit Süchtigen zu tun hat, die in ihren früheren Wohnungen verbrannte Erde hinterlassen haben“, sagt Leydecker. „Da sind wir auf die Zusammenarbeit mit Kommunen angewiesen.“

Onlineberatung ist neu

Hinzu kommt die politische Arbeit. Es wurden Netzwerke aufgebaut, Präventionsarbeit organisiert, seit Anfang des Jahres bietet Tannenhof auch eine Online-Beratung an, um die Hemmschwelle weiter zu senken und noch mehr Betroffene zu erreichen. Seit ihrer Gründung dürfte die Beratungsstelle über diese Wege rund 5000 Süchtigen einen dauerhaften Weg aus der Abhängigkeit gezeigt haben, schätzt Leydecker.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass bei ebenso vielen der Erfolg nicht dauerhaft war. Und weitere 5000 haben den Absprung erst gar nicht ernsthaft versucht. „Wir können ja niemanden zwingen. Aber es ist bitter mit anzusehen, wenn man weiß, wie es enden wird“, sagt Leydecker. Dann kann man sich schon mal wie Sisyphos fühlen, der seinen schweren Stein immer wieder den Berg hinauf rollen muss. „Aber ich bin Idealist, ich helfe gerne, ich bin Pragmatiker“, sagt Leydecker. „Das ist für den Job eine gute Mischung. So ist es gut aushaltbar.“

Von Oliver Fischer

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