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„Alkoholtote nimmt man einfach hin“

Königs Wusterhausen „Alkoholtote nimmt man einfach hin“

Die Zahl der Drogentoten in Brandenburg hat sich von 2015 auf 2016 verdoppelt. Im Interview spricht Drogenberater Michael Leydecker über illegale Substanzen in der Region und die größten Gefahrenquellen Tabak und Alkohol.

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Drogenberater Michael Leydecker vom Tannenhof.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Michael Leydecker leitet die Suchtberatung Dahme-Spreewald des Tannenhofs Berlin-Brandenburg in Königs Wusterhausen. Dabei hat er sich auf die Beratung von Drogenabhängigen spezialisiert. Im Interview spricht er über illegale Substanzen in der Region und die größten Gefahrenquellen – Tabak und Alkohol.

Herr Leydecker, im vergangenen Jahr gab es doppelt so viele Drogentote in Brandenburg wie 2015. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?

Die Zahlen sind natürlich nicht schön – 21 Drogentote sind 21 zu viel. Nach der Veröffentlichung der jüngsten Bilanz habe ich mich mit meinen Kollegen aus den anderen Brandenburger Beratungsstellen ausgetauscht. Niemand von uns hatte einen Bezug zu einem der Toten. Die Abhängigen waren scheinbar alle nicht in einer Suchtberatung. Deshalb sind die Gründe für ihren Tod für mich rein spekulativ.

Können Sie dennoch einschätzen, welche Drogen sich in unserer Region weiter ausbreiten?

Es gibt Vermutungen, dass Heroin langsam aber stetig wieder auf dem Vormarsch ist. In unserer Beratung ist die Gruppe der Heroinabhängigen jedoch eher klein, es sind etwa zwölf bis 13 Abhängige. Eine andere Vermutung ist, dass der gefährliche Mischkonsum von Drogen und Alkohol immer häufiger praktiziert wird. Also Alkohol trinken und dann noch Drogen nehmen, damit es so richtig kickt. Dabei kann es zu einer Lähmung des Atemzentrums kommen, was tödlich enden kann. Dann gibt es noch die Abhängigen, die sich nach einer Konsumpause – etwa im Gefängnis oder in einer Klinik – mit ihrem Stoff verschätzen und unfreiwillig eine Überdosis einnehmen. Außerdem spielen die Neuen Psychoaktiven Stoffe (NPS), die sogenannten Legal Highs, eine immer größere Rolle.

Was ist mit Legal Highs gemeint?

Diese Substanzen wirken ähnlich wie illegale Rauschmittel, sind aber bis vor kurzem nicht verboten gewesen. Sie waren legal, da ihre chemische Struktur sich nur minimal von im Betäubungsmittelgesetz erfassten Substanzen unterschieden hat und so nicht unter das Verbot fiel. Das war ein Katz- und Mausspiel zwischen Herstellern und Polizei. Im Darknet werden sie aber weiter etwa als Kräutermischungen oder Badesalze verkauft. Das Problem: Es gibt keine Qualitätskontrolle. Gefährlich wird es, wenn diese NPS mit anderen Stoffen wie Liquid Ecstasy oder ähnlichem gemischt werden.

Werden NPS auch in unserer Region häufig konsumiert?

Bei uns spielen diese Stoffe eine untergeordnete Rolle – anders als es bundesweit der Fall ist. Ich denke, dass der Konsum solcher Kräutermischungen oder Badesalze hier nicht so attraktiv ist, da hierzulande gutes Gras angebaut wird, bei dem man weiß, woran man ist.

Also wird hier viel gekifft?

Cannabis ist nach Alkohol weiterhin der Stoff, nach dem die meisten Klienten bei uns in der Beratung süchtig sind. Die gute Nachricht ist jedoch: Wir haben weniger Raucher unter den Jugendlichen und damit auch weniger Kiffer.

Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Legalisierung von Cannabis für medizinische Zwecke ein?

Da Cannabis seit vielen tausend Jahren erfolgreich als Heilkraut genutzt wird, macht die Legalisierung für mich absolut Sinn. Staatlich gelenkt, kann Hanf für viele Kranke eine echte Alternative zur Schulmedizin sein. Entscheidend ist dabei jedoch die Botschaft an Kinder und Jugendliche, dass Cannabis nicht harmlos ist. Denn gerade in der Phase zwischen 12 und 18 Jahren, in der sich das Gehirn noch weiter entwickelt, kann der Konsum weitreichende Schäden hinterlassen. Die Konzentration und das Gedächtnis können stark darunter leider.

