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„An den Geruch gewöhnt man sich“

Das Fachgespräch „An den Geruch gewöhnt man sich“

Sie kümmern sich um die Hinterlassenschaften der Wegwerf-Gesellschaft: Hans-Joachim Harm und Michael Papke sind Müllerwerker beim SBAZV – für beide ein Traumjob. Täglich leeren sie Abfallbehälter in der Region Dahmeland-Fläming ab. Wann sie auch mal eine Tonne stehen lassen, verraten sie im „Fachgespräch“ der MAZ.

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Seit sieben Jahren gemeinsam auf Tour: Michael Papke (l.) und Hans-Joachim Harm.

Quelle: Nadine Pensold

Ludwigsfelde. Seit sieben Jahren sind Hans-Joachim Harm (62) und Michael Papke (46) ein Team. Mit ihrem Müllentsorgungsfahrzeug sind die Mitarbeiter des Südbrandenburgischen Abfallzweckverbands (SBAZV) in den Landkreisen Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald unterwegs, um Abfalltonnen zu leeren und Hausmüll zur Entsorgung nach Niederlehme zu bringen.

Seit wann sind Sie heute auf den Beinen?

Michael Papke: Ich stehe um 4.30 Uhr auf. Dann wird in Ruhe gefrühstückt. Um 6 Uhr ist man dann auf dem Gelände, zieht sich um, hat noch Zeit, sich mit Kollegen zu unterhalten. Um halb sieben geht es zum Auto und los.

Wünschen Sie sich nicht, manchmal auszuschlafen?

Hans-Joachim Harm: Man hat sich dran gewöhnt, früh aufzustehen. Der Wecker klingelt und das heißt aufstehen.

Papke: (grinst und deutet auf den grau verhangenen Himmel) Aber bei dem Wetter würde man lieber im Bett bleiben.

Wann haben Sie normalerweise Feierabend?

Harm: Das ist ganz unterschiedlich, je nachdem, wie unsere Tour fertig wird. Danach ist dann Feierabend. Wir arbeiten größtenteils vier Tage pro Woche jeweils zehn Stunden, daher kann man meist den fünften Tag frei nehmen.

Wie lange arbeiten Sie schon als Müllwerker?

Papke: Acht Jahre – seit sieben Jahren bin ich beim Zweckverband.

Harm: Ich mache das seit 29 Jahren. Nächstes Jahr wird’s das 30., dann kommt die Rente.

Sie haben schon zu DDR-Zeiten in dem Beruf begonnen. Was hat sich seither verändert?

Harm: Zu Ostzeiten war die Technik vollkommen anders. Rotopress gab es zwar auch schon, aber natürlich nicht so modern wie heute. Auch die Tonnen waren anders. Die waren rund und hatten keine Räder, deshalb musste man sie tragen. Wo Betonstraßen waren, konnte man sie rollen. Und man hatte immer eine Karre dabei, wenn die Wege zu weit waren. Und die Tonnen waren aus Blech. Das war wesentlich anstrengender als heute.

Sie sind immer in unterschiedlichen Orten der Region im Einsatz. Haben Sie auch eine Lieblingstour?

Papke: Das schönste sind die Dörfer. Das ist entspannter und gemütlicher.

Hat man denn Zeit, zu gucken?

Harm: Ja, wenn man von Dorf zu Dorf fährt, kommt man doch an einigen Dingen vorbei. Klar, als Fahrer muss man auf die Straße achten, aber man sieht ja doch etwas. Das ist schon anders als im Wohngebiet. Da sieht jedes Haus gleich aus, da ist jede Tonne gleich. Da gibt es nicht viel anderes.

Papke: Es gibt schöne Ecken. Rund um Christinendorf ist es ganz idyllisch. Vor allem im Frühjahr und im Sommer. Oder wenn es ein goldener Herbst ist.

Wie ist Ihre Arbeitsteilung geregelt?

Papke: Einer fährt, einer leert.

Harm: Wir wissen größtenteils, wie viele Behälter insgesamt am Tag zusammenkommen. Etwa bei der Hälfte wechseln wir. Meistens passt das auch. Aber wir wissen nie vorher, wie viele Tonnen tatsächlich draußen stehen. Wenn Urlaubszeit oder Ferien sind, sind es weniger Behälter. Jetzt im Herbst nimmt es wieder zu.

Wie viele Tonnen leeren Sie täglich im Schnitt?

Harm: Das ist unterschiedlich. Manchmal sind es 400, manchmal 500, manchmal sind es 600. Manchmal auch noch mehr. Das kommt auf die Tour, den Ort und die Zeit an. Aber über die Jahre merkt man sich, wie viele das in welchem Revier ungefähr sind.

Das klingt ziemlich anstrengend.

Harm: Eigentlich ist nur anstrengend, dass die Bürger nach sieben Jahren immer noch nicht wissen, wie die Mülltonne zu stehen hat. Die Griffe von der Tonne müssten eigentlich zum Fahrbahnrand stehen, damit man sie nur ziehen braucht, das ist nämlich leichter, als wenn man sie schiebt. Vor allen Dingen ist in den Tonnen manchmal nicht nur Hausmüll drin, sondern auch anderes – wie Bauschutt und Reste, die das erschweren. Wenn man die Tonne dann erst einmal drehen muss, ist das schwieriger. Passiert das bei 300 bis 400 Tonnen, ist das schon ein Arbeitsaufwand.

Darf Bauschutt überhaupt in den Hausmüll?

Harm: Eigentlich nicht, aber wir dürfen ja nicht in die Tonne reingucken. Außer, sie fällt um, weil sie zu schwer war, dann müssen wir alles wieder einpacken. Deshalb haben wir immer Schaufel und Besen bei.

