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Alles übersetzt, wenig erreicht

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Alles übersetzt, wenig erreicht

Wie viel sind 18 Punkte in einem Fach wert, das „Sozialistische Nationalerziehung“ heißt? Und wie viel eine 22 in Englisch? Die Yassins haben einen Übersetzer dafür bezahlt, dass er ihre wenigen erhaltenen Dokumente ins Deutsche überträgt. Immerhin kann man jetzt etwas daraus lesen – aber für einen erfolgreichen Berufsstart wird das nicht genügen.

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Ein Dokument der Familie Yassin.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Auch für den gutmütigsten Personalchef ist es schwierig, jemandem einen Job anzubieten, wenn er vom Bewerber nur weiß, dass dieser seine Haare links scheitelt, dass er Turnschuhe trägt und bei Fragen nett lächelt. Wer in Deutschland etwas werden will, und sei es Angestellter, der braucht Zeugnisse, Bestätigungen, Papiere. Die Yassins haben jetzt alle Papiere, die aufzutreiben waren, in deutscher Fassung. Immerhin.

Rabiha hält ein weißes Blatt mit einer Tabelle, einigen Kolonnen arabischer Schriftzeichen und ungefähr einem Dutzend roten Stempeln in der Hand. Es ist ihr Abiturzeugnis. Was es aussagt, wüsste in Deutschland niemand, wenn es nicht Leute wie den amtlichen Übersetzer Fouad Moussa geben würde. Dem hat Rabiha ihr Zeugnis, eine ägyptische Arbeitsbescheinigung ihres Mannes Mohammed und einige andere Papiere zukommen lassen. Die Übersetzung hat insgesamt 100 Euro gekostet. Dafür haben die Yassins jetzt Papiere, die etwas über ihre Vergangenheit aussagen, über das, was sie wissen und können, die sie etwas greifbarer machen für die hiesige Arbeitswelt. Allerdings tatsächlich nur ein wenig.

Zeugnis wirft Fragen auf

Denn das Abiturzeugnis von Rabiha wirft auch in der Übersetzung viele Fragezeichen auf. Sie hatte offenbar zuletzt Unterricht in sieben Fächern: Arabisch, Englisch, Sozialistische Nationalerziehung, Geschichte, Geografie, dann im Fach „Philosophie, Erkenntnis und Arbeit“ und im Fach Religiöse Erziehung. Insgesamt hätte sie in diesen Fächern 240 Punkte erreichen können, geschafft hat sie 159. In Sozialistischer Nationalerziehung bekam sie Höchstnoten, in religiöser Erziehung bewegte sie sich eher am unteren Rand. Geschichte und Geografie waren so mittel. Aber was sagt das über die Schülerin Rabiha Aref Ghomeira aus? „Das ist ein gutes Zeugnis“, sagt Rabiha selbst. Ihr Freund Adel nickt. Das könnte man schon daran erkennen, dass Rabiha anschließend in Aleppo Jura studieren durfte – und zwar ohne Geld dafür zu bezahlen, sagt er. Ein schlüssiges Argument.

Rabiha hat das folgende Studium damals abgeschlossen. Das Zeugnis, das sie bekommen hat, liegt auf dem Grund des Mittelmeers. Vielleicht ist das auch nicht so schlimm. Sie hat schließlich nie als Juristin gearbeitet und würde es auch in Deutschland kaum können. Stattdessen wechselte sie später an eine medizinische Hochschule und studierte noch einmal drei Jahre lang Krankenpflege. Erst allgemein, dann spezialisierte sie sich auf Kinderkrankenpflege, schließlich auf Familienpflege. Ein Nachweis darüber könnte hilfreich sein, aber auch diese Papiere liegen auf dem Grund des Mittelmeeres. „Ich habe noch Studentenausweise von beiden Hochschulen“, sagt Rabiha. Als Nachweis wird das allerdings zu wenig sein.

Lange Wege zum Original-Dokument

Gut möglich, dass ihr nicht einmal das Abiturzeugnis etwas bringt. Es liegt nur als Kopie vor, die Deutschen hätten aber gerne Originale. Vielleicht könne sie sogar Originale besorgen, sagt Rabiha. Das ist aber kompliziert. Sie muss zur syrischen Botschaft nach Berlin-Tiergarten. Dort müsste man ihr ein Schreiben geben, das bestimmte Personen ermächtigt, in Syrien Papiere für die Familie einzufordern. Das Schreiben müsste irgendwie nach Syrien gelangen. Dort müsste jemand mit dem Schreiben auf die Ämter gehen, die Zeugnisse zusammensammeln und alles nach Deutschland schicken. Möglichst auch die Geburtsurkunden der Kinder, die benötigen die Yassins ebenfalls. Dass man derzeit, während der Bürgerkrieg tobt, nicht einfach Briefe aus Syrien nach Deutschland schicken kann, ist allerdings auch klar. Die Post könnte eventuell über den Libanon gehen. Oder es reist jemand nach Europa und bringt die Dokumente mit. „Das sind alles Probleme, Probleme, Probleme“, sagt Rabiha.

Info: Die Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen: www.maz-online.de/ Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Oliver Fischer

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