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Auf den Spuren von Hitler und den Sowjets

Bücher- und Bunkerstadt Wünsdorf Auf den Spuren von Hitler und den Sowjets

Jedes Jahr besuchen etwa 50.000 Menschen die Wünsdorfer Bücher- und Bunkerstadt. Der Rentner Hans-Albert Hoffmann führt fast jedes Wochenende Besucher durch die Bunker. Seit einigen Monaten bietet der Verein Berliner Unterwelten dort auch Bildungsseminare für Erwachsene an. Eine Führung durch zwei Epochen deutscher Geschichte.

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Scheinbar endlose Gänge in der Fernschreibzentrale.

Wünsdorf. Vor einem griechischen Restaurant in Wünsdorf-Waldstadt wartet Hans-Albert Hoffmann auf seine Gäste. Der 67-Jährige trägt einen Leinenbeutel über der Schulter und blickt gedankenversunken in Richtung Wald. Es ist ein kühler Herbsttag, seit ein paar Minuten scheint die Sonne. Die Blätter auf dem Boden leuchten orange, im Hintergrund lärmt ein Rasenmäher. Ansonsten ist es ruhig auf den Straßen – doch die Stadt birgt eine dunkle Geschichte. Im Wald vor Hans-Albert Hoffmann war mehr als 100 Jahre Militär präsent. Kaiser, Hitler und Sowjets haben ihre Spuren hinterlassen.

Genau deshalb sind Hoffmanns Gäste da. 15 Männer und Frauen, die Hans-Albert Hoffmann durch die Bücher- und Bunkerstadt führt, besuchen das Seminar „Berlin und Umland“ des Vereins Berliner Unterwelten. Dazu haben sie sich Bildungsurlaub genommen. Die Hälfte von ihnen kommt aus Berlin und Brandenburg, die anderen sind aus ganz Deutschland. Eine Woche lang schauen sie sich Untergründiges in Brandenburg an.

Hoffmann blickt auf die Uhr: „Jetzt aber los, bevor es wieder dunkel wird.“ Er verteilt die Taschenlampen aus dem Leinenbeutel. „Brauchen wir keine Helme oder so?“, fragt eine Frau. „Nein, wir sind ja vorsichtig“, antwortet Hoffmann.

Keines der Maybach-Häuser steht noch komplett

Die Gruppe ist an der Bunkeranlage „Maybach 2“ angekommen. Hans-Albert Hoffmann kennt jeden Stein der Anlage und erklärt den Besuchern die Funktion von „Maybach 2“. Dort hatte im Dritten Reich die Führungsstelle des Oberkommandos der Wehrmacht ihren Sitz. Von dort aus wurde der Krieg geplant, ausgerechnet dort erstellten die Nazis das Konzept für den Überfall auf die Sowjetunion. Zur Tarnung sahen die sechs Gebäude wie ganz normale Wohnhäuser aus. Das Herzstück waren die beiden im Keller liegenden Etagen jedes Hauses in bis zu neun Metern Tiefe – ein Tunnel verband alle Häuser der Anlage miteinander.

Das Klicken der Kameras begleitet Hoffmanns Erzählungen. Heute sind die Maybach-Häuser total marode, zum Teil haben die Sowjets sie nach 1945 gesprengt. Kein Gerüst der sechs Häuser steht noch komplett. An einigen hängen dicke, auseinandergebrochene Betonstützen mitten in der Luft, Armierungen stehen heraus, sie sind überall im Wald unter den Blättern verstreut. Dennoch: Von den Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg ist die Maybach-Anlage laut Hoffmann immer noch am besten erhalten.

Ein paar Häuser sind sogar noch begehbar, manche bis auf die beiden Etagen im Untergrund. Bunker, die im Stil von Wohnhäusern errichtet wurden, hat es im Zweiten Weltkrieg nur in Gießen und in Wünsdorf gegeben. „War Canaris damals auch hier?“, fragt ein junger Mann. „Admiral Canaris ist mit seinem Dackel einst durch die Anlage spaziert“, erzählt Hoffmann. Das weiß er von einer Zeitzeugin, die in einem Berliner Altersheim wohnt. Heute kommen auch noch Hunde nach Wünsdorf: „In den Ruinen wird die Rettungshundestaffel trainiert“, erzählt Hans-Albert Hoffmann.

Wünsdorf war Sitz des Oberkommandos der Sowjettruppen

Hoffmann hat in den vergangenen 20 Jahren viel über die Bunkerstadt erfahren, geforscht und veröffentlicht. Nachdem die Truppen der Roten Armee in der DDR im Jahr 1994 wieder aus Wünsdorf abzogen, räumte unter anderem er das Gelände auf. Hans-Albert Hoffmann war zu DDR-Zeiten selbst Offizier der NVA und kannte sich daher mit den Hinterlassenschaften der russischen Armee aus. Heute fährt der Rentner fast jedes Wochenende von Berlin nach Wünsdorf und führt Besucher durch die Bücher- und Bunkerstadt. Sie ist so etwas wie seine zweite Heimat. „Du immer mit deinen Bunkern“, sagt die Familie oft zu ihm.

Als alle genug Selfies vor der Maybach-Anlage geschossen haben, leitet Hoffmann zur nächsten Epoche über. Von 1953 bis 1994 war Wünsdorf Sitz des Oberkommandos der sowjetischen Truppen in Deutschland. Hoffmann führt die Gruppe weiter in den Wald zu den Anlagen, die die sowjetischen Streitkräfte dazu ab den 1960er Jahren errichtet haben.

Am Wegesrand erinnern noch ein paar verfallene Schilder mit kyrillischer Aufschrift an die Rote Armee. Die Bunker der Sowjets sind im Vergleich zu denen aus dem Zweiten Weltkrieg noch sehr gut erhalten. Mit dem Generalschlüssel öffnet Hoffmann zwei dicke Panzertüren. Im Innern des Bunkers ist es kalt und feucht, zu jeder Jahreszeit zeigt das Thermometer 10 Grad Celsius.

Fotos erinnern an Sowjets

Hans-Albert Hoffmann macht das schummrige Licht an: Hunderte Meter lange Gänge mit Betonboden sind zu sehen. An den Wänden stehen Grüße der russischen Soldaten. Fotos erinnern an die Frauen, die hier einst in der Fernmeldezentrale gearbeitet haben. An manchen Stellen sickert Regenwasser durch die Decke. „Wünsdorf hat eine Tropfsteinhöhle“, scherzt Hoffmann. Die Bunker haben in den vergangenen Jahren neue Bewohner bekommen: Sie sind ein bei Fledermäusen beliebtes Quartier.

Weiter geht es in ein anderes Haus der Sowjets. Hoffmann läuft mit der Taschenlampe voran. Der Lichtkegel streift zwei an die Wand gemalte Saunagänger. Eine geflieste Treppe führt in ein verwittertes Becken. „Das ist die russische Banja“, erklärt Hoffmann. Saunagänge in der Banja hat er während seiner Zeit als Offizier oft selbst mitgemacht. „Wenn man da rauskam, gab’s im Vorraum erst einmal 100 Gramm Wodka, dann ging’s wieder in die Banja“, erzählt er. Irgendwann sei natürlich gar nichts mehr gegangen, sagt er. „Das war ja auch so gewollt.“

Als die Besucher wieder nach draußen kommen, hat die Dämmerung eingesetzt. Die Führung ist für diesen Tag vorüber – Hoffmann hätte noch viel zu erzählen.

Von Anja Meyer

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