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Beeindruckende Lebendigkeit

Jutta Hoffmann las in Wünsdorf Christa Wolf Beeindruckende Lebendigkeit

Die Erinnerungen im „Russischen Tagebuch“ von Christa Wolf bieten faszinierende Einblicke in den Alltag der Menschen in der Sowjetunion, die Wolf zehnmal bis 1989 bereiste. Schauspielerin Jutta Wolf las im ausgebuchten Bürgerhaus in Wünsdorf aus Wolfs Erinnerungen.

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Schauspielerin Jutta Hoffmann las die Texte Christa Wolfs.

Quelle: Gudrun Ott

Wünsdorf. Ob mit Dostojewskis Enkel auf den Spuren des großen Russen in Sankt Petersburg, mit Max Frisch auf der Wolga, ob am Grab von Anna Achmatowa – immer ist Christa Wolf eine scharfe Beobachterin der sozialen und politischen Verhältnisse. Die Schriftstellerin ist bis 1989 zehnmal in die Sowjetunion gereist. „Das Tagebuch über diese Reisen befindet sich im Nachlass der Akademie der Künste und war eigentlich nicht für die Veröffentlichung gedacht“, sagte Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro am Freitagabend im Bürgerhaus Wünsdorf, wohin das Brandenburgische Literaturbüro und die Stadtbibliotheken Zossen und Wünsdorf zur gemeinsamen Veranstaltung eingeladen hatten.

Das Interesse war groß und der Ballettsaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Es waren nicht nur die Texte der Christa Wolf, die das Publikum in ihren Bann zogen, es war auch die Schauspielerin Jutta Hoffmann, die mit ihrer Gestaltungskraft den Prosatexten eine beeindruckende Lebendigkeit verliehen. Wenn Jutta Hoffmann liest, hält man den Atem an, meinten Veronika Hertelt-Pardemann und Welda Schröter aus Klausdorf. Man erfährt von den Zuständen in Mittelrussland. Die Menschen haben die Entbehrungen satt. Die Leute sind listig geworden, um zurechtzukommen, heißt es im Tagebuch. Man spricht hinter vorgehaltener Hand von der Übermacht der Apparate. Schon 1860 gab es eine skeptische Zeit unter der Jugend. Das Wodkatrinken und Herumtorkeln auf der Straße hat unter Parteichef Nikita Chruschtschow zugenommen. Wolf schreibt, die Bevölkerung stehe nach Schuhen an, nach Waschpulver, nach einem Platz im Restaurant. Die Leute spucken ungeniert auf den Boden. Gepflegt sein, erscheint als eine fast unlösbare Aufgabe.

Der Schriftsteller Juri Trifonow, der sich in seinen Arbeiten unter anderem mit der moralischen Doppelbödigkeit der sowjetischen Intelligenzija beschäftigt, sagt ihr, man sei noch nicht auf dem Tiefpunkt angekommen. Der neue Mensch, den man propagierte, existiert nicht und die geschichtliche Rolle der Sowjetunion wird wenig von ihren Einwohnern unterstützt. Ihre letzte Moskaureise macht Christa Wolf im Oktober 1989 auf Einladung von Tschingis Aitmatow. Auch in der Sowjetunion sind die Menschen jetzt zunehmend unzufriedener. In der DDR wird die Tochter von Christa Wolf am Rande einer Demonstration verhaftet. Die Wünsdorfer Lesung war eine Erinnerung. Und die ging unter die Haut.

Von Gudrun Ott

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