Was ist, wenn zu viel drin ist?

Harm: Wenn noch extra ein Sack draufgelegt wurde und der Deckel fast senkrecht steht, dann überlegen wir schon, ob das ständig passiert oder ob es eine einmalige Notlösung ist. Wenn das ständig so ist – man kennt ja seine Leute – müssen wir einen Flyer dranmachen und das nächste Mal bleibt die Tonne dann stehen.

Kriegt man Tonnen immer komplett leer?

Harm: Wir kriegen eigentlich alles raus. Wir haben von vornherein eingestellt, dass einmal zusätzlich angeschlagen wird. Wenn die Tonne dann noch nicht leer ist, hört man das schon. Wenn etwas eingestopft ist, muss man mehrmals anschlagen.

Papke: Im Winter wird es allerdings wieder schwierig.

Warum? Was ist denn im Winter so anders?

Papke: Weil gerade junge Eltern die Windeln noch so in die Tonne packen. Was das Kind hinterlassen hat, friert in den Tonnen an. Dann wird auch die Tonne nicht leer. Und die Bürger regt das auf. Einerseits ist das verständlich, andererseits muss man die Tonne eben auch richtig befüllen. Also in eine Tüte rein und dann alles rein in die Tonne. Auch Laub friert an. Irgendwann geht nichts mehr raus.

Ist es eigentlich wichtig, dass Sie die Tonne wieder vor dasselbe Haus stellen oder können Sie abstellen, wo Sie möchten?

Papke: Nee, das geht nicht! Die müssen zurück an ihren Platz. Die Tonnen sind gechipt, Haus und Tonne sind quasi eine Einheit. Durch den Chip werden die Gebühren für den Hausmüll abgerechnet.

Harm: Man kann über die Codierung auch genau ablesen, wann wir die Tonne geleert haben. Das wird alles genau auf den Rechnern dokumentiert.

Warum dreht sich eigentlich der hintere Teil eines Müllautos?

Harm: Das ist eine Rotopress-Drehtonne. Wenn der Müll reingekippt wird, wird er zur Stirnwand hin verdichtet. Je mehr Müll kommt, desto dichter wird er. Innendrin sind Schnecken, die das nach hinten transportieren. Wenn wir das Fahrzeug dann entleeren, dreht sich die Schnecke anders herum.

Müll ist ja immer mit Gestank verbunden. Wie gehen Sie damit um?

Harm: An den Geruch gewöhnt man sich sogar ganz schnell. Wir hatten aber schon des Öfteren, dass wir an einer Schule oder an Kindergärten vorbei sind, und die dann so an uns vorbei sind (rümpft die Nase und klemmt sie sich mit zwei Fingern zu).

Papke: Für Außenstehende stinkt es natürlich. Für uns nicht. Wobei es auch Ecken gibt, an denen es selbst für uns nicht so appetitlich ist.

Wo zum Beispiel?

Papke: An Fleischereien im Sommer zum Beispiel, an einigen Wohnheimen ist es im Sommer auch nicht so angenehm. Manchmal braucht man schon einen stabilen Magen.

Haben Sie mit vielen Vorurteilen zu kämpfen?

Papke: Sagen wir es mal so: Wir stehen ständig im Weg, blockieren die Straßen, wir stinken. Ja. Noch mehr? Aber wir müssen den Müll eben entsorgen.

Ärgert man sich nicht, wenn es nicht geschätzt wird, was man tut?

Papke: Mehr ärgert einen eigentlich die Unvernunft der Autofahrer. Manchmal ist das schon grenzwertig: Sie fahren an uns vorbei, ohne Gas wegzunehmen, hupen oder beschimpfen uns, weil wir im Weg stehen. Wir stehen nicht aus Langeweile da, sondern weil wir arbeiten. Das geht einem manchmal schon auf die Nerven.

Was mögen Sie an Ihrem Job?

Papke: Wir fahren früh runter ins Revier und sind den ganzen Tag für uns. Wir haben keinen Chef, der uns im Nacken sitzt, können unsere Arbeit in Ruhe machen, sind draußen und abends zu Hause. Viele Fernfahrer müssen auf Autobahnrastplätzen schlafen. So etwas haben wir nicht. Eigentlich ist das ein Traumjob.

Harm: Wenn ich Straßen abfahre, ist es interessant, was die Menschen in den Gärten und am Haus verändern. Wenn man alle 14 Tage vorbeikommt, fällt einem das schon auf. Man guckt ja nicht nur auf die Tonne, man schaut ja, wo man vorbeifährt, ob sich etwas getan hat.

Und was machen Sie nicht so gerne?

Harm: Regen ist natürlich nicht so toll. Wenn man sich richtig anzieht, ist das aber auch nicht so wild.

Papke: Regen und glatte Straßen! Wir fahren ja nicht nur Hauptstraßen, sondern auch in Ecken, wo der Winterdienst nicht unterwegs ist. Da muss man schon konzentriert sein. Die Wohngebiete heutzutage werden nicht unbedingt für Entsorgungsfahrzeuge gebaut, da ist es eng, da muss man schon ziemlich aufpassen. Wenn dann noch Schnee und Glätte dazukommen… Auch auf die Kinder muss man achten. Gerade, wenn sie mit Fahrrädern unterwegs sind. Da muss man schon Obacht geben.

Muss man eigentlich noch Sport machen, wenn man körperlich so viel arbeitet wie Sie?

Harm: Nein, die Arbeit reicht vollkommen aus (lacht).

Papke: Es wäre günstiger, wenn man Sport machen würde. Schultern und Nacken werden nämlich sehr beansprucht. Ich habe mir das mit dem Sport vorgenommen, aber noch nicht geschafft. (lacht)


Von Nadine Pensold

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