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Anschlag auf Noel Martin – 20 Jahre später

Mahlow – so lebt der Ort mit dem Stigma Anschlag auf Noel Martin – 20 Jahre später

Am Donnerstag jährt sich der Neonazi-Anschlag auf Noel Martin zum 20. Mal. Kaum ein Ereignis hat Mahlow (Teltow-Fläming) für so viel Aufregung und gleichzeitiges Schweigen gesorgt. Dass der Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus ein anderer ist, liegt auch am öffentlichen Umgang damit.

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Seit 20 Jahren lebt Noel Martin im Rollstuhl. Er ist seit dem Anschlag querschnittsgelähmt.

Mahlow. Eine kleine Meldung im Polizeibericht war alles, was zwei Tage später an die Öffentlichkeit drang. Von drei britischen Staatsangehörigen war die Rede, die am 16. Juni 1996 am Mahlower Bahnhof beleidigt und belästigt wurden. Dann sei es zu einer Verfolgungsjagd gekommen, bei der einer der Täter einen Feldstein in den Wagen von Noel Martin geworfen hat. Das Auto überschlug sich, Martin wurde eingeklemmt und schwer verletzt. Seitdem ist er querschnittsgelähmt, weil ein paar Menschen sich an seiner dunklen Hautfarbe störten. In Mahlow nahm sein Leben vor 20 Jahren eine dramatische Wendung – auch der Ort selbst hat sich seitdem verändert.

Hintergrund

Ein halbes Jahr nach dem Anschlag auf Noel Martin wurden die Täter Mario P. und Sandro R. zu acht beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt.

2001 kehrte Noel Martin noch einmal für zehn Tage nach Mahlow zurück. An einer Kundgebung gegen Rassismus nahmen Prominente wie Sänger Marius Müller-Westernhagen teil. Auf dem Sportplatz Blankenfelde fand ein Rock-gegen-Rechts-Konzert mit der Band „City“ statt.

Zum 20. Jahrestag findet am Donnerstag, 18 Uhr, am Mahnmal am Glasower Damm eine Gedenkveranstaltung statt. Staatssekretär Thomas Drescher, Landrätin Kornelia Wehlan (Linke) und Jugendliche aus Noel Martins Heimatstadt Birmingham werden dabei sein. Ein Film zeigt Bilder aus seinem Leben.

Wahrnehmung hat sich geändert

Zunächst schien es, als würde der Fall Noel Martin nicht mehr als eine kleine Polizeimeldung bleiben. Erst durch eine Journalistin der TAZ wurde die rassistische Dimension dessen, was bis dahin ein Verkehrsunfall war, offensichtlich. Britische Zeitungen wurden auf den Fall aufmerksam. Bald war Mahlow in aller Munde. Und wie fast immer, wenn ein Negativereignis über einen kleinen Ort hereinbricht, kam es zu den üblichen Abwehrreaktionen. Viele Mahlower versuchten, den Fall herunterzuspielen, indem sie Noel Martin eine Mitschuld gaben. Dieser habe die Nazi-Clique am Bahnhof provoziert, hieß es oft hinter vorgehaltener Hand. Auch von offizieller Seite wurde das Problem gerne heruntergespielt. „Als mein Mann das Thema in der Gemeindevertretung ansprach, wurde er ziemlich niedergemacht“, erinnert sich Regina Bomke (CDU). Sie war kurz nach dem Anschlag nach Mahlow gezogen, heute ist sie Ortsvorsteherin. „Es hat sich ein höheres Bewusstsein entwickelt als vor 20 Jahren“, sagt sie. Rechtsextremes Gedankengut könne man heutzutage nicht mehr unwidersprochen äußern. „Die Leute haben mehr Mut, ihre Meinung zu sagen, anstatt etwas schweigend hinzunehmen“, sagt Regina Bomke. Dies sei vor allem bürgerschaftlichem Engagement wie der Initiative „Tolerantes Mahlow“ zu verdanken. Vera Hellberg (SPD) war eine der Mitbegründerinnen. „Uns ging es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen“, erinnert sie sich. Neben der rechten Szene spaltete ein ganz anderer Konflikt die Mahlower in Alt und Neu, in Eingesessene und Zugezogene. So mancher, der sein Grundstück an frühere Besitzer aus dem Westen verlor, war nicht gut auf die Neuen zu sprechen, die plötzlich überall Häuser bauten. „Ich konnte die Ängste verstehen“, sagt Vera Hellberg, die Mitte der 1990er Jahre nach Mahlow kam. Nicht verstehen konnte sie das Schweigen über das, was Noel Martin angetan wurde. „Es war mühselig und brauchte viel Zeit, dagegen anzugehen“, sagt sie. „Man musste immer auch seine eigene Toleranz testen und nicht in Vorurteile verfallen.“

Mehr als zehn Prozent Ausländer

Das Mahlow von heute ist ein anderes als vor 20 Jahren. In dem Ort mit dem einstigen Nazi-Stigma leben 1424 Menschen, die keinen deutschen Pass haben – mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. „Das Klima hat sich gewandelt“, sagt Regina Bomke. Die einst präsente rechte Szene, die den Bahnhofsvorplatz jahrelang bevölkerte, ist aus dem Stadtbild so gut wie verschwunden. Bürgermeister Ortwin Baier (parteilos) führt das auf den offensiven Umgang der Gemeinde mit dem Thema zurück: „Wir haben eine Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass darin auch eine Chance steckt.“ Die Chance sei die Erinnerung an das Geschehene. Wer dies wach halte, könne Verständnis, Menschlichkeit und Toleranz fördern. „Wir in Blankenfelde-Mahlow sind nicht frei von Fremdenfeindlichkeit“, sagt Baier, es gehe darum, diese Minderheit weiter klein zu halten. Durch Aufklärung und Prävention. Vor Jahren hat die Gemeinde eine Ideenwerkstatt ins Leben gerufen, an der Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kirchen mitarbeiten. 2009 wurde Blankenfelde-Mahlow als Ort der Vielfalt ausgezeichnet.

Alles gut in Mahlow? Die Diskussion um die Flüchtlinge im vorigen Jahr hat gezeigt, dass fremdenfeindliches Gedankengut immer wieder den Weg an die Oberfläche findet. „Sich von Nazis und Gewalt zu distanzieren, ist einfach“, sagt Vera Hellberg. Sie will mit den Menschen, die Angst vor Fremden haben, ins Gespräch kommen. „Es dauert“, sagt Vera Hellberg, „aber man kann etwas bewirken.“

Von Christian Zielke

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