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Bestürzung nach Anschlag auf Flüchtlingstreff

Jüterbog: Explosion nach Asyl-Demo Bestürzung nach Anschlag auf Flüchtlingstreff

Fassungslos macht der Anschlag auf die Evangelische Einrichtung „Turmstube“ in Jüterbog kurz nach einem Neonazi-Aufmarsch. Dass es sich um einen rechtsradikalen Anschlag handelt, daran hegt kaum jemand Zweifel. Brandenburgs Innenminister spricht von einer Maske, die fallen gelassen wurde. Doch einschüchtern lässt man sich nicht.

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SPD-Landtagsabgeordneter Erik Stohn, Landesbischof Markus Dröge und Innenminister Karl-Heinz Schröter verschaffen sich vor Ort einen Überblick.
 

Quelle: Hartmut F. Reck

Jüterbog. Nach dem Anschlag auf die Evangelische Begegnungsstätte „Turmstube“ in Jüterbog zeigen sich die Menschen "erschüttert". Noch am Freitagabend hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn mit jenen Worten die Situation kommentiert. „Wir lassen uns nicht entmutigen“, schrieb er außerdem auf seiner Facebook-Seite. Er vermutet einen rechtsradikalen Hintergrund. „Rechtsextreme missbrauchen die vermehrte Zuwanderung um Angst zu schüren, streuen unwahre Gerüchte und fühlen sich erstarkt. Mit dem Anschlag, der vermutlich auf Kosten Rechtsextremer geht, ist eine Grenze überschritten. Polizei und Verfassungsschutz müssen noch stärker militante Rechtsextreme ins Visier nehmen. Ich vermute, dies wird ohne Personalverstärkung nicht möglich sein. Auch deshalb muss man sich über zusätzliche Kräfte bei Polizei und Verfassungsschutz unterhalten“ erklärte Erik Stohn. Mit seiner Annahme, es gäbe einen rassistischen Beweggrund ist er längst nicht allein.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Erik Stohn am Freitagabend vor dem Tatort.

Quelle: Julian Stähle

Auch die Kirchengemeinde sieht einen klaren rechtsradikalen Hintergrund. Die Gemeindeverantwortlichen glauben an einen Zusammenhang mit einer fremdenfeindlichen Demonstration am Freitagabend, teilte eine Sprecherin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz am Samstag nochmals deutlich mit.

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Am Freitagabend hatten Pfarrer und Flüchtlingshilfe in Jüterbog bereits angekündigt, sich nicht einschüchtern zu lassen – die Flüchtlingsarbeit werde deshalb keineswegs eingeschränkt. Ein Geschäftsmann habe außerdem bereits angekündigt, Räume für die Begegnung von Deutschen und Asylsuchenden zur Verfügung zu stellen.

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Freitagabend in Jüterbog (Teltow-Fläming): Ein lauter Knall, dann splittern die Fenster, die Decke kommt herunter. In der „Turmstube“ einem Treff der Evangelischen Gemeinde hat es nach Asyl-Demonstrationen einen Anschlag gegeben. Es wurde Pyrotechnik gezündet. Vermutlich steckt hinter der Tat ein rechtsradikales Motiv. Der Staatsschutz ermittelt.

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Am Sonnabend hat Landesbischof Markus Dröge die Schäden vor Ort begutachtet und verurteilte die Tat. Er sieht auch einige Politiker in der Verantwortung. Jene, die "derzeit verächtliche Reden über Flüchtlinge halten" sollten sich angesichts dieser Tat und anderer überlegen, ob sie nicht ebenfalls schuld daran seien. "Der Hass fängt mit der Wortwahl an", sagte er. Zu dem spontanen Treffen vor dem Tatort in der Jüterboger Mönchenstraße um 12.30 Uhr, zu dem die Gemeinde geladen hatte, war auch Innenminister Karl-Heinz Schröter gekommen. Schröter ist entschlossen, den Menschen keinen Zentimeter zu weichen, die Flüchtlinge oder Flüchtlingshelfer bedrohen. „Diejenigen, die vorgeben, das christliche Abendland zu verteidigen, aber zugleich Anschläge auf kirchliche Einrichtungen verüben, haben die letzte Maske fallen lassen“, sagte Schröter vor der Turmstube.

