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Anschlag in Jüterbog: Vater des Angeklagten als Mittäter bezichtigt

21-Jähriger wegen Anschlag in Jüterbog vor Gericht Anschlag in Jüterbog: Vater des Angeklagten als Mittäter bezichtigt

Im Oktober 2016 wurde ein Brandanschlag gegen ein Flüchtlingsheim in Jüterbog verübt. Seit Juli steht ein junger Mann vor Gericht, der die Tat bereits gestanden hat. Doch seine Freundin und Mutter sorgten am Donnerstag für eine überraschende Wende kurz vor Ende des Prozesses.

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Der Angeklagte Chris P. im Landgericht Potsdam

Quelle: Peter Degener

Potsdam/ Jüterbog. Der Prozess gegen den Jüterboger Chris P., der nach eigenen Angaben den Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Jüterbog im Oktober 2016 ausgeübt haben will, hat am Donnerstag eine überraschende Wende erlebt. Anscheinend war P. doch kein Einzelttäter, wie er seit seiner Festnahme und dem sofortigen Geständnis stets beteuert hatte. „Ich weiß, dass Chris gemeinsam mit seinem Freund F. und einer weiteren Person mitten in der Nacht daran beteiligt waren“, sagte die 20-jährige Freundin von P. unter Tränen vor dem Landgericht in Potsdam aus.

Der Vater soll die Brandsätze gebastelt haben

Auf Nachfragen des Gerichts nannte sie schließlich den 44-jährigen Vater des Angeklagten als dritten Tatbeteiligten. „Ich habe von F. gehört, dass der Vater seine Hände im Spiel hatte. Er soll die Molotow-Cocktails gebaut haben und die Jungs sollen sie geworfen haben“, gab die junge Frau wieder, was der 18-jährige F. ihr gestanden habe.

„Ich hatte überlegt etwas zu sagen. Die haben Mist gebaut, klar, aber ich wollte damit eigentlich nichts zu tun haben“, verteidigte sie ihr bisheriges Schweigen. Bei einer polizeilichen Vernehmung hatte sie die Anschuldigungen noch zurückgehalten. Zur bisherigen Version des Einzeltäters sagte sie: „Chris meinte zu mir, er hat es für seinen Vater getan, damit der keine Strafe kriegt. Er hat mir auch gesagt, dass sein Freund F. dabei war“, so die Freundin. „Ich weiß, dass er seinen Vater über alles liebt, alles für seinen Vater macht“, beschreibt sie das Verhältnis des Angeklagten zu seinem Vater. Sie selbst ist mit Chris P. schon seit Schulzeiten bekannt.

Täter gesteht ausländerfeindliches Motiv

Vor rund einem Jahr wurde ein Flüchtlingsheim mit minderjährigen Bewohnern in unmittelbarer Nähe zum Wohnort von Chris. P. mit zwei Brandsätzen attackiert. Durch glückliche Umstände entstand nur leichter Sachschaden. Chris P. wurde wenige Wochen nach der Tat durch Videoaufzeichnungen von einer Tankstelle und Zeugenaussagen verhaftet. Er gestand sofort, gab ausländerfeindliche Motive für die Tat an und wurde schließlich wegen schwerer Brandstiftung und versuchten Mordes angeklagt.

Anonyme Briefe an die Staatsanwaltschaft

Eigentlich stand der Prozess kurz vor dem Ende. Das psychologische Gutachten sollte an diesem Donnerstag Gegenstand der Verhandlung sein. Anfang November waren Plädoyers und Urteil geplant. Allein durch anonyme Hinweise wurde nun überraschend noch die Freundin von P. als Zeugin geladen. „Die Staatsanwaltschaft hat zwei anonyme Briefe erhalten, in denen darauf hingewiesen wird, dass Sie in der Öffentlichkeit kund täten, Informationen zu der Tat zu haben“, erklärte der Jörg Tiemann, der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer. Die Auszubildende sagte dazu, sie habe in ihrer Berufsschule nach Zeitungsberichten über den Prozess mit verschiedenen Personen darüber gesprochen. Die MAZ begleitet den Prozess seit dem Auftakt im Juli 2017.

Die zwei neuen, von der Zeugin belasteten Verdächtigen, Vater und bester Freund, hatten in der Vergangenheit bereits in dem Prozess ausgesagt. Damals gaben sie zu, in der Tatnacht Anfang Oktober 2016 mit Chris P. auf dem väterlichen Hof in der Jüterboger Innenstadt gefeiert und getrunken zu haben. Eine Beteiligung an der Tat stritten sie damals ab.

Mutter des Angeklagten äußerte sich spontan als Zeugin

Auch die Mutter, die den Prozess von Beginn an besucht, belastete ihren Ex-Mann, den Vater von Chris P. nach der Aussage der Freundin schwer. „Chris, es tut mir leid, ich weiß, ich hatte Dir ein Versprechen gegeben“, sagte sie an ihren Sohn auf der Anklagebank gewandt, bevor sie sich gegenüber dem Richter zur Aussage bereit erklärte. „Seitdem Chris am ersten Prozesstag die Tat geschildert hatte, wusste ich, dass sein Vater etwas damit zu tun haben musste“, sagte sie dem Richter.

In einem Brief ins Gefängnis sprach sie ihren Sohn auf den Verdacht an. „Ich war empört, dass sein Vater ihn dort mit hineinzieht“, sagt die Mutter. In einem Antwortbrief gab ihr Sohn schließlich zu, dass der Vater dabei war und dass er aus Liebe zu ihm und seiner kleinen beim Vater lebenden Schwester die Alleinschuld auf sich genommen habe. Außerdem schrieb er laut Mutter, dass er bereue, sich überhaupt auf die Tat eingelassen zu haben.

Vater soll die Kinder rechtsradikal erzogen haben

Die Mutter macht ihren Ex-Mann dafür verantwortlich die gemeinsamen Kinder rechtsradikal zu indoktrinieren. Seine rechte Gesinnung sei vor vielen Jahren der Trennungsgrund gewesen. „Er wird sich nicht ändern. Er ist nur am Saufen und bringt seine Parolen, während der Sohn im Knast sitzt“, sagt sie. Zuletzt hatte sie ihn vor wenigen Wochen auf einer Geburtstagsfeier gemeinsamer Freunde gesehen. „Da war er betrunken, hing Arm in Arm mit F. und reckte dann den Arm zum Hitlergruß“, erzählt sie vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft hatte bislang nicht gegen den Vater ermittelt. Gegen den besten Freund von Chris P. läuft bereits längere Zeit ein Ermittlungsverfahren wegen der Tat, da beide die Nacht gemeinsam verbracht hatten. Es wurde aber noch keine Anklage erhoben.

Angeklagter nach Wende „nervlich überlastet“

Der Prozess soll nun im November mit Zeugenvernehmungen aus dem gemeinsamen Freundeskreis des Angeklagten, seiner Freundin und dem Verdächtigen F. fortgesetzt werden. „Sie haben jederzeit die Möglichkeit sich zu den neuen Entwicklungen zu äußern“, sagte Richter Tiemann dem Angeklagten. Sein Strafverteidiger lehnte vorerst ab – sein Mandant war nach der Wende im Prozess „nervlich überlastet“.

Von Peter Degener

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