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Teltow-Fläming Axt-Mörder soll im Wahn gehandelt haben
Lokales Teltow-Fläming Axt-Mörder soll im Wahn gehandelt haben
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19:44 12.10.2017
Der Angeklagte (in Handschellen) beim Prozessauftakt. Quelle: Ulrich Wangemann
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Potsdam

Ein 55 Jahre alter Familienvater aus Jüterbog (Teltow-Fläming), der im Januar seinen Schwiegervater mit der Axt erschlagen und seine Schwiegermutter schwer verletzt hat, steht in Potsdam seit Donnerstag vor Gericht. Allerdings ist der Mann nicht im eigentlichen Sinne angeklagt: Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts verhandelt lediglich über Dauer und Art der Unterbringung des Mannes in einer psychiatrischen Einrichtung. Denn nach Auffassung eines medizinischen Gutachters und der Staatsanwaltschaft war Tim G. an jenem Freitag den 13. nicht schuldfähig – er soll schizophren, also von einem Wahn geleitet gewesen sein. Konkret gab der Beschuldigte gegenüber der Polizei nach seiner Festnahme an, die Schwiegereltern hätten versucht, ihn zu vergiften – mit präpariertem Wurstsalat und Schokolade.

Im Gerichtssaal wird der ganze Horror des Tages gegenwärtig, als Nachbarn berichten, wie gegen 13 Uhr ein „Schrei, der durch Mark und Bein ging“, durch die Triftstraße gellt. Rentner Klaus R. (85) stürzt zur Tür, als es klingelt – dort steht die aus mehreren Wunden an Kopf, Hand und Schulter blutende Irmgard S. und sagt: „Holen Sie die Polizei, sonst schlägt er uns alle tot!“ Bis zum Gartentor war der Schwiegersohn der 78-Jährigen nachgelaufen, hatte mit einem Beil auf sie eingeschlagen. Als ihre Beine im Flur des Nachbarn nachgaben, entschuldigte sich die Schwerverletzte noch bei diesem, dass sie „alles vollgekleckert“ habe.

Zu diesem Zeitpunkt liegt der pensionierte Lokführer Peter S. (77) schon tot in der Küche im ersten Stock des Hauses der Familie S. Tim G. hat seinen Schwiegervater mit fünf Beil-Hieben auf den Kopf umgebracht. Andere Nachbarn beobachten, wie Tim G. nach der Bluttat in die Küche zurückkehrt, einen abgerissenen Vorhang wieder anbringt und dann mit einer Zigarette in der Hand am Fenster auf die Polizei wartet. „Sein Gesicht werde ich nicht vergessen “, sagt ein Fleischer aus der Nachbarschaft. „Wie erleichtert sah er aus – als ob er befriedigt sei.“

Als die Funkstreifenwagen vorfahren, tritt Tim G. vor die Tür, schnippst seine Zigarette weg – dann werfen ihn Polizisten der Länge nach in den Schnee. Der gelernte Zerspanungstechniker hat in seiner Raserei sogar den eigenen Sohn angegriffen und verletzt. Der 18-Jährige war zum Essen bei seinen Großeltern. Vor Gericht sagt der Beschuldigte, er entsinne sich nicht der Tat – erst im Streifenwagen nach der Verhaftung setze seine Erinnerung wieder ein.

Der Fall ist so verstörend, weil Tim G. weder Vorstrafen noch dokumentierte psychische Vorerkrankungen hat, bis zu seiner Festnahme einen gut bezahlten Posten als Vorarbeiter bei einem Automobilzulieferer bekleidet und das Bild eines ordnungsliebenden Familienmenschen abgibt, der regelmäßig mit Frau und seinen beiden Söhnen in Urlaub fährt. Im Verhandlungssaal erscheint er gepflegt mit gestutzten grauen Haaren und in gesteppter Daunenweste über dem Langarm-Shirt. Ein Mann, der auf sich achtet, regelmäßig im Fitnessstudio trainiert, 15 Kilometer zur Arbeit radelt und eifersüchtig wird, wenn seine Frau später als geplant nach Hause kommt. 1993 hat Tim G. seine Frau kennengelernt – er jobbte als Türsteher, sie als Tresenkraft. Er schluchzt, als er über die Geburt der Söhne, den Hausbau in Jüterbog spricht. Frau und Kinder besuchen ihn regelmäßig in der Asklepios-Klinik Brandenburg/Havel – einer geschlossenen Psychiatrie.

In der polizeilichen Vernehmung nach der Tat hat Tim G. gesagt, ihm tue leid, was passiert sei. Er habe mit dem Beil nur auf den Tisch hauen wollen. Medikamente nimmt Tim G. nicht, ein medizinischer Gutachter ist überzeugt, dass der Beschuldigte sein Handeln nicht selbst steuern konnte. Eine reguläre Strafhaft wird Tim G. also aller Voraussicht nach erspart bleiben. Schon jetzt sitzt er ja nicht in Untersuchungshaft, sondern in einer Nervenklinik.

Sicher ist nach dem ersten Prozesstag, dass der als cholerisch, aber nicht gewalttätig beschriebene Handwerker sich psychisch unter Druck gesetzt fühlte an mehreren Fronten. Der Beschuldigte schildert die Gemengelage so: Der Schwiegervater habe ihn nie akzeptiert, ihn nicht angesehen, mitunter den Handschlag verweigert und ihm gesagt, für seine Tochter habe er sich „einen Studierten“ gewünscht. Als Tim G. 2013 an Nierenkrebs erkrankte, habe sich sein Schwiegervater nicht dafür interessiert. Auf der Arbeit habe es Probleme gegeben, er habe außerdem Angst gehabt, seine zehn Jahre jüngere Frau könnte ihn verlassen. Nachts habe er nicht mehr schlafen können, sagt Tim G. Gespräche mit einem Therapeuten hätten kaum Linderung gebracht. „Ich war jahrelang der Starke – das ist weggebrochen“, sagt der 55-Jährige.

Die schwer verletzte Schwiegermutter hat sich mittlerweile erholt, berichtet ein Nachbar. Sie pflegt wieder den Garten, den ihr Mann so akkurat hinterlassen hatte. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

Von Ulrich Wangemann

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