Landrätin erhebt ihre Stimme gegen rechtes Gedankengut

„Wenn 150 Rechtsradikale unterwegs sind, dann mag man nicht mehr an Zufall glauben“, sagt Kornelia Wehlan, Die Landrätin von Teltow-Fläming, Kornelia Wehlan, war am Freitagabend selbst bei der Gegendemonstration zugegen. Gegen 21.15 Uhr verließ sie Jüterbog – in der zufriedenen Annahme, dass alles ruhig geblieben sei, „auch wenn es schon eine Zumutung war, diese Leute grölen zu sehen“. Doch dann die Bestürzung am Abend: Sie erfuhr durch den MAZ-Ticker von der Explosion in Jüterbog. „Ich bin entsetzt, aber nicht sprachlos. Umso lauter werde ich meine Stimme gegen jene erheben, die rechtsradikales Gedankengut verbreiten und sich gegen Flüchtlinge stellen“, schreibt sie wenig später in einer Mitteilung.

Hier mehr zum Anschlag auf die Turmstube lesen>>

Für die Landrätin ist der Anschlag ein Verbrechen, das sich gegen die Grundwerte menschlichen Miteinanders richtet und durch nichts zu tolerieren sei. In einer demokratisch gesinnten Gesellschaft hätten diese Kräfte nichts zu suchen.

Insbesondere weil der Treffpunkt eine kirchliche Einrichtung ist, in der man sich zivilgesellschaftlich stark engagiert, sei sie erschüttert. „Ohne deren Arbeit, wären wir nicht in der Lage, so viel für die Flüchtlinge zu leisten“, sagte sie.

Die Explosion hat das Mobiliar zerstört

Die Explosion hat das Mobiliar zerstört. Die Kirche beziffert den Schaden weit höher als die Polizei. Sie hatte von 2500 Euro gesprochen.

Quelle: Hartmut F. Reck

„Das Einstehen für die Schwachen ist unsere Mission“

Entsprechend selbstbewusst zeigte sich Katharina Furian, Superintendentin des Kirchenkreises Zossen-Fläming: „Wir wissen dass die Kirchen vor Ort die ersten waren, die sich gemeinsam mit dem Landkreis der Flüchtlinge angenommen haben.“ Schließlich habe die Kirche eine entsprechende Struktur, die es ermöglicht habe schnell und effektiv zu handeln. Und einen triftigen Grund gibt es laut Furian auch dafür: „Das Einstehen für die Schwachen ist unsere Mission, so einfach ist das!“ Mit der Turmstube habe man den Flüchtlingen einen Schutzraum anbieten können, der für sie auch sicherer gewesen sei als das Wohnheim. „Das ist jetzt erstmal nicht mehr“, bedauert die Superintendentin, „aber wir werden zusammenstehen und weitermachen!“

Es beginnt mit verbalen Ausfällen ...

Gerhard Kalinka (Bündnis90/Die Grünen) etwa ist von der Nachricht aus Jüterbog geschockt. Er habe leider nicht an der Gegendemonstration am Freitagabend teilnehmen können, wie er bekundete. „Es sind bestimmte Kreise, die die Situation eskalieren lassen“, meint der Politiker aus Blankenfelde-Mahlow. Das beginne mit verbalen Ausfällen, steigere sich in Gewalt gegen Sachen wie jetzt in Jüterbog, und diese Gewalt richte sich immer mehr gegen Flüchtlinge, Flüchtlingshelfer und auch Journalisten. Die Stimmung werde insbesondere in den so genannten sozialen Medien wie zum Beispiel Facebook angeheizt und bereite „solche Sachen“ vor. Er lebe selber unmittelbar am neuen Flüchtlingsheim im Blankenfelde, sagt Kalinka, und sei in ständiger Sorge um die dort lebenden Flüchtlinge.