Sie sagten, es gebe weniger Raucher. Hat das etwas mit den Ekel-Bildern auf den Schachteln zu tun?

Nein (lacht). Das liegt eher an den Nichtrauchergesetzen und den Alterskontrollen an Zigarettenautomaten. Für Präventionsexperten sind solche Abschreckungsmechanismen wie die Ekel-Bilder total absurd. Denn entweder haben sie gar keinen Effekt oder aber sie bewirken exakt das Gegenteil. Genauso verhält es sich übrigens mit der Bilder-Kampagne von Crystal-Meth-Abhängigen, die in den USA entwickelt wurde. Meth-Abhängige wissen, dass sie durch ihren Konsum nicht so aussehen wie auf den Bildern. Damit wird die gesamte Kampagne unglaubwürdig.

Welche Rolle spielt der Konsum von Crystal Meth in der Region?

Keine große. Der Meth-Konsum verlief in Südbrandenburg relativ lange unbemerkt. Erst mit dem Polizeireform-Gesetz von 2010 nahm der Diskurs an Fahrt auf. Weil Stellen abgebaut wurden, thematisierte die Polizei den Crystal-Konsum und die damit einhergehende Kriminalität stärker als zuvor. Die Medien sind aufgesprungen und plötzlich kursierten Meldungen darüber, dass es 10 000 Abhängige in der Lausitz gebe und dort jede dritte Schwangere Crystal im Blut habe. De facto sind die Zahlen viel geringer. Wir hatten im Jahr 2016 landkreisweit 24 Crystal-Abhängige in unserer Beratung, überwiegend im Raum Lübben und Luckau. In anderen Südbrandenburger Landkreisen sind es zwar mehr, aber niemals 10 000.

Inwieweit hat die mediale Darstellung geschadet?

Es schien durch die Berichterstattung plötzlich alles hochdramatisch. Richtig ist: Die Zahlen von Methamphetamin-Abhängigen nehmen zu und wir müssen das weiter beobachten. Die Darstellung hatte aber auch den positiven Effekt, dass das Land Brandenburg sich der Problematik angenommen hat und jetzt 100 000 Euro für die Suchtberatungen in den Landkreisen Südbrandenburgs zur Verfügung stellt. Die Kreise wiederum müssen das Kapital mit 20 Prozent aus eigenen Mitteln aufstocken, um es einsetzen zu können.

Wie soll das praktisch aussehen?

Methamphetamin-Abhängige haben spezielle Bedürfnisse. Wenn sie den Stoff genommen haben, schlafen sie viel und können sich nicht lange konzentrieren. Darauf müssen sich die Suchtberatungen einstellen. Etwa, indem sie ihren Klienten eine SMS vor dem Termin schicken, damit sie ihn nicht vergessen. Außerdem soll eine Kinderbetreuung eingeführt werden. Da Crystal Meth zu einem enthemmteren und unvorsichtigeren Sexualleben verleitet, haben die Abhängigen oft Kinder, die während der Beratung und Therapie natürlich betreut werden müssen.

Welche Droge verursacht Ihrer Meinung nach den größten gesundheitlichen Schaden?

Alkohol und Tabak. Mich stört, dass den an illegalen Drogen gestorbenen Menschen jedes Jahr eine große Aufmerksamkeit zukommt. Aber Alkoholtote nimmt man einfach hin. Dabei gibt es von ihnen viel mehr. Nach Angaben des renommierten Robert-Koch- Instituts hatten wir allein im Jahr 2014 mehr als 14 000 Alkoholtote bundesweit – im Vergleich zu 1333 rauschgiftbedingten Todesfällen. Und denken wir nur einmal an die weiteren Folgen von Alkoholkonsum, wie etwa die Autounfälle oder die Gewalt in der Familie. Für Alkoholkonsum haben wir aber mittlerweile solch ein Selbstverständnis entwickelt, dass das nicht einmal mehr auffällt. Unter den Suchtkranken in unserer Beratungsstelle in Königs Wusterhausen sind mehr als die Hälfte alkoholkrank. Von dieser legalen und gesellschaftlich akzeptieren Substanz geht weiterhin eine große Gefahr aus.

Von Anja Meyer (Interview)

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