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Aus dem Zug geholt

Mysteriöses Schicksal Aus dem Zug geholt

Erst musste Otto Wendler mit seiner Familie die Heimat verlassen. Aus dem Sudentenland kamen die vier Söhne mit ihrer Mutter nach Bochow. Dort hätte der 17-Jährige vielleicht Wurzeln schlagen können. Doch 1952 wurde er verschleppt und erschossen. Eine Geschichte.

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Das Bild vom Elternhaus in Zwitte hängt noch heute in Bochow. Auf der Rückseite das Datum der Ausweisung: 21. Juni 1946

Quelle: Behrendt

Bochow. Der Krieg war vorbei. Für 2,8 der 3,2 Millionen Sudetendeutschen begann im Mai 1945 die Suche nach einer Bleibe. „Wir wurden 1946 vertrieben“, sagt Werner Wendler, der Jüngste von fünf Söhnen, die mit ihrer Mutter nach Brandenburg kamen. In Bochow wurden sie mit Flüchtlingen aus dem Sudetenland und aus Schlesien untergebracht.

In Bochow hängt noch das Bild mit dem Haus und der Tischlerei aus Zwitte bei Lindenau. Auf der Rückseite das Datum der Vertreibung: 21. Juni 1946. „In Bochow haben wir erst in einer Holzbaracke gewohnt. Das war eine ärmliche Zeit. Vater war in Gefangenschaft. Mein ältester Bruder Otto hat unsere Familie ernährt.“

Otto Wendler, kurz vor seinem Verschwinden

Otto Wendler, kurz vor seinem Verschwinden.

Quelle: privat

Jener Bruder, Otto Wendler, war Tischler wie sein Vater. Im Mai 1946 war er gerade 17. Doch seiner Verantwortung war er sich bewusst. So suchte er sich Arbeit, die fand er auf dem sowjetischen Militärflugplatz in Jüterbog, als Angestellter bei der Armee. Vielleicht hätte er auch neue Wurzeln schlagen können.

Musik hat er gemacht, die förderte Kontakte und Frohsinn. Als der Vater aus der Gefangenschaft kam, dachte der Sohn über eine neue Stelle nach, die wollte er 1952 in Berlin suchen. Dort kam er nie an. „Zwischen Jüterbog und Trebbin wurde er aus dem Zug geholt. Seitdem haben wir ihn nie wieder gesehen. Er blieb spurlos verschwunden“, berichtet Werner Wendler. Er war noch ein Kind und erinnert sich an den Bruder als „lebenslustigen jungen Mann.“

Die anderen Erinnerungen sind sehr traurig. Etwa zwei Tage nach dem 23. April 1952, das ist das Datum, an dem Otto Wendler verschwand, tauchten zwei junge Männer in Bochow auf. „Sie erzählten meiner Mutter, sie wüssten, wo Otto sei. Er würde bald nach Hause kommen. Sie würden ihm Sachen bringen. Mutter hat daraufhin den besten Anzug rausgesucht und mitgegeben“, schildert Werner Wendler, der damals acht Jahre alt war. Er dachte, wenn einer der älteren Brüder zu Hause gewesen wäre, hätte der vielleicht misstrauischer reagiert.

Nie klärte sich auf, was das für Leute waren und woher sie wussten, dass Otto Wendler auf dubiose Art und Weise verschleppt worden war. Viel schlimmer war es für alle, dass sie nie etwas erfuhren, was dem ältesten Bruder passiert ist. „Mutter ging ständig auf die Ämter. Irgendwann wurde ihr eine Todesurkunde vorgelegt, aus der hervorging, dass Otto angeblich an Grippe gestorben ist.“ Geglaubt habe dies niemand in der Familie. Die Söhne gingen deshalb nicht zur Armee. Das gelang jedoch nur vor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht.

Auch Werner hatte gesagt: „Ich gehe nur, wenn ich weiß, wo mein Bruder ist.“ Doch Bausoldat werden und noch länger dienen als die Pflichtzeit, das wollte er nicht. Er fügte sich. Die Frage nach dem Bruder blieb unbeantwortet.

Später zog er nach Jena. Nach 1990 wurde er dort beim Blutspenden nach den engsten Verwandten befragt. Das Schicksal des ältesten Bruders ließ einer Krankenschwester keine Ruhe. „Sie schrieb ans Rote Kreuz, konnte aber nichts in Erfahrung bringen“, so Werner Wendler.

2005 erschien das Buch „Erschossen in Moskau. Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950 – 1953.“ Das hat er sich gleich gekauft. Die Ermordeten sind alphabetisch aufgelistet. Auch sein Bruder ist dort zu finden: Otto Wendler, geboren am 11. Mai 1929 in Lindenau/Kreis Böhmisch Leipa in Böhmen, hingerichtet am 26. August 1952 in Moskau.“

Und es kam so etwas Licht in die Verschleppung hinein: das Sowjetische Militärtribunal verurteilte Wendler am 23. Juni 1952 wegen Spionage und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation zum Tode durch Erschießen.

Das Präsidium des Obersten Sowjets lehnte sein Gnadengesuch am 23. August 1952 ab. Das Todesurteil wurde am 26. August 1952 in Moskau vollstreckt. Am Mittwoch vor 63 Jahren. Auf welche Indizien sich die Anklage stützte, dazu gab es keinen Hinweis. Beweise waren nicht nötig, ein ordentliches Gerichtsverfahren mit Verteidigung ebenfalls nicht. Bei der Roten Armee zu arbeiten und nach West-Berlin zu fahren reichte, um unter Spionageverdacht zu geraten.

Die Eltern von Otto Wendler haben nicht mehr erfahren, was mit ihrem Sohn passiert ist. „Mutter starb 1979, Vater 1982“, so Bruder Werner. Neben Otto sind bereits zwei weitere Brüder verstorben. So gedenken heute Bruno und Werner Wendler ihrem Bruder Otto, der vor 63 Jahren in Moskau erschossen wurde.

Von Gertraud Behrendt

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