„Die Gewalt geht nicht von den Flüchtlingen aus“, betont Kalinka, „sondern von den angeblich ,guten Deutschen‘, die meinen, das christliche Abendland mit völlig unchristlichen Methoden verteidigen zu müssen.“ Diese Situation sei völlig bizarr, so Kalinka.

Gerhard Kalinka von den Grünen

Gerhard Kalinka von den Grünen: „Es sind bestimmte Kreise, die die Situation eskalieren lassen“.

Quelle: Wenke

Die Landesvorsitzenden der Grünen, Petra Budke und Clemens Rostock erklärten am Samstag in einer Mitteilung: „Sollte sich herausstellen, dass sich dahinter eine rechtsextreme Motivation verbirgt, zeigt sich erneut, dass die sogenannten Asylkritiker vor nichts mehr zurückschrecken. Und letztlich zeigen solche Taten auch nur, wie hohl ihre Parolen sind“. Sie heben die Absurdität der Tat hervor. Denn: „Vor einer Islamisierung des Abendlands zu warnen und dann kirchliche Einrichtungen anzustecken, passt nicht zusammen. Von einem Anstieg der Kriminalität zu schwafeln und dann selbst zu solchen Mitteln zu greifen, passt nicht zusammen. Von Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Flüchtlinge zu reden und dann selbst die Gesundheit von Menschen aufs Spiel zu setzen, passt nicht zusammen.“

Ausdrücklich warnen die Grünen-Politiker vor einer Teilnahme an "Abendspaziergängen" der Asylkritiker, so wie er in Jüterbog vor der Explosion stattgefunden hatte.

„Hinterhältige Tat“ ist beschämend

Danny Eichelbaum, Landtagsabgeordneter und CDU-Kreisvorsitzender verurteilte den Anschlag auf die kirchliche Begegnungsstätte für Flüchtlinge. „Die hinterhältige und feige Tat ist beschämend und macht mich fassungslos“, heißt es in einer Mitteilung. Er hofft auf eine schnelle Aufklärung und eine harte Strafe für die Täter. Es soll ein Zeichen sein, denn Jüterbog sei eine liberale, tolerante und weltoffene Stadt.“ Zudem prangert er Gewalt, Fundamentalismus und Extremismus scharf an.

Arne Raue (parteilos) ist Bürgermeister in Jüterbog

Arne Raue (parteilos) ist Bürgermeister in Jüterbog.

Quelle: Alexander Engels

Jüterbogs Bürgermeister Arne Raue (parteilos) wollte unterdessen nicht mutmaßen, wer der Täter sein könnte. Doch auch er ist über den Anschlag in der Stadt erschüttert und hofft, dass die Verantwortlichen schnell gefasst werden. .“Ich hoffe, dass wir Jüterboger nun noch näher zusammenrücken und bald wieder Frieden in unsere soziale Gemeinschaft einkehrt“, so Raue per SMS an die MAZ. Er hatte sich Samstagmittag ein Bild vor Ort gemacht, war dann aber zu der spontanen Andacht vor der Turmstube nicht geblieben. Nach eigenen Aussage habe er eine Beisetzung besucht.

Auf der MAZ-Facebook-Seite schreibt Jenny Günther, stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Union von ihrem privaten Account beispielsweise: „Eine offene und besonnene Debatte zur Flüchtlingspolitik ist erlaubt. Angriffe und blindes Zerstören nicht. Die Kirche ist immer offen für alle. Eine Schande, was passiert ist.“ Viele andere spekulieren hingegen, wer den Anschlag verübt haben könnte.

Von MAZonline, Hartmut F. Reck und Victoria Barnack

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